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Netflix-Datenschatz: Serien laufen erfolgreich und werden trotzdem eingestellt

Netflix hat seinen ersten Engagement Report veröffentlicht. Was sich aus einem Datensatz mit mehr als 18.000 Positionen herauslesen lässt.
/ Peter Osteried
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Das Netflix-Logo steht vor den Netflix Albuquerque Studios. (Bild: Getty Images)
Das Netflix-Logo steht vor den Netflix Albuquerque Studios. Bild: Getty Images

Bislang war es schwierig, genaue Zahlen dazu zu bekommen, wie erfolgreich oder auch erfolglos Filme und Serien bei Netflix (und anderen Streamingdiensten) liefen. Große Erfolge wurden gerne marketingtechnisch ausgeschlachtet, umfassend waren die Daten aber nie. Während die Konkurrenz von Netflix die Abrufzahlen noch immer hütet, hat bei dem Dienst, der das Streaming-Zeitalter überhaupt erst eingeleitet hat, ein Umdenken eingesetzt.

Ted Sarandos, der Co-CEO von Netflix, erklärte(öffnet im neuen Fenster) , dass dies nicht mit neuen Transparenzregeln auf Grund neuer Übereinkünfte mit den Autoren und Schauspielern zusammenhängt, sondern dazu gedacht ist, gegenüber Kreativen, Produzenten und der Presse mehr Transparenz zu schaffen.

Sarandos sagte weiter: "Das ist seit mehreren Jahren kontinuierlich Thema. Es geht also um nichts anderes als das. Ich denke, es ist wirklich wichtig, weshalb ich auch schon gesagt habe, dass der Mangel an Daten, der Mangel an Transparenz unbeabsichtigt dieses Misstrauen zur Folge hatte, dieses Klima des Misstrauens gegenüber den Daten. Es sind also wahrscheinlich mehr Informationen, als Sie brauchen, aber ich denke, es schafft ein besseres Umfeld für die Gewerkschaften, für uns, für die Produzenten, für die Urheber und für die Presse."

Der nackte Datensatz

Für sich betrachtet fehlen dem Datensatz natürlich Vergleichswerte. Die werden sich erst mit weiteren Reports ergeben, so dass sich Entwicklungen besser nachzeichnen lassen – etwa, wie Serien und Filme auch über das erste Jahr hinaus laufen. Das lässt sich bedingt jetzt schon sehen. Denn auf dem vierten Platz steht die erste Staffel von Wednesday, die Netflix als die erfolgreichste englischsprachige Serie bezeichnet hat. Von der Serie wurden 507 Millionen Stunden gesehen.

Aber: Die Serie debütierte im November 2022, die letzten zwei Monate des vorherigen Jahres sind also nicht erfasst. Das ist die momentane Schwäche dieser Übersicht, die in den kommenden Jahren mit weiteren Reports in Hinblick auf die neueren Produktionen ausgemerzt wird.

Die erfolgreichste Serie des ersten Halbjahrs 2023 ist The Night Agent mit 812.100.000 gesehenen Stunden. Den Schlusspunkt bilden vor allem asiatische Serien auf den Rängen um die 18.200 mit jeweils etwa 100.000 gesehenen Stunden. Ein Lizenztitel ist auch weit unten: der deutsche Ödipussi mit Loriot auf Platz 18.203 und 100.000 gesehenen Stunden. Die nicht englischsprachigen Formate generieren 30 Prozent aller gesehenen Stunden bei Netflix.

Viele gesehene Stunden halten eine Serie nicht am Leben

Neustarts wie FUBAR, Diplomatische Beziehungen und Beef werden von Netflix besonders hervorgehoben, zusammen mit der Stärke von zurückgekehrten Serien wie Ginny & Georgia, You und XO, Kitty. Dass Neustarts mit interessanten Prämissen und Star-Power wie Arnold Schwarzenegger gut gehen, ist nicht überraschend, bei den Wiederkehrern sieht es schon anders aus.

Die zweite Staffel von Alice in Borderland wird von Netflix als Erfolg bezeichnet, liegt mit 157.700.000 gesehenen Stunden aber gar nicht so gut. Zwar startete die Serie schon im Dezember 2022, allerdings erst zwei Tage vor Weihnachten. Demgegenüber stehen ein paar Fragezeichen in Hinblick auf Erfolg und Misserfolg.

Das eine fortgesetzt, das andere eingestellt

Die häufigen Einstellungen von Serien nach der zweiten oder gar schon nach der ersten Staffel sind bei Netflix-Usern schon lange ein Ärgernis . Bisher musste man für bare Münze nehmen, wenn Netflix erklärte, eine Serie laufe nicht gut genug, um sie fortzusetzen.

