Neom: Die Gründe für das Scheitern des Megaprojekts

Neom(öffnet im neuen Fenster) , das gigantische, auf weit mehr als 1 Billion US-Dollar bezifferte Architekturprojekt mit Hafen, Flughafen, Skiresort, Hochgeschwindigkeitszug und dem 170 km langen sowie 500 m hohen Wolkenkratzer existiert weiterhin. Allerdings zeigen Interviews mit mehr als 20 Verantwortlichen für das Projekt, die die Financial Times(öffnet im neuen Fenster) (Paywall) geführt hat, dass nicht mehr viel davon übrig ist.
Obwohl auf Satellitenaufnahmen auf einer Strecke von 150 km mittlerweile Straßen, Arbeitersiedlungen, Verwaltungsgebäude und Erdarbeiten zu erkennen sind und eines der größten je errichteten Fundamente schon steht, nennen die Beteiligten gute Gründe, weshalb die Weiterführung der Idee kaum noch zu erwarten ist.
Immer neue Änderungen und Vorgaben
Zunächst sei das Projekt, das kurz nach der Ernennung des jetzigen Premierministers Mohammed bin Salman zum Kronprinz von Saudi-Arabien startete, als Zwillingsstadt geplant gewesen, verbunden durch eine Zugstrecke. Schließlich entstand die Idee der 170 km langen Stadt in einem einzigen Gebäude. Dieses musste dann auch noch 500 m hoch werden, um geradlinig bis in Berge verlaufen zu können.
Hinzu kamen ein Stadion, ein Hafen mit einem 30-stöckigen, von oben herabhängenden Kronleuchter als Verwaltungssitz, ein hochseetauglicher Hafen und eine Schnellzugstrecke. Aus einem machbaren Projekt war ein monumentaler Komplex für 9 Millionen Einwohner geworden.
Geld kann man nie genug haben
Finanziert werden sollte das Ganze nicht nur durch einen saudi-arabischen Staatsfonds, sondern zusätzlich durch ausländische Investitionen. Allerdings soll sich schon kurz nach Verkündigung der prognostizierten Kosten von 1,6 Billionen US-Dollar gezeigt haben, dass das niemals ausreichen wird. Intern sei schon seit längerem von mindestens 4,5 Billionen gesprochen worden.
Gleichzeitig stiegen die Einnahmen aus dem Verkauf von Öl nicht wie erwartet. 2020 brach der Ölpreis wegen der Coronapandemie ein. Danach stieg er zwar bis 2022 wieder stark an, sinkt aber seitdem kontinuierlich. Zudem ging der globale Ölverbrauch 2024 zurück.
Als insbesondere The Line immer wieder gestutzt wurde, sollen auch die ausländischen Investitionen immer geringer geworden sein. Erst sollten noch zwanzig Module, später nur noch drei Module der Linienstadt errichtet werden, worauf die internationalen Gelder komplett ausgeblieben seien, weil die Investition nicht mehr attraktiv genug war.
Größe von Neom komplett unterschätzt
Ganz praktische Herausforderungen bot die Logistik. Das Vorhaben sollte in einer dünn besiedelten, kaum erschlossenen Region umgesetzt werden. Nur ein kleiner Hafen war 80 km entfernt ansteuerbar. Hätte man zumindest die erste Bauphase abschließen wollen, hätte alle 8 Sekunden ein großer Schiffscontainer eintreffen müssen, rund um die Uhr.
Der geplante Hafen innerhalb der Stadt, wären die Erdarbeiten jemals umgesetzt worden, hätte keine Frischwasserzufuhr. Das stehende Gewässer hätte aber ein Gesundheitsrisiko bedeutet. Riesige Pumpen waren geplant, um Abhilfe zu schaffen.
Auch innerhalb der Stadt hätte die Logistik Probleme bereitet. Züge und Aufzüge seien viel zu klein geplant gewesen, um beispielsweise Gepäck mit sich zu führen. Dafür wäre ein weiteres Transportsystem zum Einsatz gekommen. Bei der Reise durch die Stadt hätte man Zeit mitbringen müssen. Mit einem Halt alle 150 m hätte die Fahrt von einem Ende zum anderen einen Tag gedauert.
Auch das war ein Grund, eine Schnellzugstrecke zu ergänzen. 20 Minuten hätte die Fahrt vom geplanten Flughafen zum geplanten Hafen dauern sollen, dann aber ohne Zwischenstopps, um unterwegs Menschen ein- und aussteigen zu lassen.
Nur bedingt zum Leben geeignet
Mehrere Designer geben in den Interviews zu Protokoll, dass auch natürliches Licht ein Problem gewesen wäre. Die Gärten und Parks hätten allenfalls an den Rändern errichtet werden können. Im Inneren des 200 m breiten Komplexes hätte es nur künstliches Licht gegeben.
Auch die Interaktion mit der Umwelt wäre zum Problem geworden. The Line liegt an einer der wichtigsten Strecken für Zugvögel zwischen Sibirien und Afrika. Vögel fliegen möglichst über Land, um die Thermik zu nutzen und wären genau dort auf ein gigantisches, gläsernes Hindernis gestoßen.
Allein in Deutschland sterben Schätzungen zufolge 100 Millionen Vögel im Jahr an Fensterscheiben. An The Line wären es womöglich noch mehr geworden.
Fehlende Fehlerkultur
Zu guter Letzt sei die hierarchische Struktur zum Problem geworden. Die Ideen von Mohammed bin Salman hätten zwingend umgesetzt werden müssen. Änderungsvorschläge oder Bedenken sei nicht mehr nach oben oder an zuständige Stelle kommuniziert worden.
Studien zur Machbarkeit der teils völlig neuen, noch nie zuvor errichteten oder auch nur erprobten Konstruktionen wurden nicht erstellt. Eine der interviewten Personen, die wie die anderen anonym bleibt, verglich die Situation mit dem Märchen Des Kaisers neue Kleider(öffnet im neuen Fenster) .
Mittlerweile seien die Bauarbeiten größtenteils gestoppt, einige Fundamente bereits wieder mit Sand bedeckt. Lediglich an dem Skiresort Trojena(öffnet im neuen Fenster) wird weitergebaut, wobei auch hier fraglich ist, ob der Terminplan gehalten werden kann. Immerhin sollen die asiatischen Winterspiele 2029 dort ausgetragen werden.



