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Nach Softwarefehler: Urteile gegen britische Postangestellte aufgehoben

Die britische Post hat jahrelang Mitarbeiter fälschlich des Diebstahls und Betrugs beschuldigt. Ursache war eine fehlerhafte Abrechnungssoftware.
/ Friedhelm Greis
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Filiale von Post Office (Bild: My another account)
Filiale von Post Office Bild: My another account / CC0 1.0

Für 39 Mitarbeiter der britischen Post ist ein jahrelanger juristischer Alptraum zu Ende gegangen. Anders als von ihrem Arbeitgeber Post Office behauptet, waren die ihnen vorgeworfenen Diebstähle offenbar auf Fehler einer Abrechnungssoftware zurückzuführen. Das hat ein britisches Berufungsgericht in der vergangenen Woche entschieden (PDF)(öffnet im neuen Fenster) .

Die betroffenen Mitarbeiter hatten die Differenzbeträge teilweise aus eigener Tasche ausgeglichen oder waren zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Einem Bericht des Guardian(öffnet im neuen Fenster) zufolge geht eine Kampagne davon aus, dass zwischen den Jahren 2000 und 2014 mehr als 900 Personen wegen der Fehler verklagt und verurteilt wurden. Der Kampagne zufolge(öffnet im neuen Fenster) könnten weitere 700 Freisprüche folgen.

Post Office forderte Unschuldsbeweis

Die aus der früheren Royal Mail hervorgegangene Post Office Ltd. hatte die Software Horizon von der Computerfirma ICL (International Computers Limited) entwickeln lassen und im Jahr 2000 eingeführt. Bei der Übernahme von ICL durch Fujitsu im Jahr 2002 wurde das System übernommen und fortgeführt. Es diente dazu, mehr als 10.000 Zweigstellen mit der Zentrale zu verbinden und die Umsätze elektronisch abzurechnen.

Die Leiter der einzelnen Postagenturen waren verantwortlich dafür, wenn es zu Differenzen zwischen dem Abrechnungssystem und dem tatsächlichen Kassenbestand kam. In etlichen Fällen konnten sich die Filialleiter nicht erklären, wie es zu den Differenzen kommen konnte. Dennoch weigerte sich Post Office, den Fehler im Abrechnungssystem zu suchen und gab den Mitarbeitern die Schuld. Dem Gerichtsurteil zufolge forderten die Hausjuristen des Unternehmens von den Mitarbeitern, ihre Unschuld zu beweisen.

Probleme jahrelang bekannt

Schon 2009 hatte es erste Berichte über mögliche Softwareprobleme(öffnet im neuen Fenster) mit Horizon gegeben. Dennoch beharrte das Unternehmen 2010 darauf, dass das System "robust" sei und dass Differenzbeträge auf Diebstähle in den Filialen zurückzuführen seien. Eine unabhängige Untersuchung wurde zwar angeregt, aber jahrelang nicht vorgenommen. 2013 wurden dann erste Softwarefehler entdeckt .

Den Richtern zufolge hat sich auch der Softwarehersteller Fujitsu nicht korrekt verhalten. Demnach verfügte das Unternehmen über eine vollständige und komplette Aufnahme aller Tastatureingaben über Horizon ( "ARQ-Daten" ). Diese Log-Daten wurden jedoch den Betroffenen nicht zur Verfügung gestellt. Zudem soll Fujitsu in der Lage gewesen sein, "Transaktionsdaten oder Daten in Zweigstellenkonten einzufügen, zu bearbeiten oder zu löschen, Korrekturen in Horizon zu implementieren, die das Potenzial hatten, Transaktionsdaten oder Daten in Zweigstellenkonten zu beeinflussen, oder Zweigstellendaten neu zu erstellen, alles ohne die Kenntnis oder Zustimmung des betreffenden Filialleiters" .

Die britische Post einigte sich bereits im Dezember 2019 mit 555 Klägern gegen eine Zahlung von umgerechnet 66 Millionen Euro. Firmenchef Nick Read hatte zuvor die Regierung aufgefordert, die Justizopfer zu entschädigen, weil das Unternehmen dazu finanziell nicht in der Lage sei.


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