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Nasa: "Wir müssen uns immer wieder selbst übertreffen"

Als Mohawk Guy wurde Nasa -Ingenieur Bobak Ferdowsi während der Landung des Mars-Rovers Curiosity zur Netzberühmtheit. Retten Stars wie er und Astro-Alex die Raumfahrt?
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Bobak Ferdowsi: Spitzname Mohawk Guy vom US-Präsidenten (Bild: Brian van der Brug/Pool/Getty Images)
Bobak Ferdowsi: Spitzname Mohawk Guy vom US-Präsidenten Bild: Brian van der Brug/Pool/Getty Images

Der heute 35-jährige Nasa-Ingenieur Bobak Ferdowsi wurde über Nacht zur Internetberühmtheit, als der Rover Curiosity im August 2012 auf dem Mars landete. Ferdowsi war während der Live-Übertragung aus dem Kontrollzentrum der Nasa immer wieder zu sehen und fiel wegen seiner Frisur auf, die ihm den Spitznamen Mohawk Guy einbrachte. Ferdowsi arbeitet im Jet Propulsion Laboratory der US-Raumfahrtbehörde und war schon an der Cassini-Huygens-Mission(öffnet im neuen Fenster) beteiligt.

Zeit Online: Herr Ferdowsi, als Curiosity im August 2012 auf dem Mars landete , saßen Sie als einer der leitenden Ingenieure im Nasa-Kontrollzentrum. Die Bilder von Ihrer Frisur gingen um die Welt. Sie trugen einen Mohawk in den Farben der US-Flagge, mit Sternchen an den Seiten. Ihr Team hatte vorher per E-Mail-Umfrage darüber abgestimmt. Selbst US-Präsident Obama nannte Sie später Mohawk Guy(öffnet im neuen Fenster) . So von Nasenring- zu Mohawkträger: Ist das noch Punkrock?

Bobak Ferdowsi: Damals hat wohl niemand damit gerechnet, diesen Stil bei der Nasa zu sehen. Aber ich war nie der einzige Paradiesvogel dort. Vor allem das Jet Propulsion Laboratory(öffnet im neuen Fenster) in Los Angeles, wo ich arbeite, sieht aus wie ein Hochschulcampus. Viele haben bunte Haare, Piercings oder Tattoos. Die Situation war nur eine besondere, weil es so lange her war, dass die ganze Welt ins Innere eines Nasa-Kontrollzentrums schauen und erkennen konnte, dass wir nicht mehr aussehen, als würden wir im Tom-Hanks-Film Apollo 13(öffnet im neuen Fenster) mitspielen.

Zeit Online: Die Curiosity-Landung war ein Medienevent. Mittlerweile hat die Raumfahrt auch richtige Stars. Astronauten wie Chris Hadfield(öffnet im neuen Fenster) und Alexander Gerst(öffnet im neuen Fenster) machen sich selbst und ihre Arbeit über soziale Netzwerke populär. Und sie sind hervorragende Entertainer, wenn sie auf einer Bühne oder vor der Kamera stehen. Wie viel Show verträgt die Raumfahrt?

Ferdowsi: Das sind charismatische Männer, die ihre Erfahrungen so erklären können, dass jeder sie versteht. Wir können bei der Nasa oder der Esa so viel forschen wie wir wollen, aber letztlich müssen auch die Steuerzahler unsere Arbeit wertschätzen. Sie sollen verstehen, welchen praktischen Nutzen die Raumfahrt ihnen bringt. Außerdem vermittelt jemand wie Commander Hadfield sehr anschaulich die emotionale Seite der Raumfahrt.

Zeit Online: Sie haben eben die Steuerzahler erwähnt. Reden wir über Öffentlichkeitsarbeit, gute und schlechte. In letzter Zeit lese ich ständig NSA, wo eigentlich Nasa steht(öffnet im neuen Fenster) ...

Ferdowsi: ... passiert mir auch.

Zeit Online: Das ergibt zugegebenermaßen lustige Schlagzeilen. Aber während die Geheimdienste in den vergangen Jahren ihr Budget trotz reichlich schlechter Publicity immer wieder erhöht bekamen(öffnet im neuen Fenster) , stagniert das der Nasa bestenfalls. Schaffen Sie es nicht, eine Pro-Raumfahrt-Stimmung zu erzeugen, die auch die Politik nicht ignorieren kann?

Ferdowsi: Ich hoffe zumindest, dass wir ein paar Menschen erreichen, die dann wiederum selbst zu Nasa-Botschaftern werden und damit unser Netzwerk vergrößern. Im besten Fall vergrößert das unsere Chancen, dass bei den nächsten Wahlen jene ins Amt kommen, die die Nasa unterstützen. Ich selbst bin überwiegend in meiner Freizeit unterwegs. Das ist eine persönliche Mission. Schließlich bin ich selbst bei der Nasa gelandet, weil irgendwann vor 20 Jahren mal ein Astronaut an meiner Schule einen Vortrag gehalten hat. Ich will etwas davon zurückgeben.

