Nach Sabotage: Glasfaserkabel der Bahn weiter völlig ungesichert
Auch neun Monate nach einer folgenschweren Sabotage von Glasfaserkabeln in Berlin hat die Deutsche Bahn den Bereich noch immer nicht gegen Angriffe gesichert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Spiegel-Recherche vor Ort(öffnet im neuen Fenster) . Demnach liegen an einer leicht zugänglichen Stelle im Norden Berlins zahlreiche Kabel in einer Böschung. Diese ragen aus maroden Führungen heraus, sind mit Zahlen und Symbolen beschriftet. Es handelt sich dabei um TK-Kabel, zudem liegen blau ummantelte Glasfaserleitungen im Gras.
Am Morgen des 8. Oktobers 2022 hatten unbekannte Täter an dieser Stelle Kabel zerschnitten, mit deren Hilfe der Zugfunk der Bahn betrieben wird. Da andere Täter wenige Stunden zuvor in Herne in Nordrhein-Westfalen ebenfalls Glasfaser durchtrennt hatten, führte die gezielte Sabotage zu einem weitgehenden Ausfall von GSM-R, dem Funksystem der europäischen Eisenbahnen. Darüber findet die für den Bahnbetrieb erforderliche Kommunikation mit dem fahrenden Zug statt. Der dafür genutzte Frequenzbereich liegt nahe am 900-MHz-Band des öffentlichen Mobilfunks.
Nach Medienberichten durchtrennten die Täter Glasfaserkabel in der Nähe des Hauptbahnhofs Herne und in Berlin-Hohenschönhausen. In Herne befinde sich unter einer Brücke ein Knotenpunkt für die Glasfaserverbindungen. Die Kabel in Berlin wurden auf offener Strecke zwischen dem S-Bahnhof Gehrenseestraße und dem S-Bahnhof Hohenschönhausen beschädigt. GSM-R fiel danach in Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein aus. Der Zugfunk ist redundant im Backhaul angebunden, um Ausfälle zu vermeiden.
In der Folge stellte die Bahn den Bahnverkehr in Norddeutschland ein. Wenn das GSM-R-Netz nicht funktioniert, dürfen keine Fahrten unternommen werden. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) sprach damals von einer "mutwilligen Zerstörung" , der Generalbundesanwalt nahm Ermittlungen wegen des "Verdachts auf verfassungsfeindliche Sabotage" auf. Bundespolitiker mahnten einen besseren Schutz der Infrastruktur an.
Angriffe auf die Bahn-Infrastruktur nehmen zu
Als der Spiegel die Bahn auf den Zustand im Berliner Norden aufmerksam machte, reagierte man überrascht. Man habe die ordnungsgemäße Verlegung nun in Auftrag gegeben, sagte eine Bahn-Sprecherin. "Die Arbeiten sollen bis zum kommenden Wochenende abgeschlossen sein." Das Eisenbahnbundesamt (EBA), das die Sicherheit der Bahn überprüfen soll, ist alarmiert. "Die Fotos zeigen einen Verstoß gegen die anerkannten Regeln der Technik. Grundsätzlich sind Kabel geschützt zu verlegen." Man werde sich die Stelle sofort anschauen, sagte die Sprecherin.
Vertrauliche Dokumente der Bahn, die dem Spiegel vorliegen, zeigen, dass die Angriffe auf die Bahninfrastruktur im vergangenen Jahr stark zugenommen haben. Über 1.500 Sabotage-Aktionen wurden demnach allein im Jahr 2022 verübt, im Vorjahr waren es nur rund 1.200. Die meisten der Taten (310) geschahen demnach in Berlin. Besonders stark betroffen waren auch Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg sowie Nordrhein-Westfalen.
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