Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Nach Entlassung von Entwicklern: Wikipedia-Autoren drohen mit Streik

Die Wikimedia-Stiftung hat Entwickler entlassen, die sich gewerkschaftlich engagieren, darunter auch den ersten CTO. Das stößt auf Widerstand.
/ Friedhelm Greis
19 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Brooke Vibber am Vibber-Tag 2013 (Bild: Quim Gil)
Brooke Vibber am Vibber-Tag 2013 Bild: Quim Gil / CC-BY-SA 3.0

In der Wikipedia-Community gibt es Widerstand gegen die Entlassung von mehreren Entwicklern, die sich für die geplante Gewerkschaft Wiki Workers United WWU(öffnet im neuen Fenster) engagiert haben sollen. Zu den zuletzt entlassenen sieben Mitarbeitern gehört einem Solidaritätsaufruf(öffnet im neuen Fenster) zufolge auch Brooke Vibber (früher Brion Vibber), die als einflussreichste Entwicklerin der Software Mediawiki gilt, auf der die Wikipedia technisch basiert.

In dem Aufruf bekräftigen die mehr als 600 Unterzeichner (Stand 28. Mai 2026/11 Uhr MESZ) ihre Bereitschaft, "auf Aufforderung der WWU an kollektiven Aktionen teilzunehmen, bis hin zu einem redaktionellen Streik".

Community-Tech-Team aufgelöst

Die Petition sei eine direkte Reaktion darauf, dass die Wikimedia Foundation (WMF) die fünf Entwickler und einen Manager des Community-Tech-Teams entlassen habe, von denen die meisten Mitglieder von WWU gewesen seien. Eine Woche zuvor sei bereits Vibber gekündigt worden, die ebenfalls ein prominentes WWU-Mitglied gewesen sei.

Der zuständige Manager begründete die Entlassungen damit(öffnet im neuen Fenster), dass das zentralisierte Team "häufig zu Engpässen und Verzögerungen führte, da die Commtech-Mitarbeiter sich mit anderen Teams abstimmen mussten". Daher würden andere Teams diese Aufgaben übernehmen. "Dieses Modell hat sich bereits bewährt, erfordert jedoch die Auflösung des Community-Tech-Teams und die Streichung der Stellen von fünf Ingenieuren und einem Manager", schrieb er.

Vibber war erste Wikimedia-CTO

Einem Bericht von Jake Orlowitz auf Medium zufolge(öffnet im neuen Fenster) war Vibber die erste Vollzeitmitarbeiterin der Wikimedia Stiftung und deren erste CTO. In der Wikipedia gilt der 1. Juni als sogenannter Brooke-Vibber-Tag(öffnet im neuen Fenster), nachdem Mitbegründer Jimmy Wales 2004 erklärt hatte: "Wikipedianer ferner Tage werden staunen ob seiner [Brions] unglaublichen Hingebung und seiner harten Arbeit, ohne die das Projekt schon vor langem zusammengebrochen wäre. Heute beim Abendessen sollte jeder Wikipedianer einen Trinkspruch auf Brion und seine vielen Erfindungen ausbringen."

Der Leiter der WMF-Rechtsabteilung, Stephen LaPorte, versicherte in einem Diskussionsbeitrag(öffnet im neuen Fenster), die Bestrebungen für eine Gewerkschaftsgründung zu respektieren. "Sollte die Mehrheit der wahlberechtigten Mitarbeiter für eine Vertretung stimmen, würden wir in gutem Glauben Verhandlungen aufnehmen", schrieb er. Doch bislang habe die Stiftung von keiner Organisation einen formellen Antrag auf Anerkennung als Gewerkschaft für die US-Mitarbeiter erhalten. Dazu ist es laut LaPorte erforderlich, dass diese Organisation mindestens die Mehrheit der berechtigten Mitarbeiter vertritt.

Team war für Wunschliste zuständig

Die Wikipedia-Autoren stören sich zudem daran, dass die entlassenen Mitarbeiter des Community-Teams für die sogenannte Community Wishlist(öffnet im neuen Fenster) zuständig gewesen seien. Über dieses Forum konnten Wikipedianer Ideen oder Wünsche austauschen, "die auf die im Jahresplan festgelegten strategischen Ziele zur Verbesserung unserer Produkte und Technologien abgestimmt sind". Zudem könnten sie "untereinander und mit der Wikimedia Foundation zusammenarbeiten, um diese Möglichkeiten zu priorisieren und gemeinsam umzusetzen."

Ein Entwickler bezeichnete die Auflösung des Community-Tech-Teams(öffnet im neuen Fenster) als schlechte Entscheidung, da dieses Team "effektiv die meiste Arbeit geleistet hat". Die Unterzeichner des Aufrufs verweisen zudem auf weitere Entscheidungen der WMF-Leitung, die gegen die Wünsche der Community getroffen worden seien. Dazu gehöre die Entscheidung, sämtliche Wikinews(öffnet im neuen Fenster)-Projekte zu beenden. Die 2004 gestarteten Nachrichtenseiten der Wikipedia litten jedoch unter einer geringen Beteiligung.

Laut Orlowitz zeigt sich in dem Konflikt, dass die WMF als gemeinnützige Organisation trotz Rücklagen von mehreren 100 Millionen US-Dollar inzwischen die "Silicon-Valley-Methode" verfolgt: "Man entlässt die Ingenieure, die wissen, wie das System funktioniert, man entlässt diejenigen, die die Belange der Belegschaft organisieren, und hofft, dass nichts Katastrophales passiert, bevor man etwas Aufsehenerregendes auf den Markt bringen kann."

Offenlegung: Der Autor schreibt seit 2004 an der Wikipedia mit und ist Mitglied im Verein Wikimedia Deutschland.


Relevante Themen