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In der Stadt kennen sich Nachbarn oft nicht.
In der Stadt kennen sich Nachbarn oft nicht. (Bild: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images)

Man lernt Nachbarn nicht kennen, weil sie Nachbarn sind

Reiner Delgado hat über einen Flyer von der Nebenan.de-Nachbarschaft erfahren. Zuerst ignorierte er ihn, später meldete er sich an. Er suchte einen Joggingpartner. Delgado ist blind, um zu joggen, braucht er eine Begleitung. Nach einigen Wochen meldete sich eine Nutzerin, mit der er bis heute regelmäßig laufen geht. Auch alte Bücher seiner Kinder, die dafür schon zu alt sind, wurde er schnell in der Nachbarschaft los: "Das geht deutlich schneller und unkomplizierter als zum Beispiel bei Ebay Kleinanzeigen", sagt er. Ob nicht eine Facebook-Gruppe genauso sinnvoll wäre? Für ihn kein Thema, er nutzt Facebook überhaupt nicht.

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Manche Nachbarn hat Reiner über die virtuelle Nachbarschaft kennengelernt, aber längst nicht alle. "Man kann sehen, dass einige andere aus meinem Haus auch in der Nachbarschaft angemeldet sind - viele davon kenne ich bis heute nicht", erzählt er. Es ist wie in einer realen Nachbarschaft: Man lernt die Nachbarn nicht kennen, weil sie Nachbarn sind, sondern durch gemeinsame Aktivitäten.

Wer Freunde sucht, ist in einem solchen Netzwerk also vielleicht falsch, wer ein schwarzes Brett braucht, hingegen genau richtig. Dominik Schmengler hat das verstanden und gerade deshalb ein Nachbarschaftsnetzwerk auf Nebenan.de gegründet - für sein Dorf.

Wer sich schon kennt, profitiert besonders

Schmengler ist Ortsbürgermeister in dem knapp 1.500 Einwohner zählenden Stadtteil Meyenburg der niedersächsischen Stadt Schwanewede und hat dort ein Nachbarschaftsnetzwerk aufgebaut. Hier kennen sich alle. Von Nebenan.de sind sie trotzdem begeistert. "Ich war auf der Suche nach einer geeigneten Plattform, auf der man sich jenseits von Facebook und Whatsapp austauschen und informieren kann", erzählt Schmengler. Nebenan.de kam auf ihn zu, er ließ sich überzeugen. Zum einen, weil in das Netzwerk nur die echten Dorfbewohner eintreten können und sich unter ihren Klarnamen anmelden müssen. Zum anderen, weil das Netzwerk "unaufdringlich" sei, wie es Schmengler ausdrückt. Man könne schließlich die Benachrichtigungen des Netzwerks dosieren oder ganz abstellen.

Er verteilte Flyer im Dorf, die Lokalzeitung schrieb einen Artikel über die Bemühungen des Ortsbürgermeisters. Mittlerweile hat die virtuelle Nachbarschaft 180 Mitglieder, viele Accounts werden aber von Ehepartnern gemeinsam genutzt. Wöchentlich, so sagt Schmengler, kämen neue Mitglieder hinzu: "Mein anfängliches Pushen und Promoten braucht es längst nicht mehr: Nebenan.de läuft einfach nebenbei und gut!"

Die Digitalisierung der Dorfnachbarschaft vereinfacht das Dorfleben, das Nachbarschaftsnetzwerk wird auch hier zum schwarzen Brett: "Die ortsansässigen Vereine setzen ihre Termine rein, diese werden für uns Nutzer dann chronologisch aufgeführt. Ich brauche mir nicht mehr jedes Plakat merken und in meinen eigenen Kalender eintragen", sagt der Ortsbürgermeister. Es werden Gegenstände ausgeliehen oder günstig verkauft und Veranstaltungen angekündigt. Und: "Wenn ich hier einen Babysitter suche, kennt man sich in den meisten Fällen irgendwie schon und hat sofort Vertrauen in die Person."

Wenn die Stimmung kippt

Allerdings zeigen sich wie im echten Leben auf dem Netzwerk die Nachbarn nicht nur von ihrer besten Seite. Psychiater Mazda erlebte das, als er sich probeweise in einer virtuellen Nachbarschaft von Nebenan.de anmeldete. Er sah rassistische Kommentare, die allzu oft unwidersprochen blieben. "In kleinen virtuellen Nachbarschaften fallen die Schranken genauso, wie es im echten Leben passieren kann - das hat mich damals sehr erschüttert", erzählt er.

