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Nepos: Ein Seniorentablet mit sinnvollem Bedienungskonzept

Die Menschen werden immer älter, gleichzeitig interessieren sich viele Ältere auch für Technik und das Internet. Das Nepos- Tablet aus Berlin soll es einfacher machen, sich in der Welt der Apps zurechtzufinden – mit Hilfe einer interessanten universellen Oberfläche.
/ Tobias Költzsch
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Das Nepos-Tablet (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Das Nepos-Tablet Bild: Martin Wolf/Golem.de

Für viele junge Menschen ist ein Smartphone oder ein Tablet Mittel zur Kommunikation, zur Unterhaltung, und zur Wissensbeschaffung. Bei älteren Menschen liegen die Prioritäten woanders, wie Paul Lunow in Gesprächen festgestellt hat. Lunow ist ein Unternehmer aus Berlin, der mit Nepos(öffnet im neuen Fenster) ein Tablet speziell für die ältere Generation entwickelt.

E-Mails schreiben, um in Kontakt mit der Familie zu bleiben; Onlinebanking, um für Bankangelegenheiten nicht extra in die Filiale fahren zu müssen – das sind Dinge, die ältere Semester gerne mit Hilfe eines Tablets machen würden. In Altersheimen hat sich Lunow umgehört, dort hat er auch die ersten Versionen seines Tablets vorgestellt.

Nepos Tablet – Hands on
Nepos Tablet – Hands on (01:08)

Nepos setzt sowohl auf eine gut verständliche Software als auch auf spezielle Hardware. Diese Kombination unterscheidet das Projekt von den üblichen Versuchen, bereits bestehende Hardware mit Hilfe eines Skins "rentnertauglich" zu machen. "Das Problem ist, dass man Android bei derartigen Launchern nie ganz rausbekommt" , sagt Lunow im Gespräch mit Golem.de. Daher sei eine eigene Software nötig.

Irgendwann fragt ein Android-System nach Berechtigungen, Update-Meldungen erscheinen, und schon ist die für ältere Nutzer vertraute Systemumgebung hin. Dazu kommen Probleme, an die jüngere Menschen möglicherweise zunächst gar nicht denken. Lunow erzählt beispielsweise von den ersten Tests seines Projekts, die mit Hilfe eines Samsung-Tablets und eines Skins der Benutzeroberfläche durchgeführt wurden.

Dabei zeigte sich, dass die Testpersonen das Tablet im Laufe der Nutzung mehrfach drehten. Dann haben sie irgendwann den Homebutton gesucht, der eigentlich am unteren Rand sein sollte – aufgrund der Drehungen aber mittlerweile oben war. Diese Erfahrungen haben Lunow dazu gebracht, neben eigener Software auch eigene Hardware herzustellen, um die Software so umzusetzen, wie sie gedacht ist.

Linux-Software mit Web-Oberfläche

Die Software ist das Kernstück des Nepos-Projekts: Es handelt sich um ein Linux-System, die Benutzeroberfläche ist eine Web-Oberfläche, hinter der ein Node-Server steckt. Sie ist universell ausgerichtet. "Jede Anwendung ist gleich aufgebaut" , erklärt uns Lunow. "Es gibt immer nur einen Weg, eine Sache zu erledigen."

Jede App ist gleich aufgebaut

Egal, ob wir uns im E-Mail-Programm oder in der Banking-App befinden, jede Anwendung hat am Rand einen Kontextbereich, in der Mitte werden die Inhalte angezeigt. Nutzer werden durch die verschiedenen Prozesse geleitet, was Fehler und Verwirrung vermeiden soll. Bei E-Mails beispielsweise läuft alles Schritt für Schritt ab: Erst wird die Empfängeradresse eingegeben, dann der Betreff, dann die Nachricht. Am Ende können wir alles noch einmal überprüfen, bevor wir die Nachricht absenden.

Auch die Banking-App funktioniert nach diesem Erklärprinzip, beispielsweise, wenn wir Überweisungen vornehmen. Der Vorteil dieses Systems liegt auf der Hand: Wer einmal damit vertraut ist, braucht keine Angst mehr vor neuen Anwendungen zu haben, da sie nach dem gleichen Prinzip ablaufen. Voraussetzung dafür sind Partner, deren APIs genutzt werden können. Lunow zufolge arbeitet sein Unternehmen mit verschiedenen Partnern zusammen.

