Musikstreaming: Wer kennt eigentlich noch Last.fm?
Es gab Zeiten, da war das Last.fm-Profil für den im Netz beheimateten Musiknerd eins der wichtigsten Aushängeschilder des persönlichen Musikgeschmacks. Mit Hilfe des Scrobblers, der jeden vom Nutzer in Mediaplayern wie iTunes oder Winamp gehörten Song analysierte, erstellte die 2002 gegründete Plattform mit Community-Charakter personalisierte Empfehlungen aus Musik, Playlists und interessanten Menschen.
Seit Last.fm 2007 für 280 Millionen US-Dollar an die amerikanische CBS Corporation verkauft wurde, hat das Angebot des in London ansässigen Unternehmens nur wenige Neuerungen erfahren. Mit dem Aufkommen größerer Streaminganbieter verlor Last.fm immer weiter an Relevanz. Nach großen Verlusten stellte die Plattform 2014 schließlich das eigene Streamingangebot ein(öffnet im neuen Fenster) und konzentrierte sich stattdessen auf Kooperationen mit Spotify, Youtube und Vevo.
Durch einen aufwendigen Relaunch der Last.fm-Seite im Sommer 2015 versuchte man, alte Nutzer zu halten und neue anzulocken. Jedoch ist das Netzwerk heute nur noch für Nostalgiker und Statistik-Nerds interessant. Der Mainstream-Nutzer, dem es in erster Linie darum geht, möglichst bequem neue Musik zu hören, ist längst zu Plattformen wie Spotify abgewandert – hauptsächlich, weil diese alle relevanten Musikentdecker-Features aus einer Hand bieten.
Fokus auf Daten
Das Last.fm-Radio ist tot. Seit der Einstellung des Streamingangebots konzentriert sich Last.fm vor allen Dingen auf die durch das Scrobbeln generierten Daten. Das spiegeln auch die neuen Funktionen wider, die seit dem Relaunch die Nutzer halten sollen. Das einstige Dashboard zeigt im Live-Bereich nun in Echtzeit mit Hilfe eines Counters, eines Streams und einer Weltkarte, welche Songs gerade wo auf der Welt gescrobbelt werden, welche Künstler im Trend liegen und welcher Nutzer gerade welchen Song hört. Dazu zeigt der neue Home-Feed auf Basis der Scrobbles persönliche Musikempfehlungen an, wenn man angemeldet ist.
Besonders beliebt ist laut Last.fm die neue Library-Funktion, die es eingeloggten Nutzern ermöglicht, auf ihre komplette, gescrobbelte Musikhistorie zuzugreifen. So können Nutzer in ihren musikalischen Erinnerungen schwelgen und zum Beispiel sehen, welchen Song sie hörten, als sie vor Jahren an der Diplomarbeit verzweifelten und welchen Song sie daraufhin neu entdeckten. Sozusagen der echte "Soundtrack of your Life". Und ja, es ist schon nett, sich für einige Momente in der Vergangenheit zu verlieren. Die Frage ist nur, ob man nicht lieber in der Gegenwart leben möchte.
Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Auch wenn die Library eine schöne Funktion ist, hat Last.fm insgesamt doch ein großes Problem: Mittlerweile gibt es mit Spotify, Deezer, Ampya und Co. zu viele Dienste, die den Job des zuverlässigen Musikempfehlers nicht alle unbedingt immer besser, aber zumindest wesentlich komfortabler erledigen. Warum sollte man also als gewöhnlicher Nutzer seine gehörten Titel von Spotify zu Last.fm scrobbeln, dann von Spotify auf das Last.fm-Profil gehen, um sich dort seine Musikempfehlungen abzuholen, die dann dank Integration wieder direkt in Spotify abgespielt werden – und einem wahrscheinlich auch schon von Spotify in der "Entdecken"-Kategorie empfohlen worden wären?
Dazu kommt noch, dass die Empfehlungen mobil nur leidlich bis gar nicht funktionieren. Die iOS-App erhielt ihr letztes Update 2014 und ist damit vollkommen veraltet. Wenn man bedenkt, dass neun von zehn Menschen Musik unterwegs hören(öffnet im neuen Fenster) , die meisten davon auf dem Smartphone, hat Last.fm hier großen Nachholbedarf. Zwar ist auch die neue mobile Website optisch hübsch und schlank; jedoch stören hier ebenfalls die komplizierte Nutzung und der unbequeme Medienbruch zwischen Musik-App und Last.fm.
Warum ist Spotify beliebter als Last.fm?
Eigentlich ist es verwunderlich, dass sich Last.fm in puncto Popularität dem Neuling Spotify geschlagen geben muss. Denn hinter den Portalen stecken ähnliche Geschichten. Sie wurden beide von musikbegeisterten, jungen Europäern gegründet, die der Welt legal das beste Musikerlebnis zur Verfügung stellen wollten.