Das Problem liegt im System: Grüppchenbildung "besorgter" Bürger gegen unliebsame Personen wird von Nachbarschaftsnetzwerken genauso vereinfacht wie die Bildung einer Gruppe zur Nachbarschaftshilfe. Immer wieder haben sich auf Nextdoor etwa Nachbarn gegenseitig auf "potenzielle Gefährder" hingewiesen - in der Regel Obdachlose, Schwarze oder Drogenabhängige. Nextdoor hat seither seinen Algorithmus überarbeitet, mit dem angeblich verdächtige Umtriebe gemeldet werden können. Allerdings scheint der Algorithmus immer noch Lücken für rassistische Beiträge zu bieten.

Eins von etlichen schwer lösbaren Problemen: Da jeder auf dem Netzwerk mit seinem Klarnamen angemeldet ist und nahe bei den anderen Teilnehmern wohnt, ist es ein Risiko, sich einer Gruppenmeinung entgegenzustellen. Wer im Netzwerk nicht mitmacht, setzt sich im echten Leben etwa der Gefahr von Mobbing aus.

Vielleicht komme ich wieder

Auch in meiner Nachbarschaft gab es vereinzelte rassistische Äußerungen über Flüchtlinge. Dem wurde allerdings schnell und vehement von anderen Nachbarn widersprochen. Trotzdem bin ich immer seltener auf Nebenan.de. Reiner ist der einzige Nachbar geblieben, mit dem ich mich getroffen habe. Ich brauche weder einen Bürostuhl noch alte Kinderbücher noch möchte ich Poker spielen. Mit etwas mehr Elan und Zeit hätte ich sicher Nachbarn gefunden, die ähnliche Interessen wie ich haben, aber mich faszinierte die virtuelle Nachbarschaft einfach nicht lang genug. Das einzige, was von meinem Experiment geblieben ist, ist der Newsletter, der mich alle paar Tage über neue Beiträge in meiner virtuellen Nachbarschaft informiert.

Wird Nextdoor ein attraktiveres Angebot nach Deutschland bringen und Nebenan.de so verdrängen, wie Facebook seinerzeit StudiVZ verdrängt hat? Immerhin ist der Chef des deutschen Nextdoor-Büros Marcus Riecke passenderweise der Exchef von StudiVZ. Nebenan.de glaubt nicht, dass dieses Schicksal auch diesem Unternehmen droht. "Wir machen weiter wie bisher und konzentrieren uns darauf, den Nachbarn in Deutschland eine für sie nützliche und relevante Plattform zu bieten", heißt es vonseiten des Unternehmens. Das 2011 gegründete Nextdoor hat zwar mehr Erfahrung, das Alleinstellungsmerkmal gegenüber Nebenan.de ist aber bisher die einfache Möglichkeit für Mitglieder, sich gegenseitig auf verdächtige Aktivitäten in der Nachbarschaft hinzuweisen. Das ist mir nicht direkt sympathisch.

Vor kurzem bin ich umgezogen, wohne in einer neuen Nachbarschaft. Ich spiele mit dem Gedanken, auch hier mal nach einer virtuellen Nachbarschaft zu suchen. Denn schlecht ist die Idee nicht, und wenn ich etwas aktiver werden würde: Vielleicht wird es ja doch was, mit dem Nachbarschaftstreffen. Denn Nachbarschaft heißt nun mal, sich zu engagieren, und das nimmt einem Nebenan.de auch nicht ab. Außerdem bräuchte ich einen neuen Schreibtisch, vielleicht hat ein Nachbar ja einen.

 Nachbarschaftsnetzwerke: Nebenan statt mittendrin

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Neuro-Chef 18. Jan 2018

Nee, aber eine Unperson darf neuerdings (oder wieder einmal? oder immer noch? Hmm...

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cnMeier 18. Jan 2018

Wer hat schon was zu verbergen :-D

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der_wahre_hannes 18. Jan 2018

Schön, nur dass der EuGH hier ein allgemeines Urteil fällt, welches für europäische...

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zZz 17. Jan 2018

FragNebenan ist in allen großen Städten in Österreich vertreten. Ab 50 Nutzern werden...

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Clown 17. Jan 2018

Wenn Du etwas verschenkst, dann stapeln sich die Leute, aber wehe Du verlangst mal ein...

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