MS Satoshi: Die abstruse Geschichte des Bitcoin-Kreuzfahrtschiffs

Es ist eine alte Idee, die aber für einige Menschen nichts von ihrem Reiz verloren hat: einen Ort grenzenloser Freiheit zu schaffen, an dem kein Staat, keine Institution in das Leben eingreift und an dem Geld keine Rolle spielt - zumindest nicht Geld im herkömmlichen Sinn.
Als Siedlungsort bot sich seit jeher das Meer an, weil es groß ist und (fälschlicherweise) als rechtsfreier Raum mit keinerlei Beschränkungen gilt. Einige solcher Meer-Utopias sind bereits gescheitert, trotzdem wollte sich eine kleine Bitcoin-Community ebenfalls daran probieren.
Kern dieser Gruppe sind Grant Romundt, Rüdiger Koch und Chad Elwartowski, drei Unternehmer mit einer Vision: in Panama sogenannte Sea Pods zu bauen und sie dann aufs Meer hinauszubringen. Auf hoher See sollte so eine Stadt aus diesen Sea Pods entstehen - Häuser, die auf Säulen drei Meter über dem Wasser stehen, mit einem Set von Schwimmern als Basis.
Für ihr Vorhaben, einen Ort der Freiheit im Meer zu schaffen, gründeten Romundt, Koch und Elwartowski das Unternehmen Ocean Builders(öffnet im neuen Fenster) , kauften gar ein Kreuzfahrtschiff - und scheiterten damit grandios: nicht nur an erstaunlichen Mängeln im Businessplan, sondern an ganz umfassender Ahnungslosigkeit.
Koch ist Luftfahrtingenieur, Romundt besitzt mehrere Software- und andere Unternehmen, deren Kunden vor allem aus der Kosmetikbranche kommen, Elwartowski ist Software-Entwickler und Bitcoin-Unternehmer. Für das Design der Sea Pods arbeiteten sie mit dem Architekten Koen Olthuis zusammen.
Die Pods sehen aus wie Köpfe, die aus dem Wasser ragen, mit großen Fenstern. Sie zu bauen soll, wie die Gründer schreiben, keinen Lebensraum zerstören, sondern welchen schaffen: Seepocken, später Korallen, Fische, ein ganzes Ökosystem soll sich rund um die schwimmenden Häuser ansiedeln. Autonom sollen sie sein, wasser- und ressourcenschonend - und weitgehend frei von elektromagnetischen Feldern von Funkmasten und Netzen.
Wer heute die Website besucht, wird allerdings feststellen: Von einer Stadt ist nicht mehr die Rede. Schon bei der Produktion des Prototyps Anfang 2020 stellte sich nämlich heraus, dass die Kapazitäten nicht einmal für ein Dorf reichten. Daraufhin änderten die Ocean-Builders-Gründer den Plan: Nun sollte ein Kreuzfahrtschiff der Ort der grenzenlosen Freiheit werden.
Die Pacific Dawn wird zur MS Satoshi
Allerdings waren solche Schiffe viel zu teuer - bis die Pandemie dafür sorgte, dass von heute auf morgen keine Kreuzfahrten mehr stattfanden, die Anbieter solcher Reisen in finanzielle Nöte gerieten und nicht mehr wussten, wohin mit ihren Schiffen, die plötzlich nur noch Kosten verursachten. So erwarb Ocean Builders im November 2020 die Pacific Dawn, ein 1991 gebautes Schiff, für angeblich nur 9,5 Millionen US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) - ein Schnäppchen.
Nach dem Kauf wurde das Schiff erst einmal umbenannt: in MS Satoshi, zu Ehren des unbekannten Bitcoin-Erfinders mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto. Denn die Meeresgemeinschaft sollte ihren Handel nur in Kryptowährung abwickeln, das gehörte zum Konzept.
Das Schiff war also da, nun sollte es mit Leben gefüllt werden. Ähnlich wie einst bei Thomas Morus und seiner fiktiven Insel Utopia (1516), Tommaso Campanelle (Der Sonnenstaat, 1623), Francis Bacon (Nova Atlantis, 1627) oder Jules Verne (Die Propellerinsel, 1895) oder, viel später, bei Ken Neumeyer(öffnet im neuen Fenster) (Sailing the Farm, 1981) und Wayne Gramlich, der mit Neumeyer den Begriff "Seasteading" prägte, der manchmal mit "Seenahme" übersetzt wird.
Gramlich (Seasteading - Homesteading auf hoher See, 1998) gründete zusammen mit Patri Friedman, Enkel von Milton Friedman, und mit einer halben Million Dollar von Peter Thiel das Seasteading Institute(öffnet im neuen Fenster) , das auch das Projekt von Ocean Builders unterstützt. Friedman ist mittlerweile wieder zu Google zurückgekehrt, wo er auch vorher schon gearbeitet hatte.

