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Nerds4Refugees: Programmieren für Flüchtlinge

Speakfree, RefuChat, HelpHelp2: Viele Entwickler programmieren ehrenamtlich Apps, die Asylsuchenden helfen sollen. Doch sie stehen sich dabei gegenseitig im Weg. Die Gruppe Nerds4Refugees will das ändern.
/ Julia Ley
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Bild: Julia Ley / Nerds4Refugees: Lisa Neale, Andreas Tichon (Mitte) und Sung-Hi Kim

Das Smart Village liegt direkt hinter dem Münchner Finanzamt. Im dritten Stock eines Gewerbebaus liegt der Co-Working Space, der so aussieht, wie man sich Facebook in seinen Anfängen vorstellt: aus Holzpaletten gezimmerte Tische, Szene-Limo in Kästen, auf dem Tisch das Wort Welcome aus Deko-Buchstaben. Einmal wöchentlich trifft sich hier die Gruppe Nerds4Refugees(öffnet im neuen Fenster) . Drei ihrer Mitglieder stehen um einen Laptop herum und erklären, was sie antreibt. Sie wollen Programmierer vernetzen, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Dass das überhaupt nötig ist, zeigt, wie viel sich in der Szene gerade tut. Sprachlernprogramme wie Busuu(öffnet im neuen Fenster) und Icoon(öffnet im neuen Fenster) stellen ihre Dienste Flüchtlingen gratis zur Verfügung(öffnet im neuen Fenster) . Am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der TU München entwickelt ein Team die App Refguide+(öffnet im neuen Fenster) , die Kommunen helfen soll, die wichtigsten Anlaufstellen für Flüchtlinge übersichtlich zusammenzustellen.

Mit HelpHelp2(öffnet im neuen Fenster) können sich Spendenwillige auf einer Karte anzeigen lassen, welche Sachspenden wo entgegengenommen werden. Die App Refuchat(öffnet im neuen Fenster) will es Helfern erleichtern, mit Flüchtlingen zu kommunzieren, deren Sprache sie nicht sprechen. Ende Oktober soll in Berlin außerdem ein Refugee-Hackathon(öffnet im neuen Fenster) stattfinden, ein Wochenende lang programmieren dort Deutsche mit und für Flüchtlinge.

Eine Mischung aus Whatsapp und Tinder

Ein weiteres Produkt, das vielen Asylbewerbern helfen könnte(öffnet im neuen Fenster) , ist Speakfree(öffnet im neuen Fenster) . Ihrem Kogründer Gregor Amon ging es am Anfang gar nicht speziell um Flüchtlinge. Er hatte mit Freunden gewettet, wie schnell sie eine neue App auf den Markt bringen könnten. Es dauerte zwei Wochen. Speakfree funktioniert wie eine Mischung aus Whatsapp und Tinder: Das Programm erkennt über GPS, wo sich der Nutzer gerade befindet, und erstellt dann automatisch drei Kanäle, über die er mit anderen in der Umgebung chatten kann: Der erste Kanal erfasst Nutzer im Umkreis von einem Kilometer, der zweite innerhalb von 10 Kilometern und der dritte innerhalb von 100 Kilometern.

Der Vorteil dabei: Der Nutzer der App muss die anderen Chatter anders als bei Whatsapp nicht bereits kennen. Das ist besonders nützlich für Flüchtlinge, die andere Asylbewerber in ihrer Umgebung finden und sich mit ihnen austauschen wollen. Über die Sprachauswahl können sie eine von acht Sprachen auswählen, die App erstellt dann automatisch einen neuen Kanal. Und sie müssen sich nicht wie bei Tinder mit einem Facebook-Konto anmelden, geben also ihre Identität nicht preis. Statt des Namens wird nur ein Code angezeigt.

Die Idee, dass die App auch Flüchtlingen helfen könnte, kam Gregor Amon bei seinem Einsatz in einer Münchner Erstaufnahmestelle. Durch sie könnten Hilfsorganisationen Flüchtlinge schneller mit Informationen versorgen. Sie meldet wichtige Neuigkeiten einfach in einem der Kanäle.

Um die Verständigung zu erleichtern, bietet der Dienst jetzt auch eine Übersetzungsfunktion an: Postet eine Hilfsorganisation auf Deutsch oder Englisch, wird die Nachricht per Google Translate automatisch in die verschiedenen Nutzersprachen übersetzt.