So erwischte es in diesem Jahr Shadow and Bone nach der zweiten Staffel. Weitere wird es nicht geben. Die Fantasy-Serie auf Basis einer erfolgreichen Romanreihe brachte es auf 192.200.000 gesehene Stunden und wurde gecancelt, Sweet Tooth erreichte mit der zweiten Staffel im fast selben Zeitraum 182.300.000 gesehene Stunden und wurde verlängert.

Liegt es am Budget? Eher unwahrscheinlich. Die zweite Staffel von Shadow and Bone kostete 88 Millionen Dollar(öffnet im neuen Fenster) (während bei der ersten 3 bis 5 Millionen Dollar pro Folge aufgebracht werden mussten – die Show wurde also deutlich teurer). Zu Sweet Tooth wurden keine genauen Zahlen bekannt gegeben, eine neuseeländische Website(öffnet im neuen Fenster) berichtete jedoch, dass in dem Land umgerechnet 46 Millionen Dollar mit der zweiten Staffel ausgegeben wurden.

Die Produktionskosten spielen eine Rolle

Dazu kommt noch eine Summe X der Vorproduktion in den USA, womit das Budget sicherlich auch jenseits der 60 Millionen Dollar liegt und damit nicht mehr so weit von Shadow and Bone entfernt. Oder sollten wir denken, dass knapp 30 Millionen Dollar bei annähernd gleicher Menge an gesehenen Stunden über Wohl und Wehe entscheiden? Ist das ökonomisches Denken?

Hier ist aber schon die Schwierigkeit des Datensatzes zu sehen: Eine wichtige Information fehlt. Nämlich die, wie teuer eine Produktion war. Denn naturgemäß müssen die Kosten für eine Staffel gegen das Interesse auf der Plattform abgewogen werden. Angesichts der Diskrepanz von Shadow and Bone und Sweet Tooth stellt sich natürlich die Frage, wie es bei anderen Serien aussieht. Aber eben hier fehlt eine Information zum Budget.

Ab wann ist eine Serie für Netflix ein Erfolg?

Ein gutes Beispiel ist die britische Fantasy-Serie Lockwood & Co., die nach nur einer Staffel eingestellt wurde. 113.600.000 gesehene Stunden seit Ende Januar waren nicht genug. Die Serie sah aber nicht wirklich teuer aus. Newcomer in den Hauptrollen, ein überschaubares Maß an Effekten, gedreht unter britischen Bedingungen und mit einheimischem Cast und Crew – kann diese Serie so teuer gewesen sein, dass man auf einem Interesse von mehr als 110 Millionen gesehener Stunden nicht aufbauen könnte?

Ein anderes Beispiel: Die Erotik-Serie Sex/Life wurde nach der zweiten Staffel eingestellt. Bei der wurden immerhin 126.400.000 Stunden gesehen – so weit wir wissen, denn die Staffel startete am 25. Juni, die Cut-Off-Grenze für den Report ist jedoch der 30. Juni. Dem gegenüber steht die dritte Staffel der romantischen Serie Emily in Paris, die von Netflix als Hit gepriesen wird, aber auch nur 161.100.000 gesehen Stunden hat. Aber auch dieser Wert ist etwas verzerrt, weil die Staffel schon in den letzten Tagen des Dezembers 2022 anlief. Und doch: So weit auseinander scheinen beide Serien nicht zu liegen. Für beide Serien liegen keine Budget-Höhen vor.

Fortsetzungen einer Serie laufen oft gut

Zudem zeigen die Daten, dass eine neue Staffel einer Serie praktisch immer auch die vorherigen Staffeln nach vorne bringt. Am besten sieht man das natürlich bei den Hits wie You. Die vierte Staffel hat 440.600.000 gesehen Stunden, die drei vorherigen 123.500.000 (Staffel 1), 95.000.000 (Staffel 2) und 107.200.000 (Staffel 3). Die sechste Staffel Black Mirror hat 139.900.000 gesehene Stunden, jede Staffel zuvor brachte Netflix aber auch noch mal 15 bis 25 Millionen Stunden, die die Zuschauer auf der Plattform verbrachten.

Auch ein gutes Beispiel ist Vikings: Valhalla, von dem nicht wenige nach der ersten Staffel enttäuscht waren. Die zweite Staffel debütierte am 12. Januar und brachte es auf 205.500.000 gesehene Stunden, die erste Staffel schaffte auf Platz 83 der Liste aber auch noch 116.500.000 gesehene Stunden. Auch Shadow and Bone brachte es mit der ersten Staffel noch einmal auf knapp 100 Millionen gesehener Stunden, was heißt: Eine neue Staffel zieht auch ein neues Publikum an für die Folgen, die es bereits gibt, oder sorgt dafür, dass die Leute sie noch mal ansehen. So oder so sind das zufriedene Abonnenten, die erst dann murren, wenn Serien, in die sie Passion gesteckt haben, eingestellt werden.

