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Nahrungsmittel: Trinken statt Essen

Wie essen wir in Zukunft? Trinken wir unsere Nahrung? Oder essen wir künstlich hergestelltes Fleisch? Der Klimawandel zwingt uns, über unsere Ernährung nachzudenken.
/ Werner Pluta
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Soylent: beige, geruchlos, dickflüssig (Bild: Rosa Labs)
Soylent: beige, geruchlos, dickflüssig Bild: Rosa Labs

Ein Freund pflegt die Bestellung des nächsten Biers mit dem Satz "Was ich heute noch essen muss, kann ich auch trinken" zu kommentieren. Nun hat Bier sicherlich einen gewissen Nährwert. Aber ob es eine echte Mahlzeit ersetzen kann, scheint fraglich – auch wenn Mönche sich früher in der Fastenzeit, während der nur flüssige Nahrung erlaubt war, von Doppelbockbier ernährt(öffnet im neuen Fenster) haben sollen. Genau das aber beabsichtigt Rosa Labs(öffnet im neuen Fenster) : Trinken statt Essen.

Flüssignahrung Soylent – Rosa Labs
Flüssignahrung Soylent – Rosa Labs (02:46)

Das US-Unternehmen hat ein Flüssignahrungsmittel entwickelt, das feste Mahlzeiten ersetzen soll. Es ist ein geruchloses, dickflüssiges, beigefarbenes Getränk, das alle wichtigen Nährstoffe enthalten soll, die der Körper braucht. Soylent soll als vollwertiges Nahrungsmittel dienen. Es soll die Verschwendung von Lebensmitteln und das damit verbundene Aufkommen an organischem Müll eindämmen. Außerdem sollen sich mit seiner Hilfe Fettleibigkeit ebenso wie Unterernährung bekämpfen lassen.

Koppelwort aus Soja und Linsen

Ob es eine gute Idee war, ein Lebensmittel Soylent zu nennen, ist indes fraglich: So lautete der Originaltitel eines Science-Fiction-Films aus dem Jahr 1973(öffnet im neuen Fenster) (deutscher Titel: ...Jahr 2022... die überleben wollen). Darin wird das beliebte Lebensmittel Soylent Green – eigentlich ein Koppelwort aus Soja (Soy) und Linsen (Lentils) – aus Leichen hergestellt. Menschlichen Leichen. Allerdings beteuert Rosa Labs, dieses Soylent enthalte keine Menschen.

Die Idee zu Soylent hatte Rose-Labs-Gründer Rob Rhinehart. Ausgangspunkt sei die Überlegung gewesen, dass der menschliche Körper im Prinzip nur Nährstoffe brauche. "Ich habe recherchiert, welche Substanzen der Körper zum Überleben benötigt sowie einige weitere, die als nutzbringend gelten, und sie bei verschiedenen Stellen in weitgehend unverarbeiteter Form gekauft" , berichtet Rhinehart in seinem Blog Mostly Harmless(öffnet im neuen Fenster) .

Nährstoffe statt Nahrungsmittel

Soylent enthält folgerichtig auch keine Nahrungsmittel, sondern lediglich Nährstoffe: Vitamine, Proteine, Mineralstoffe, Kohlenhydrate. Daraus hat Rhinehart eine Flüssignahrung gemixt und im Selbstversuch nach und nach verfeinert. Herausgekommen sei eine "dicke, geruchlose, beigefarbene Flüssigkeit" , schreibt er. Das Rezept ist Open Source und auf der Seite abrufbar.

Konkurrenz bekommt Soylent aus Finnland.

Ambronite: flüssig, aber organisch

Nicht ganz so künstlich geht es bei Ambronite(öffnet im neuen Fenster) zu: Auch das ist eine Trinkmahlzeit – und tatsächlich grün. Aber anders als Soylent bestehe sie aus natürlichen Zutaten, nicht einfach aus Nährstoffen, sagte Simo Suoheimo vom finnischen Hersteller Ambro dem US-Online-Magazin Ars Technica(öffnet im neuen Fenster) : verschiedene Nüsse, Kräuter, Getreidesorten und Früchte liefern die Bestandteile für das Pulver, das in Wasser gelöst wird.

Flüssignahrung Ambronite – Ambro
Flüssignahrung Ambronite – Ambro (02:12)

Insgesamt 20 Zutaten(öffnet im neuen Fenster) listen die Finnen und versichern, sie seien glutenfrei und nicht genmanipuliert. Außerdem sei Ambronite vegan, enthalte keine künstlichen Aromastoffe und es sei kein weiterer Zucker zugesetzt.

