Der Alles-Bezos

Angesichts der zahlreichen Zwiste ist es erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten Jeff Bezos und Elon Musk haben. Beide behaupten, dass ihr Reichtum kein Selbstzweck sei, sondern nur dem Erreichen eines übergeordneten Ziels diene. Und wie bei Musk ist dieser Zweck die Raumfahrt. Bezos folgt ihr wie einem roten Faden, langsam, aber stetig. Wie viele Jungs wollte auch Bezos Astronaut werden, nachdem er Apollo 11 erlebt hatte. Aus dem kleinen Jeff quollen offenbar ständig Star-Trek-Zitate. Brad Stone schreibt, dass die Abschlussrede, die Bezos an der Highschool hielt, mit folgenden Worten begann: "Der Weltraum, unendliche Weiten ..."

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Was Bezos von den anderen Kindern unterschied, die ebenfalls gern Astronaut werden wollten, war seine überdurchschnittliche Intelligenz, seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Probleme zu lösen sowie ein überbordender Ehrgeiz. Sie ließen ihn einen landesweiten Jugend-Wissenschaftswettbewerb gewinnen mit dem Thema "Die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf die gemeine Haus- und Stubenfliege". Seine offensichtlichen Begabungen, erkannt und gefördert von seinen Eltern, führten Bezos direkt auf die Weltklasse-Universität von Princeton, an der er Ende der 1980er Jahre mit Bestnoten einen Bachelor in Elektrotechnik und Informatik erwarb. Dort hatte er zudem das erste Mal Kontakt mit dem Internet, bezeichnenderweise in einem Seminar über Astrophysik.

Wie Musk ist Bezos also ein Gründer und CEO, der die technischen Zusammenhänge in seinen Unternehmen versteht oder zumindest in der Lage ist, sich schnell darin einzuarbeiten. Bevor Bezos Amazon gründete, verbrachte er einige Jahre an der Wall Street. Zuletzt arbeitete er als Vice President für D. E. Shaw & Co., ein Unternehmen, das mit Hilfe besonders kluger Köpfe Computer-Algorithmen entwickelt, um auf dem elektronischen Börsenparkett Geld zu verdienen. Dort traf Bezos nicht nur seine künftige Ehefrau, sondern entwickelte auch die Idee eines "everything store", aus der kurze Zeit später Amazon hervorgehen würde.

Er gab seinen lukrativen Posten auf und fuhr quer durchs Land nach Seattle, um dort aus eigener Tasche und tatsächlich in einer Garage einen Online-Handel zu gründen. Auch wenn er zunächst nur Bücher verkaufte - die hatte er als lukrativstes Online-Produkt ermittelt -, war ihm schon zu Beginn klar, dass er eines Tages alles übers Internet verkaufen würde. Im Grunde hat er damals nichts anderes gemacht als das, was er heute mit Blue Origin wiederholt: Bezos hat den Raumtransport als das Produkt identifiziert, mit dem er als erstes realistisch Erfolg haben kann. Auf dieser Grundlage kann später der Rest folgen.

Bezos' Rakete Super Royal

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[...] Interessanterweise verfolgte Bezos als Amazon-Chef von Anfang an eine Philosophie, mit der er auch Blue Origin hätte gründen können. In der ersten Stellenausschreibung, mit der Amazon nach Programmierern suchte, beschrieb er nicht nur die erwartbaren Anforderungen wie Erfahrungen in Systemarchitektur und exzellente Kommunikationsfähigkeit, sondern zitierte auch die amerikanische Programmier-Legende Alan Kay: "Es ist einfacher, die Zukunft zu erfinden, als sie vorauszusehen."

Während Bezos auf dem Wasser noch nicht mit Musk konkurrieren kann, sieht die Lage an Land ganz anders aus. Hier hat Bezos in den vergangenen Jahren klargemacht, dass mit ihm zu rechnen ist. Am 29. April 2015 zündete der Motor BE-3 für 110 Sekunden und schoss die 15 Meter hohe New Shepard 1 an die Grenze zum Weltraum, 93 Kilometer hoch. [...] Die Stippvisite im All an sich ist nicht das Bemerkenswerte, es ist die Hardware, mit der Bezos das erreicht hat. Das BE-3 ist ein Raketenmotor, der mit Wasserstoff und Sauerstoff befeuert wird. Diese Komponenten sind so eine Art Super Royal für Raketen, weil sie einen extrem hohen Schub erzeugen.

