Nach Nutzersperrung: Wikipedia soll saudische Infiltration aufklären
Die Regierung von Saudi-Arabien soll wichtige arabische Mitarbeiter des Online-Lexikons Wikipedia für deren Zwecke rekrutiert haben. Das berichten die Nichtregierungsorganisationen Smex und Dawn(öffnet im neuen Fenster) und berufen sich auf Personen, die mit entsprechenden Untersuchungen vertraut sind. Darüber hinaus habe Saudi-Arabien im September 2020 zwei Administratoren verhaftet, die inzwischen zu 32 beziehungsweise acht Jahren Haft verurteilt worden seien.
Die Organisation Democracy for the Arab World Now (Dawn) war von dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi(öffnet im neuen Fenster) gegründet worden, der im Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Die libanesische Organisation Social Media Exchange (Smex) setzt sich nach eigenen Angaben "für die Förderung selbstregulierender Informationsgesellschaften im Nahen Osten und Nordafrika" ein.
Die Wikimedia Stiftung in San Francisco als Betreiberin des Online-Lexikons, hat Anfang Dezember 2022 nach einer internen Untersuchung 16 Wikipedia-Autoren weltweit gesperrt(öffnet im neuen Fenster). Zur Begründung hieß es: "In der Untersuchung konnten wir bestätigen, dass eine Reihe von Nutzern mit engen Verbindungen zu externen Parteien die Plattform auf koordinierte Weise bearbeiteten, um die Ziele dieser Parteien zu fördern. Aufgrund der ernsten Situation und um die Sicherheit unserer Nutzer und der Projekte zu gewährleisten, hat die Stiftung 16 globale Verbote ausgesprochen."
Auch Beiträge in der deutschsprachigen Wikipedia betroffen?
Weitere Details nannte die Stiftung nicht, doch auf der Seite der global gesperrten Nutzer(öffnet im neuen Fenster) sind die Profile zu finden. Demnach waren einige der gesperrten Personen seit acht Jahren in den verschiedenen Sprachversionen wie Arabisch oder Persisch aktiv und kamen teilweise auf mehr als 300.000 Beiträge, was ein hoher Wert ist. Aus der Liste geht hervor, dass noch nie so viele Nutzer gleichzeitig global gesperrt wurden.
Den NGOs zufolge handelt es sich bei den gesperrten Personen um sämtliche Administratoren aus Saudi-Arabien. Admins haben weitergehende Rechte als normale Wikipedia-Autoren und können beispielsweise Artikel oder Nutzer sperren. "Die Infiltration von Wikipedia durch die saudische Regierung mit Regierungsagenten, die sich als unabhängige Autoren ausgeben, und die Inhaftierung von nicht-konformen Autoren zeigt nicht nur, dass die saudische Regierung ständig Spione in internationalen Organisationen einsetzt, sondern auch, wie gefährlich der Versuch ist, unabhängige Inhalte in diesem Land zu produzieren", sagte Sarah Leah Whitson, Geschäftsführerin von Dawn.
Beide Organisationen fordern von der Wikimedia Stiftung, die Ergebnisse der Untersuchung zu veröffentlichen. Ebenfalls sollten alle Beiträge, die das saudi-arabische Team bearbeitet habe, offengelegt und einer unabhängigen Überprüfung und Analyse unterzogen werden. Letzteres ist problemlos möglich, da alle Bearbeitungen über die Profile verlinkt sind. Einer der gesperrten Autoren hat seit Mai 2012 auch mehrere hundert Beiträge in der deutschsprachigen Wikipedia bearbeitet(öffnet im neuen Fenster). Ebenfalls sollte die Stiftung "eine interne Überprüfung aller Seiten durchführen, die von Administratoren in autoritären Regimen bearbeitet werden, und Warnhinweise ausgeben, dass die Inhalte möglicherweise von der Regierung infiltriert sind".
Stiftung widerspricht
Auf Nachfrage der taz(öffnet im neuen Fenster) wies die Stiftung jedoch einige der Behauptungen zurück: "In unserer Untersuchung gab es keinen Hinweis auf Saudis, die unter dem Einfluss der saudischen Regierung handeln." Die Recherche von Smex und Dawn enthalte zudem Ungenauigkeiten. "Wir wissen nicht, wo sich diese Freiwilligen aufhalten. Aber die Sperrung von Freiwilligen, die möglicherweise aus Saudi-Arabien stammen, war Teil einer viel umfassenderen Aktion, bei der 16 Redakteurinnen und Redakteure in der gesamten Mena-Region gesperrt wurden."
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