Jeder Helfer braucht Helfer

Die Münchner Hilfsorganisation Diakonia hat bei der Entwicklung der App mitgeholfen und will sie in einer großen Münchner Erstaufnahmestelle bald flächendeckend ausprobieren. Laut Gründer Gregor Amon wird die App schon jetzt täglich zwischen 150- und 400-mal für iOS und Android heruntergeladen, Tendenz steigend. Zumindest in München scheint sie aber noch nicht wirklich angekommen zu sein. Bei mehrmaligen Versuchen von Golem.de war nie jemand in den Chatrooms online. Das könnte sich allerdings ändern, sobald die App von Diakonia eingesetzt wird.

Wie Amon sind viele Entwickler auf Hilfe von außen angewiesen. Denn fast jedes Produkt braucht die Unterstützung der Helfer-Szene, die ihre Dienste an den Flüchtling bringen. Und es braucht IT-Dienstleister, die Messaging-Dienste und Server gegen wenig Geld zur Verfügung stellen.

Entwickler graben sich gegenseitig die Ressourcen ab

Doch statt gemeinsam an einer App zu arbeiten, graben die Programmierer sich gegenseitig notwendige Ressourcen ab. Mit dem Ergebnis, dass viele der Angebote unausgereift wirken und kaum bekannt sind. Die fehlende Vernetzung führt außerdem dazu, dass viele der Apps sich inhaltlich stark ähneln.

Die Nerds for Refugees wollen das nun ändern. "Wir verstehen uns nicht als Startup, sondern als Metagruppe" , sagt Mitgründerin Lisa Neale. Sie und viele der anderen waren von Anfang an in der Flüchtlingshilfe aktiv. Sie beobachteten, wie es schwieriger wurde, den täglich wachsenden Helfer-Pool über Doodle und Facebook zu koordinieren. Schließlich kam die Idee auf, "etwas mit IT zu machen" .

Mit IT Probleme lösen

Heute verfolgt die Gruppe zwei Ziele gleichzeitig: Zum einen will sie eine Plattform bieten, auf der sich Programmierer und Projektmanager austauschen und vernetzen können. "So wollen wir den Markt effizienter machen, damit möglichst wenig Diversität besteht" , sagt Sung-Hi Kim, ebenfalls Mitglied der Gruppe. Zum anderen entwickeln sie selbst ein Tool, das die Helferkoordination in München, vielleicht sogar in ganz Deutschland, verbessern soll.

Die Helfer organisieren sich über die geschlossene Facebook-Gruppe(öffnet im neuen Fenster) Nerds4Refugees und die offene Seite Welcome Help(öffnet im neuen Fenster) .

Die Idee speist sich aus den Erfahrungen der Praxis: Wenn an einem Tag am Münchner Hauptbahnhof plötzlich doppelt so viele Menschen ankommen wie am Tag zuvor, müssen die Organisationen binnen Stunden mehr Helfer mobilisieren. Wenn es plötzlich anfängt zu schneien, müssen Jacken und Schlafsäcke herbeigeschafft werden. Das Tool soll all das automatisieren. "Unser Wunsch ist es, dass künftig automatisch eine E-Mail oder eine Whatsapp-Nachricht an alle rausgeht, wenn eine Schicht abgesagt wird oder eine Hilfsorganisation die Anzahl der benötigten Helfer erhöht" , sagt Kim.

Es gehe aber auch um Dinge wie Beschwerdemanagement. Wenn die Webseite mal nicht funktioniere, sei es wichtig, einen Ansprechpartner zu haben. Nur so könne man es den Helfern ermöglichen, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. "Wenn man so will, sind wir so etwas wie die IT-Abteilung einer Firma" , sagt er. "Wir versuchen einfach die Probleme zu lösen, die täglich auftauchen."

Die Gruppe Nerds4Refugees trifft sich einmal wöchentlich in München. Die genauen Termine und Treffpunkte werden regelmäßig in der Facebook-Gruppe bekanntgegeben. Wer mit den Nerds Kontakt aufnehmen oder mithelfen möchte, meldet sich am besten bei der Facebook-Gruppe an(öffnet im neuen Fenster) oder schreibt direkt an: hack4refugees@welcomehelp.de.


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