[...] Der Erfolg hatte - wie immer - eine Vorgeschichte, und die ist auch bei Blue Origin lang, teuer und nicht ohne Fehlschläge. Zunächst baute Blue Origin das sogenannte Goddard-Vehikel, eine etwas altmodisch anmutende kapselartige Rakete, die etwa 100 Meter hochstieg und dann wieder auf vier dünnen Beinchen landete. "Mein Job während des Starts war es, die Flasche Champagner zu öffnen", kommentierte Bezos diesen Erfolg.

Bezos kommt mit Familie zu den wichtigen Tests

Bezos kommt regelmäßig zu den wichtigen Tests nach Texas und bringt seine Familie mit. Wenn man davon ausgeht, dass Bezos mit seiner Privatmaschine (einer Gulfstream G-650ER) direkt zum Testgelände fliegt, benötigt er trotzdem etwa vier Stunden dafür, macht mit Rückreise acht Stunden netto Flugzeit. Doch selbst wenn der unspektakulär verlaufende Hüpfer des Goddard kaum eine halbe Minute dauerte, hatte sich die stundenlange Reise für ihn sicher gelohnt. Er machte klar, dass seine Techniker das Prinzip einer raketengesteuerten Landung beherrschen und das zugleich mit der nächstgrößeren Version New Shepard hinkriegen würden.

Nun ist das alles Vergangenheit, seitdem New Shepard erfolgreich fliegt. Die Rakete stellte sogar schon einen Rekord auf. Sie ist nämlich die erste Rakete, die den Weltraum erreicht hat und wieder aufrecht stehend gelandet ist. "Das seltenste aller Ungeheuer - eine gebrauchte Rakete!", meldete Bezos stolz auf Twitter. "Gratulation an Bezos und das BO-Team!", antwortete Musk eine Stunde später zunächst recht freundlich. Nur eine Minute später folgte eine Salve Tweets, um Bezos auf seinen Platz zu verweisen. "Wie auch immer, es ist wichtig, einen Unterschied zwischen Weltraum und Orbit zu machen!", belehrte Musk und fügte noch - ganz Nerd by Nature - einen Link zu einer Erklärseite im Netz ein. Fünf Minuten später die nächste Maßregelung. "Um in den Raum zu reisen, braucht es Mach 3 (ca. 3.600 Stundenkilometer), aber für den geostationären Orbit benötigt man etwa Mach 30 (ca. 36.000 Stundenkilometer), und die benötigte Energie beträgt das Quadrat, also neun Einheiten für den Weltraum und 900 für den Orbit."

Bezos ist selbst Ingenieur, man kann davon ausgehen, dass er sich diese Kenntnisse als Raumfahrt-Unternehmer bereits vor Musks Belehrungen angeeignet hatte. Die Botschaft war natürlich nicht an Bezos gerichtet, sondern an den Rest der Welt: Dass sie bloß nicht vergesse, wer die wahre Nummer eins im Business ist! Und wem es immer noch nicht gedämmert hatte, dem machte es Musk mit dem nächsten Tweet ganze vier Stunden später klar. "@JeffBezos Nicht wirklich das 'seltenste'. SpaceX' Grasshopper absolvierte 6 suborbitale Flüge & ist immer noch da."

In der darauffolgenden Stunde folgten noch zwei weitere Tweets, die wir uns sparen, denn sie waren im gleichen Stil verfasst. Bezos ließ sich auf Twitter nicht herab, auf diese Tirade zu antworten, dafür aber in einem Pressegespräch noch am selben Tag. Angesprochen auf die Bemühungen von SpaceX, ebenfalls eine Rakete zu landen, sprudelte es aus Bezos heraus. "Ich möchte drei Dinge kommentieren, die ich von SpaceX gehört habe. Erstens: SpaceX möchte nur die erste Stufe wiederverwenden, die aber nur suborbital fliegt. Also ist die erste Stufe auch suborbital. Zweitens: Die erste Stufe von SpaceX bremst im Weltraum ab, um den Wiedereintritt erträglicher zu machen. Also ist es womöglich die Blue-Origin-Stufe, an der wir gerade einen Test demonstriert haben, die eine härtere Umgebung beim Wiedereintritt durchfliegt. Und zum Schluss: Der schwierigste Teil einer vertikalen Landung und der Wiederverwendung ist der Abschnitt der Landung, und der ist für beide Stufen gleich." Was Bezos damit sagen wollte: Blue Origin ist durchaus auf Augenhöhe mit SpaceX.

