Nachruf: Informatiker und Pascal-Erfinder Niklaus Wirth gestorben

Der Informatiker Niklaus Wirth ist am Neujahrstag im Alter von 89 Jahren gestorben. Das berichten verschiedene Weggefährten wie der Nachfolger auf Wirths Lehrstuhl, Bertrand Mayer(öffnet im neuen Fenster) , oder der an dem Oberon-Projekt beteiligte Andreas Pirklbauer auf der Mailingliste des Projekts(öffnet im neuen Fenster) . Wirth war über Jahrzehnte einer der wohl prägendsten Informatiker weltweit und ist neben seinen Leistungen vor allem für seine Haltung und Herangehensweise an die Programmierung bekannt.
Der Schweizer Wirth schloss sein Studium als Elektroingenieur 1959 an der ETH Zürich ab, wo zu der Zeit erstmals Algol entstand. Danach ging er nach einen Umweg über Kanada nach Kalifornien an die UC Berkeley. Bereits für seine Promotion arbeitete Wirth an Programmiersprachen und Compilerdesign und erarbeitete eine Erweiterung für Algol, die später zu Euler(öffnet im neuen Fenster) werden sollte.
Jahrzehntelanges Programmiersprachen-Design
Es folgte das Design der Sprache PL360(öffnet im neuen Fenster) für die legendären S/360-Großrechner von IBM an der Universität Standford, wo Wirth bis 1968 wirkte. Parallel dazu erarbeitete Wirth zusammen mit Tony Hoare eine Verbesserung seiner Algol-Erweiterungen, die vom Algol-Komitee jedoch nicht akzeptiert wurden. Aus diesem Algol-W entstand letztlich Pascal, welche die ETH Zürich, an die Wirth zurückgekehrt war, als Lehrsprache für die Ausbildung an der Universität einsetzte.
Pascal(öffnet im neuen Fenster) verbreitete sich schnell an anderen Universitäten und erreichte mit der IDE- und Compiler-Kombination Turbo Pascal von Borland insbesondere in den 80er Jahren auch Programmierer kommerzieller Software. Auch Apple nutzte in dieser Zeit Pascal(öffnet im neuen Fenster) . Teile des Textsatzsystems Tex von Donald Knuth wurden ursprünglich ebenfalls mithilfe von Pascal erstellt.
Wirth kehrte noch zweimal für jeweils ein Jahr ins Silicon Valley zurück zur Forschung am Xerox Parc . Der erste Aufenthalt führte direkt zu einer Arbeitsgruppe an der ETH Zürich, die eine Workstation (Lilith) mit Betriebssystem (Medos-2) erstellte. Wirth erstellte dafür die Sprache Modula-2(öffnet im neuen Fenster) . Das Projekt wurde schließlich mit der Ceres Workstation und dem Oberon-Betriebssystem sowie der gleichnamigen Programmiersprache von Wirth und seinem Team im Laufe der 80er Jahre aktualisiert.
Allrounder mit Absicht und klarem Fokus
Wirth hatte die Hoffnung, dass er den schon damals übermäßig komplexen Betriebssystemen eine Alternative entgegensetzen konnte. Diese sollte vor allem so einfach sein, dass sie sich im Informatikstudium als Lehrbeispiel verwenden ließ. Wirth wünschte sich, dass bei der Benutzung von Oberon die Lust am Programmieren geweckt würde. Der Ansatz hatte offenbar Erfolg und prägte eine ganze Generation von Informatikstudenten.
Diesen Ansatz und auch seine prinzipiellen Einstellungen zu Problemen der Computertechnik und Informatik behielt Wirth über Jahrzehnte bei, was neben Pascal zu seiner Bekanntheit beitrug. So schreibt die ACM(öffnet im neuen Fenster) , die Wirth bereits 1984 einen Turing Award verlieh: "Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen blieb Wirth ein allgemeiner, praktischer Systementwickler. Er kämpfte mit bemerkenswertem Erfolg gegen enge Nischen für die akademische Arbeit und die daraus resultierende Trennung von Sprachdesign, Betriebssystemen, Hardware, Grafik und Netzwerken in verschiedene Spezialisierungen."
Noch auf einem Symposium im Jahr 2014 bewies Wirth,(öffnet im neuen Fenster) was dies praktisch für Informatiker bedeutet. Für die Veranstaltung portierte Wirth das Oberon-System 25 Jahre nach der ersten Fertigstellung auf eine eigens neu erstellte RISC-CPU, die auf einem FPGA-Board implementiert worden war. Dafür schrieb Wirth auch mehrere Kapitel des Oberon-Buchs über Compiler, Linker und weiteres neu(öffnet im neuen Fenster) .
Zusätzlich zu seinen Grundlagen- und Lehrbüchern über Compilerbau, Algorithmen und Datenstrukturen und systematisches Programmieren ist Wirth vielen Informatikern insbesondere für sein Plädoyer für schlanke Software (A Plea for Lean Software, PDF(öffnet im neuen Fenster) ) bekannt, das sich auch mit direktem Bezug auf Oberon gegen die Verschwendung von Systemressourcen in der Programmierung wendet. Daraus leitet sich das sogenannte Wirthsche Gesetz(öffnet im neuen Fenster) ab, wonach Software in einem kürzeren Zeitraum langsamer wird als Hardware schneller.