Womöglich waren es der Standort und die Zeit, die dem schwedischen Spotify einen Vorteil verschafften. Als Daniel Eks 2006 Spotify gründete und sich daraufhin auf die Suche nach Kooperationspartnern für sein Freemium-Modell in der Musikbranche machte, lag der schwedische Musikmarkt dank Musikpiraterie am Boden. Die Labels dort hatten in dem verhältnismäßig kleinen Markt nicht mehr viel zu verlieren. Die meiste Musik wurde eh schon illegal gestreamt, warum sie also nicht auch legal verfügbar machen? So konnte Spotify sein Konzept ausgiebig testen, bevor es ab 2009 langsam die großen Märkte in Europa und 2011 in den USA erfolgreich in Angriff nahm.
Dagegen hatte das in vielen Ländern etablierte Last.fm sehr wohl etwas zu verlieren, da es in diesen Märkten bereits aktiv war – ganz ähnlich wie die Musikindustrie in diesen Ländern. Vermutlich konnte Last.fm im Streamingbereich einfach nicht genügend solide Erfolge vorweisen, um nachhaltige Lizenzdeals mit Major-Labels einzutüten. Vielleicht hat CBS den Trend damals auch einfach verschlafen, bis die Konkurrenz irgendwann zu groß war. Doch ohne eigenes Streamingangebot hat Last.fm einen entscheidenden Nachteil gegenüber Spotify. Wenn man sich seine Musiktipps nur über Umwege anhören kann, sind auch die besten Musikempfehlungen nur so sexy wie die Veranstaltungstipps aus der gedruckten Tageszeitung von gestern, gerade im mobilen Bereich.
Einstige Gründer basteln an Last.fm-Evolution
Ein Teil des ursprünglichen Last.fm-Gründerteams ist von der Bildfläche verschwunden. Nicht aber Felix Miller und Michael Stiksel. Der Deutsche und der Österreicher blieben nach dem Verkauf an CBS noch für zwei Jahre bei Last.fm, 2009 verabschiedeten sie sich und gingen ihre eigenen Wege. Sie wollten ihre ursprüngliche Idee, Nutzern das zu zeigen, was diese möchten, nicht aufgeben. 2012 gaben die Unternehmer bekannt, gemeinsam in London an einem neuen Startup zu arbeiten, das 2013 live ging: Lumi(öffnet im neuen Fenster) .
Für Stiksel und Miller ist Lumi die Weiterentwicklung von Last.fm, nur dieses Mal für das ganze Internet. "Wir wollen beweisen, dass wir es noch einmal schaffen können" , sagte Stiksel in einem Interview mit Mashable(öffnet im neuen Fenster) . Lumi analysiert die Browserverläufe und Twitter-Feeds der Nutzer und empfiehlt auf dieser Basis per Browsererweiterung Inhalte im Netz, die ihnen gefallen müssten. Aktuell arbeiten sie laut Lumi-Blog an den entsprechenden Smartphone-Apps. Von der Idee her erinnert das Ganze entfernt an Stumbleupon.com – mit dem Unterschied, dass man bei Lumi gezielt mehrere passende Inhalte angezeigt bekommt und nicht durch das Netz "stolpern" muss.
Wie der dicke Bärtige im Plattengeschäft
Auch wenn die Konkurrenz trotz Integration durch Spotify und Co. riesig ist und an vielen Ecken Verbesserungsbedarf besteht, bleibt Last.fm anscheinend weiterhin vorsichtig optimistisch. "Wir stehen kurz vor einem großen Meilenstein, Scrobble Nr. 100 Milliarden" , schreibt Luke Fredberg, PR-Referent bei Last.fm, auf Anfrage in einer E-Mail. Aktuell würden pro Monat 20 Millionen Unique Users verzeichnet. Zusätzlich wolle Last.fm neue Märkte erschließen. Erst kürzlich sei eine Integration des in 20 Ländern aktiven Streamingdienstes Guvera bekanntgegeben worden, um auch in Schlüsselmärkten wie Indien und Australien Fuß fassen zu können, so Fredberg.
Last.fm ist im Wettbewerb mit andern Musikdiensten ein bisschen wie der alte Plattenladen an der Ecke mit dem dicken, bärtigen Händler hinter dem Tresen, der dich in und auswendig kennt und meistens die richtige Empfehlung parat hat. Den meisten Menschen ist der Einkauf dort zu unbequem, aber Nostalgiker und Liebhaber werden weiter daran festhalten.
- Anzeige Hier geht es zu Amazon Music Unlimited Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.