Bei der Benutzung der Apps auf dem Nepos-Tablet ist uns der Unterschied zwischen eckigen und runden Bedienelementen aufgefallen. Anklicken lassen sich nur die runden Flächen, ein Prinzip, das immer gilt. "Das bringt Sicherheit" , sagt Lunow. Generell hat jedes UI-Element nur zwei Bedienmöglichkeiten: antippen und länger halten. Elemente verschieben können Nutzer auf dem Nepos-Tablet nicht: Hintergrund ist, dass manche ältere Menschen einen Tremor entwickeln. Wer mit den Händen zittert und einen Software-Button drücken möchte, verschiebt diesen möglicherweise unbeabsichtigt – beim Nepos-Tablet geht das nicht.

Die Benutzeroberfläche berücksichtigt auch Dinge wie im Alter verringertes Sehvermögen. Nicht nur sind Schriften ausreichend groß und kontrastreich vor hellem Hintergrund platziert, auch Systemmitteilungen erscheinen anders, als man sie von herkömmlichen Tablets gewohnt ist. Kleine Benachrichtigungsfenster können ältere Menschen oft nicht sofort oder gar nicht erkennen. "Bei unseren Tests gab es dann immer Personen, die sich gewundert haben, dass der Bildschirm ausgegraut wurde und keine Eingaben mehr annahm" , erklärt Lunow – die Statusmitteilung in der Mitte des Displays wurde schlicht übersehen.

Daher blendet das Nepos-Tablet derartige Mitteilungen im Vollformat ein – der ganze Bildschirm wird also für die Darstellung verwendet. Dazu ändert sich die Hintergrundfarbe, ein weiteres Indiz für die Nutzer, dass das System etwas mitzuteilen hat. Die Benachrichtigungen sind dadurch so auffällig, dass sie nicht übersehen werden können – dank großer Schrift ist zudem leicht zu erkennen, worum es geht.

Design aus Deutschland, Produktion in China

Neben der Software ist die Hardware das zweite Standbein des Nepos-Tablets. Anstatt ihre Benutzeroberfläche einfach auf ein bereits bestehendes Tabletmodell zu installieren, setzt Lunows Firma auf ein eigenes Design. "Wir haben einen Hersteller in China gefunden, der für uns das Tablet baut" , sagt Lunow.

"Die geringe Produktionszahl von zunächst 5.000 Geräten war anfangs ein Problem" , erinnert sich Lunow – und schildert ein ähnliches Problem, das auch die Fairphone-Macher bei ihrem ersten Gerät machen mussten. Für die großen Vertragshersteller in China lohnt sich ein derartig kleiner Auftrag meistens nicht – Fairphone musste aus diesem Grund bei seinem ersten Gerät auch auf ein bereits bestehendes Modell setzen. "Die Situation ändert sich aber" , sagt Lunow – sein Unternehmen konnte schließlich einen Hersteller finden, der das Nepos-Tablet baut. "Geholfen hat uns dabei auch, dass wir eine Mitarbeiterin direkt in Shenzhen haben, die Chinesisch spricht."

Gehäuse ist eher praktisch als dünn

Das Nepos-Tablet ist auf den ersten Blick sichtbar anders als herkömmliche Tablets. Das Gehäuse hat einen markanten Standfuß, dank dessen wir das Tablet entweder aufrecht hinstellen oder leicht angekippt auf einen Tisch legen können. Diese Position ist ideal, um auf dem Nepos-Tablet schreiben zu können. Hochkant hingestellt lassen sich hingegen Videos oder Fotos anschauen. Für die Videowiedergabe hat das Nepos-Tablet Stereolautsprecher.

