Nachhaltigkeit: Grüner Stahl made in Hamburg?

Arcelor Mittal, der größte Stahlhersteller der Welt, will seine Produktion bis 2050 klimaneutral stellen. Ein erster Schritt könnte eine Pilotanlage in Hamburg sein.

Ein Bericht von Monika Rößiger veröffentlicht am
Das Langstahlwerk im Hamburger Hafen läuft mit Erdgas.
Das Langstahlwerk im Hamburger Hafen läuft mit Erdgas. (Bild: Monika Rößiger)

Wer zum ersten Mal ein Walzwerk betritt, denkt vielleicht: So könnte es in der Hölle zugehen! Es ist laut, heiß und stickig. Dabei wirkt die Szenerie, auf die Besucher von einer Galerie in mehreren Metern Höhe blicken, archaisch und futuristisch zugleich.

Rot-glühende Eisenknüppel schieben sich über eine Walzstraße, der scheppernde Klang von Metall ist zu hören und ein malmendes Geräusch, das wohl von den Antrieben der 26 Walzgerüste stammt. Arbeiter sind nicht zu sehen, der Prozess läuft vollautomatisch und wird aus dem Leitstand per Computer gesteuert. Betrachter sehen nur die beeindruckende Geschwindigkeit und Präzision der Maschinen, wenn bei einer Temperatur von 1.200 Grad die Knüppel gewalzt werden.

Rund 1,1 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr stellt das Langstahlwerk im Hamburger Hafen her. Aus dem Walzdraht entstehen so unterschiedliche Produkte wie Schweißdrähte, Spannstähle etwa für Brücken, Federdrähte für Matratzen oder Saiten für Musikinstrumente. Die Besonderheit dieses Werks, das 523 Mitarbeiter beschäftigt, ist jedoch das Fehlen eines Hochofens. Stattdessen besitzt es eine Direktreduktionsanlage, die in Europa einzigartig ist: Hier wird das Eisenerz mit Hilfe von Erdgas in metallisches Eisen verwandelt.

Erdgas reduziert die CO2-Emissionen

Das funktioniert so: Eisenerzpellets werden in einem 40 Meter hohen Schachtofen mit Erdgas versetzt, wodurch Roheisen in Form von Eisenschwamm entsteht. Dieser wird dann zusammen mit Stahlschrott in einem Elektrolichtbogenofen aufgeschmolzen. Um die dafür notwendige Temperatur von rund 1.630 Grad Celsius zu erreichen, braucht es viel Energie. Deshalb verschlingt das Werk pro Jahr so viel Strom wie die Stadt Kiel mit ihren rund 249.000 Einwohnern.

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An die Prozesse im Lichtbogenofen und in den beiden Pfannenöfen schließt sich die Stranggießanlage an, bevor die Knüppel im Walzwerk zu Walzdraht geformt werden.

Die Direktreduktionsanlage, immerhin schon 50 Jahre alt, verursacht dennoch weniger CO2-Emissionen pro Tonne Stahl als das sonst in Europa übliche Hochofen-Verfahren: Laut Arcelor Mittal sind es 500 Kilogramm Kohlendioxid gegenüber durchschnittlich 1.800 Kilogramm Kohlendioxid.

"Der Unternehmer Willy Korf, der den Grundstein für das Stahlwerk und die Reduktionsanlage legte, war ein Visionär", sagt Sebastian Gellert während einer Betriebsführung. Der Weg über das Werksgelände führt durch riesige Produktionsanlagen aus braun gerostetem Stahl hindurch, an denen man sich klein wie ein Hamster vorkommt.

Erneuerbare Energien und Klimaschutz: Hintergründe - Techniken und Planung - Ökonomie und Ökologie - Energiewende (Deutsch)

Auf dem Platz direkt am Hafenbecken stapeln sich Tausende von Walzdrahtringen, jeder von ihnen rund zwei Tonnen schwer. Rund um die Uhr werden diese Drahtbunde auf Lkw, Bahn oder Schiffe verladen. Entlang der zum Werk gehörenden 450 Meter langen Kaimauer können See- und Binnenschiffe gleichzeitig be- und entladen werden - je nachdem, ob sie Rohstoffe bringen oder die daraus gefertigten Produkte abholen.

Die Anlage wird sich jedoch bald ziemlich verändern. So schnell wie möglich will Arcelor Mittal am Standort Hamburg den Grundstein für eine weitere Vision legen, die nun "grüner Stahl" heißt.

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Hamburg soll eine Pilotanlage zur Direktreduktion mit Wasserstoff erhalten 
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Bouncy 16. Nov 2020

Zitieren wir mal das WSJ: Also ja, es geht bergab mit dem Gewinn - aber wir bewegen uns...

m4mpf 13. Nov 2020

Na, das ist ja Klasse! Der Offshore-Windstrom bleibt dann gleich im Norden und wir können...

Kosake 13. Nov 2020

Mein Beitrag ist das Gegenteil von "am Thema vorbei".



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