Zeit Online: Zuletzt wurde die Landung der Sonde Philae auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko zum weltweiten Medienevent. Hilft es der Wissenschaft wirklich, wenn jahrzehntelange Forschungsarbeit auf solche Momente reduziert wird, in denen die ganze mühevolle, frustrierende, komplizierte Vorarbeit für die Öffentlichkeit ausgeblendet wird?

Ferdowsi: Es ist definitiv Segen und Fluch zugleich. Ein Fluch, weil solche Events unsere Arbeit einfacher aussehen lassen, als sie ist. Weil wir nicht jeden Tag so etwas wie die Landung von Philae oder Curiosity haben. Und selbst wenn wir etwas Ähnliches in zehn Jahren nochmal versuchen würden, wäre es immer noch wahnsinnig schwierig. Nichts wäre selbstverständlich. In der Öffentlichkeit wird das jetzt dennoch als die neue Normalität angesehen, so dass wir uns immer wieder selbst übertreffen müssen. Das ist schon ein wenig frustrierend.

Zeit Online: Und ein Segen, weil ...?

Ferdowsi: Was wir bei Philae gut hinbekommen haben, war, den Menschen zu erklären, wie verrückt das ist, was wir da tun. Was alles innerhalb weniger Minuten passieren muss, damit wir Erfolg haben. Solche Anlässe helfen uns, mit der Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen. Wir sind dann vielleicht für 24 oder 48 Stunden in den Nachrichten und dann erst einmal nicht mehr. Aber über Facebook und Twitter können wir den Dialog aufrechterhalten. Vielleicht nicht immer im gleichen Ausmaß. Aber hoffentlich können wir den Menschen das Gefühl geben, dass sie Teil der Mission sind und etwas lernen können.

Den Menschen das Gefühl geben, dass sie Teil der Mission sind

Zeit Online: Fällt Ihnen eine wissenschaftliche Disziplin ein, die sich in Sachen Social-Media-Aktivität ein Vorbild an der Raumfahrt nehmen sollte, um an ihrem Image zu feilen?

Ferdowsi: Ich fände es toll, wenn der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider eine große Social-Media-Präsenz hätte. Was passiert da? Ich weiß, die Forscher dort ändern ständig irgendetwas, aber ich will mehr über die ganze Geschichte wissen. Die ist doch faszinierend – die Menschheit beweist dort Dinge, die vor wenigen Jahren nur rein theoretisch betrachtet werden konnten.

Zeit Online: Sie arbeiten derzeit an der Europa-Clipper-Mission(öffnet im neuen Fenster) , mit der die Nasa den Jupitermond Europa erforschen will. Was ist Ihre Aufgabe?

Ferdowsi: Ich bin der mission planner . Wir untersuchen gerade, welche Auswirkungen die Bauweise unserer Sonde darauf hat, was wir damit anstellen können.

Zeit Online: Können Sie mir ein Beispiel geben?

Ferdowsi: Wir wollen bestimmte Daten vom Jupitermond zurück zur Erde übertragen. Wollten wir alles direkt zur Erde senden, bräuchten wir eine riesige Antenne. Aber jedes Gramm, das wir zum Jupiter schicken, kostet uns eine Menge Geld. Wollten wir die Daten langsamer übertragen, bräuchten wir Speicherplatz in der Sonde, und außerdem würde es dann vielleicht Jahre dauern, bis wir alle Daten hier haben. Wir versuchen, eine Balance zu finden: Können wir zwei kleine statt einer großen Antenne verwenden? Können wir die Route der Sonde so gestalten, dass sie regelmäßig Daten zur Erde schicken kann? Wenn ja, wie viel Energie kostet uns das?

Zeit Online: Wie viel Zeit haben Sie dafür noch?

Ferdowsi: Wir peilen an, irgendwann zu Beginn des kommenden Jahrzehnts zu starten. Aber ich habe neun Jahre an Curiosity gearbeitet und kann immer noch nicht glauben, wie schnell die Zeit vorbei ging.

Zeit Online: Wenn Sie das nächste Mal eine Frisur für einen bestimmten Anlass während der Europa-Clipper-Mission suchen, könnten Sie statt Ihrer Kollegen ja auch Ihre Fans im Internet abstimmen lassen. Oder hätten Sie Angst vor dem Ergebnis?

Ferdowsi: Nein. Das Großartige an Haaren ist ja: Sie wachsen nach. Was würden Sie mir denn empfehlen?

Zeit Online: Haare sind nicht so mein Spezialgebiet. Aber ich kann Ihnen einen Nasenring empfehlen.

Ferdowsi: Ok, ich bin für alles zu haben.


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