Bezos hält sich mehr zurück

[...] Wie schon angedeutet dosiert Bezos die Neuigkeiten und Nachrichten nur sparsam. Im Vergleich zu SpaceX und Elon Musk erfährt die Öffentlichkeit nur wenig über die konkreten Pläne von Jeff Bezos und die Fortschritte bei Blue Origin. Es war lange noch nicht einmal klar, dass Bezos überhaupt ein Raumfahrt-Unternehmen gegründet hatte. Dabei ist sein Unternehmen sogar älter als SpaceX. Bezos gründete Blue Origin 2000, Musk SpaceX erst 2002. Im Gegensatz zu Musk hielt er seine Unternehmung aber bis Mitte 2003 geheim.

Etwa zu diesem Zeitpunkt erhielten texanische Farmer in der Nähe des kleinen Ortes Van Horn diskreten Besuch von Anwälten, die ihnen ihr Land abkaufen wollten, jedoch nicht verrieten, für wen sie arbeiteten. Das ist eine nicht unübliche Taktik, damit die potenziellen Verkäufer den Preis nicht in die Höhe treiben, wenn sie erst einmal erfahren, dass der Interessent sehr reich ist. Und in diesem Fall war er das ja auch, sogar unerhört reich. Zu Beginn lehnten die Farmer noch ab, aber bei jedem Besuch wurden die Angebote besser - und schließlich verkauften alle. Die anonymen Firmen, die jeweils als Käufer eingetragen wurden, trugen alle Namen von Erforschern, wie Mylene Mangalindan vom Wall Street Journal berichtet, James Cook L.P., Jolliet Holdings, Coronado Ventures, Cabot Enterprises, "und alle hatten dieselbe Adresse: c/o Zefram LLC".

2005 lüftete Bezos ganz offiziell das Geheimnis um den ominösen Kauf von 120.000 Hektar texanischer Einöde, nur 50 Kilometer von der Grenze zu Mexiko entfernt. Er tauchte unerwartet im Büro des Van Horn Advocate auf, der Wochenzeitung der 2.000-Seelen-Gemeinde (es werden jedes Jahr weniger), stellte sich mit "Hi, ich bin Jeff Bezos" vor und erzählte dem Redakteur und Besitzer Larry Simpson, dass er an einem riesigen Raketenkomplex arbeitet, von dem er eine wiederverwendbare suborbitale Rakete namens New Shepard mit drei Menschen an Bord in den Weltraum starten möchte. Und dass seine langfristige Idee die Besiedelung des Alls sei.

Da war es heraus: Der Amazon-Chef möchte nicht nur den Einzelhandel revolutionieren, sondern auch die Raumfahrt. Was zunächst nicht zueinander passt, ergibt mehr Sinn, wenn man versteht, wie Bezos selbst Amazon definiert: als Technologie-Unternehmen und nicht - wie viele Analysten und Kritiker - als schnöder Online-Einzelhändler (was Bezos übrigens sehr ärgert). Genauso wie Bezos die Welt des Einkaufens auf technologische Weise verändern möchte, so will er es für die Raumfahrt erreichen. Als die Bombe geplatzt war, hängten sich die großen US-Medien an die Geschichte, aber kamen nicht weit. Bezos blieb stumm, sodass beispielsweise der landesweiten Nachrichtenagentur Associated Press (AP) nichts anderes übrig blieb, als sich die Geschichte von Simpson erzählen zu lassen.

Der Text ist ein Auszug aus: "Goldrausch im All. Wie Elon Musk, Richard Branson und Jeff Bezos den Weltraum erobern" von Peter M. Schneider. Finanzbuchverlag, 2018. 19,99 Euro.

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 Elon Musk: Erst Internet-Guy, dann Transport-Guy
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Baron Münchhausen. 20. Jul 2018

Respekt teenriot*, bin total bei dir. Und habe gerade schon beim lesen der ganzen anderen...

emuuu 19. Jul 2018

Um mal kurz eine Lanze für Einstein zu brechen: O.g. Vertrag ist entstanden nachdem...

plutoniumsulfat 17. Jul 2018

Interessant ist vor allem, dass Kommunismus immer grausam und brutal sein muss. Als wäre...

demon driver 17. Jul 2018

Dafür wäre doch die InSight-Mission im Mai eine gute Gelegenheit gewesen!

luzipha 16. Jul 2018

Danke +1



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