Gemeinsam essen

Was gegen die Flüssignahrungsmittel spricht, ist, dass Essen nicht nur eine lebenserhaltende, sondern auch eine soziale Funktion erfüllt: Menschen versammeln sich um einen Tisch zu einer gemeinsamen Mahlzeit. Sie essen nicht nur, sie reden, erzählen, lachen miteinander. Diese Komponente dürfte beim Trinken von Soylent eher zu kurz kommen. Eine Einladung zum Rendezvous, bei dem eine Portion Soylent oder Ambronite statt eines Dinners bei Kerzenlicht in Aussicht gestellt wird, dürfte überschaubare Chancen haben, angenommen zu werden.

Gut zubereitetes und gewürztes Essen schmeckt einfach zu gut. Aber wie lange können wir uns das noch leisten?

Furzende Kühe

Die Idee, nur noch merkwürdig gefärbte Brühe zu trinken statt zu essen, mag nicht besonders ästhetisch anmuten. Gesünder als Fast Food dürften beide jedoch allemal sein.

Nachdem er sich einen Monat lang ausschließlich von Soylent ernährt habe, habe sich seine körperliche Konstitution verbessert, erklärte Rhinehart. Seine Hautprobleme und seine Schuppen seien verschwunden, er habe mehr Energie und einen niedrigeren Ruhepuls, er könne weiter laufen. Er sei "ein unglaublich gesunder Mensch" , sagte Rhinehart dem US-Blog Gawker(öffnet im neuen Fenster) .

Gesünder als Fast Food

Das konnte der US-Dokumentarfilmer Morgan Spurlock nach seinem Fast-Food-Selbstversuch nicht behaupten. Vor einigen Jahren ernährte er sich für seinen Film Supersize Me(öffnet im neuen Fenster) einen Monat lang ausschließlich von Fast Food. In der Zeit nahm er elf Kilogramm zu und zeigte weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen wie einen zu hohen Cholesterinwert.

Ein weiteres Argument der Essensmixer ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen: Nahrungsmittel werden teurer, weil sich das Klima verändert. Schon heute sind die Auswirkungen erkennbar, die Nahrungsmittelversorgung gefährdet, erklären Wissenschaftler: Das Intergovernmental Panel on Climate Change(öffnet im neuen Fenster) der Vereinten Nationen (United Nations, UN) hat im Frühjahr einen Bericht zum Klimawandel(öffnet im neuen Fenster) veröffentlicht.

Klimawandel bedroht Nahrungsmittelproduktion

So stagniernten die Ertragssteigerungen bei Getreide – es sei aber wichtig, dass die Erträge stiegen, um die wachsende Weltbevölkerung zu versorgen, sagte Michael Oppenheimer, einer der Autoren der Studie, der britischen Tageszeitung The Guardian(öffnet im neuen Fenster) . Die Erträge beim Fischfang sind rückläufig. Laut dem UN-Report könnten die Nahrungsmittelpreise bis Mitte des Jahrhunderts um bis zu 84 Prozent steigen.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass die Nahrungsmittelindustrie selbst am Klimawandel beteiligt ist: So soll das Vieh, das für die Fleischproduktion gezüchtet wird, für etwa 5 Prozent der Kohlendioxid- und sogar 40 Prozent der Methanemissionen verantwortlich sein. Für die Viehzucht wird knapp ein Drittel der nutzbaren Fläche der Erde verwendet.

Fleisch aus der Retorte...

Allerdings gibt es Erwägungen, Fleisch künftig ohne Nutzflächen und schädliche Emissionen zu erzeugen: Mark Post etwa züchtet es im Reagenzglas: Der Wissenschaftler von der Universität in Maastricht hat im vergangenen Jahr eine Boulette aus Stammzellen hergestellt .

Cultured Beef – Fleisch aus der Retorte
Cultured Beef – Fleisch aus der Retorte (06:04)

Aus den Stammzellen züchtete er in einer Nährlösung 20.000 Fleischstreifen von etwa 1,3 Zentimetern Länge und mit einem Durchmesser von einem Millimeter. Die setzte der Forscher dann zu einem etwa 140 Gramm schweren Burger zusammen – einem Edelburger: Denn der kostete 250.000 Euro. Gegessen hat ihn Google-Gründer Sergey Brin. Er hatte das Projekt finanziert.

... und aus dem 3D-Drucker

Eine andere Möglichkeit, Steaks und Schnitzel sowie Leder ohne Kuh oder Schwein herzustellen, ist Bioprinting: Modern Meadow(öffnet im neuen Fenster) entwickelt ein Verfahren, um essbares Fleisch ebenso wie Leder mit Hilfe eines 3D-Druckers aus lebenden Zellen aufzubauen . Das US-Unternehmen ist der Ableger des Tissue-Engineering-Unternehmens Organovo, das künstliches Gewebe für medizinische Zwecke herstellt.

Das Ausgangsmaterial für die tierlosen Steaks ist eine Biotinte, in der verschiedene Zelltypen gelöst sind. Mit Hilfe des 3D-Druckers wird das Fleisch in Form gebracht. Anschließend muss es noch in einem Bioreaktor reifen. Das ist jedenfalls umweltfreundlicher und ethischer als die Massentierhaltung.


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