Die Bedienelemente sind klar, es gibt große Knöpfe, Benachrichtigungs-LEDs für zahlreiche Funktionen sowie einen physischen Lautstärkeregler, der sich drehen lässt. Die Konstruktion insgesamt ist robust, das Tablet wirkt aber nicht extra abgesichert – also nicht wie ein Gerät für Kinder. Das passt zu dem Hintergedanken, dass ältere Menschen nicht gerne wie kleine Kinder behandelt werden wollen. "Rentner wollen nicht zwingenderweise ein Rentnertablet" , erklärt Lunow. Er und seine Firma mussten ein Stück weit Überzeugungsarbeit leisten, um dem Nepos-Tablet die Aura eines "Seniorenproduktes" zu nehmen.

Das 10,1 Zoll große Display hat eine Auflösung von 1.280 x 720 Pixeln, was eine Pixeldichte von 150 ppi ergibt. Für ein herkömmliches Tablet ist das wenig, für die anvisierte Zielgruppe und den Einsatzzweck dürfte die Auflösung aber ausreichen. Das gilt auch für den Prozessor, einen Snapdragon 410 – ein SoC aus dem unteren Mittelklassebereich. Der Akku hat eine Nennladung von 8.000 mAh. Die Komponenten, die Lunow in China verbauen lässt, sind von der Stange. Das Gehäuse hingegen ist eine Eigenentwicklung von Nepos.

Bezüglich des Geschäftsmodells ist Lunow noch am Experimentieren. Ihm wäre es am liebsten, wenn er seine Tablets kostenlos herausgeben könnte, beispielsweise an Altenheime, um den Gewinn dann durch die Nutzung der Software zu machen. So einfach ist das allerdings nicht, zunächst muss Lunows Unternehmen weiter Kontakte knüpfen. Anfangs scheint es realistischer, die Geräte an Institutionen zu verkaufen oder zu vermieten.

Das Interesse ist Lunow zufolge durchaus da, besonders bei den älteren Herrschaften. Dabei setzt er auch auf Mundpropaganda, nach dem Motto: Mein Nachbar kann jetzt Onlinebanking, ich will das auch. Allerdings dürften nur die wenigsten Altenheime in Deutschland mal eben das Geld für eine Reihe von Nepos-Tablet aufbringen können oder wollen.

Gut durchdachtes Nutzungskonzept

Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Nepos-Tablet ein gut durchdachtes Konzept ist, das über die bisherigen Versuche hinausgeht, moderne Technik für ältere Menschen attraktiv zu machen. Anstelle einfach einen Skin mit großen Schaltflächen zu programmieren, der dann über ein Android-System gestülpt wird, haben sich Lunow und sein Team Gedanken über eine wirklich sinnvolle Nutzerführung gemacht. Ihr Web-Oberflächenansatz hat den Vorteil, dass Nutzer nicht durch Systembenachrichtigungen wie Zugriffsanfragen oder Update-Angebote verwirrt werden können – Updates laufen beim Nepos-Tablet im Hintergrund ab.

Die Hardware mit dem griffigen Gehäuse und sinnvollen physischen Bedienelementen ergänzt unseren guten Eindruck. Der Gedanke, dass jede App nach dem gleichen Muster funktioniert, ist für unerfahrene Nutzer sehr vorteilhaft. Wer einmal gelernt hat, mit dem E-Mail-Programm umzugehen, kann auch die Onlinebanking-App verwenden – oder jede andere App, die unterstützt wird. Hierin liegt aber auch die Herausforderung an Lunows Team, beziehungsweise ein Faktor, mit dem das Projekt steht und fällt.

Nur mit einer guten Auswahl an Apps ist das Nepos-Tablet sinnvoll. Das bedeutet in diesem Fall, dass es nicht nur genügend Anwendungen geben sollte, sondern diese auch auf die Bedürfnisse der Zielgruppe abgestimmt sein sollten. Apps wie Snapchat dürften eher weniger dazugehören, dafür aber wohl möglichst viele Banken oder auch Messenger. Ohne ein passendes Angebot an Anwendungen mit universeller Bedienung dürfte Nepos für viele ältere Menschen nicht interessant genug sein.

Preis liegt bei 450 Euro

Den Preis eines Nepos-Tablet veranschlagt Lunow mit 450 Euro. Für die gebotene Hardware mag das recht hoch erscheinen, allerdings müssen bei dem Preis die geringe Produktionsmenge und der Aufwand der Programmierung bedacht werden.


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