Auch Serien, die keine neuen Staffeln haben, laufen durchaus gut. Der schon im Jahr 2022 gestartete Sandman kommt auf 56.700.000 gesehene Stunden. Selbst die nach nur einer Staffel und mit deftigem Cliffhanger eingestellte deutsche Serie 1899 hatte in dem Halbjahr 51.700.000 gesehene Stunden. Das sind im Grunde Zahlen, auf denen sich aufbauen ließe, was Zweifel hegen lässt, ob Serien wirklich so schnell eingestellt werden müssen, wie Netflix das seit vielen Jahren macht.

Auch der Blick auf die gelaufenen Netflix-Filme ist aufschlussreich.

Filme schneiden nicht immer schlechter ab

Naturgemäß schneiden Filme schlechter ab als Serien, da die Laufzeit kürzer ist. Einige wie Extraction 2 oder Luther: The Fallen Son finden sich dennoch weit vorne in den Charts. Der Filmableger zu Luther hat im Grunde sogar die gleiche Menge an gesehenen Stunden – 209.700.00 zu 214.100.000 wie die Serie Diplomatische Beziehungen, die aber viermal mehr Laufzeit hat.

Was kurios ist: Für die von Netflix lizenzierte Serie brachte der Film kaum etwas. Da haben die Staffeln Mühe, die Zwei-Millionen-Marke an gesehenen Stunden zu durchbrechen.

Extraction 2 hatte 201.800.000 gesehene Stunden. Durch die Laufzeit des Films von 122 Minuten geteilt, heißt das, dass fast 100 Millionen Menschen den Film gesehen haben. Natürlich ist das eine Milchmädchenrechnung, da mal mehr, mal weniger Leute vor dem Fernseher sitzen und nicht jeder den Film ganz ansieht. Aber dennoch: Eine interessante Zahl, die den Film – wäre dies zahlendes Publikum im Kino – zu einem enormen Erfolg gemacht hätte.

Netflix zahlt für Rechte

Oder man nehme Glass Onion: A Knives Out Mystery. Der Film hat 142.900.000 gesehene Stunden vorzuweisen, startete aber auch schon am 23. Dezember 2022. Der Wert dürfte also eher in Höhe von Extraction 2 liegen. Glass Onion hatte aber auch einen zweiwöchigen Kinoeinsatz, mit dem er in den USA gut 13 Millionen Dollar einspielte. Bei Netflix sahen ihn ca. 85 Millionen Menschen – rein rechnerisch. Für zwei Fortsetzungen von Knives Out soll Netflix allein für die Rechte 450 Millionen US-Dollar gezahlt haben.

Auch hier gilt: Die wären nicht alle ins Kino gegangen, der Vorgänger Knives Out, der fürs Kino produziert wurde, spielte aber immerhin weltweit fast 313 Millionen Dollar ein. Auf diese Art von Geld verzichtet Netflix für eine Form von Exklusivität des eigenen Diensts, der Zuschauern großes Kino praktisch ohne Umweg nach Hause bringt.

Ein Blick auf Fremdlizenzen

Netflix setzt nicht nur auf eigene Produktionen, diese führen die Liste der am meisten gesehenen Filme und Serien jedoch an, weil diese den Zuschauern auf der Plattform häufiger präsentiert werden. Nach Lizenztiteln muss man oft aktiv suchen. Und doch: Sie sind für Netflix durchaus wertvoll und generieren im Mittelfeld auch Werte von 40 bis 50 Millionen gesehener Stunden. Wohlgemerkt für Serien, die schon eine Reihe an Verwertungsformen durchhaben.

So etwa die Anwaltsserie Suits, deren erste Staffel fast 130 Millionen gesehener Stunden aufweist. Aber auch hier gilt: Der Report zeigt noch nicht das ganze Bild, die Serie legte im Sommer erst richtig los und brachte es mit allen Staffeln auf mehr als eine Milliarde gesehener Stunden.

Weitere Daten folgen

Das war übrigens auch einer der Gründe, wieso Autoren und Schauspieler für bessere Tantiemen streikten, da trotz des Werts, den die Serie für Netflix darstellt, nur Minimalbeträge an die Urheber flossen. Es zeigt aber auch, dass alte Serien im Streaming neues Leben finden können und zum Teil sogar von mehr Leuten gesehen werden als bei den Uraufführungen im linearen Fernsehen oder Pay-TV oder bei anderen Streamern. Das Gleiche gilt auch für Filme. Häufig tauchen in den wöchentlichen Top Ten von Netflix alte Filme auf, die im Kino kein Publikum fanden, hier aber schon.

Der Engagement Report, der hier als Excel-Datei angesehen werden kann(öffnet im neuen Fenster) , erzählt natürlich keine ganze Geschichte. Mit dem zweiten, der nächstes Frühjahr kommen und dann die zweite Jahreshälfte 2023 abdecken soll, wird sich ein deutlicheres Bild ergeben. Jetzt wäre es nur schön, wenn Netflix auch in Hinblick auf die aufgewendeten Budgets mehr Transparenz zeigen würde.


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