Bereits in der Vergangenheit gab es Projekte, die das Besiedeln der Hochsee zum Ziel hatten, darunter Pläne für ausrangierte Bohrinseln, ehemalige Flakplattformen vor England, abgelegene Inseln, die kein Staat beansprucht, künstliche Inseln - und natürlich Schiffe, vom Kreuzfahrtschiff bis hin zum Traum vom 1,8 Kilometer langen und 250 Meter breiten Freedom Ship(öffnet im neuen Fenster) .
Hintergrund dieser konkreten oder fiktiven Konzepte war und ist immer die Flucht vor den repressiven Staaten, vor allem aber deren Steuern. Grenzenlose Freiheit wird versprochen.
Bei der MS Satoshi endete sie bereits bei der Größe der Kabinen. Das war aber nicht der einzige Fehlschlag.
Die große Freiheit in winzigen Kabinen
Denn die neue Form des Zusammenlebens, die auf der MS Satoshi erprobt werden sollte, war geprägt von Regeln. Sogar die Größe(öffnet im neuen Fenster) und das erwartete Benehmen etwaiger Haustiere wurde in Vorschriften gegossen. Auch was man mit an Bord nehmen durfte oder sich an Bord hätte liefern lassen dürfen, war streng reglementiert.
Da Regeln ohne Kontrolle nicht funktionieren, ist es durchaus erheiternd, sich enthusiastische Satoshi-Bewohner beim Erstbezug ihrer Kabinchen vorzustellen, denen zuallererst wie beim Dschungelcamp sehr stämmige Security-Mitarbeiter das Gepäck durchsuchen und alle verbotenen Gegenstände wegnehmen.
Dazu hätten auch Lebensmittel und Getränke gehört, denn Essen und Trinken wäre lediglich in den Bordrestaurants möglich gewesen, wobei für Satoshi-Kunden ein Rabatt von 20 Prozent vorgesehen war. Ob auf Diätwünsche oder individuelle Vorlieben Rücksicht genommen worden wäre, ist unbekannt.
Die neue Freiheit war zudem auch im Wortsinn sehr karg bemessen und rein optisch eher piefig: Die Größe der Kabinen variierte(öffnet im neuen Fenster) von 18 bis hin zu 52 Quadratmetern. Die überwiegende Zahl der Unterkünfte entsprach der kleinsten Kategorie. Die Mühe, sie für Interessenten schön und luxuriös herzurichten, hatten sich die Anbieter nicht gemacht.
Auf Fotos sind Stockbetten mit Leitern oder von klobigen Nachttischen eingerahmte Doppelbetten zu sehen, deren weiß-graue Bezüge so gar nicht zum beige-braunen Ambiente passen. Selbst die teuersten Kabinen, Suiten genannt, wirken eher wie eine mit zufällig auf Opas Dachboden gefundenen Möbeln ausstaffierte altmodische Ferienwohnung - und die Bezüge von Couch und Sesseln sehen aus wie etwas, von dem man nur inbrünstig hoffen kann, dass es sehr sorgfältig gereinigt wurde. Oder dass Vor-Passagiere wenigstens keine ansteckenden Hautkrankheiten hatten.
Eine Idee ohne Zielgruppe
Der Zielgruppe dürfte früh klar geworden sein, dass diese Kabinen nichts sind, was einem Zuhause auch nur leidlich nahekäme. Allein schon Besuch zu empfangen, wäre in den kleinen Wohn-Versionen maximal unbequem, falls man es nicht außergewöhnlich schätzt, dass die Gäste des gemütlichen Beisammenseins wegen auf den Betten sitzen und man selber am Schreibtisch Platz nimmt.
Apropos Schreibtisch: Es existiert kein Bild eines der auf der Satoshi in jeder Kabine vorgesehenen Arbeitsplätze, entsprechend ist auch die Größe der Workplaces nicht bekannt.
Viel interessanter ist aber ohnehin ein anderer Punkt: Wenn man es irgendwie geschafft hat, sich mit den neuen Bekannten in eine Kabine zu quetschen, was dann? Den Gästen wie daheim etwas anzubieten, vielleicht ein Getränk oder einen Snack, wäre leider nicht möglich gewesen. Speisen und Getränke hätte man ja wie gesagt ausschließlich in den dafür vorgesehenen Lokalitäten, den Restaurants und Bars, einnehmen dürfen.
Womit sich die Frage stellt, wer die Zielgruppe für die Satoshi sein sollte. Elwartowski beschrieb sie beim Kauf des Schiffes so(öffnet im neuen Fenster) : digitale Nomaden, Kryptowährungsenthusiasten, Expats, Erfinder und Unternehmer. Das Schiff solle ein Inkubator für technologische Innovation werden, man wolle erforschen, wie man nachhaltig auf dem Meer leben könne und neue Gewässer dafür erkunden.
Aber: Wie realistisch ist es, dass reiche Menschen ihre Villen oder großzügig geschnittenen Luxusappartements mit eigenem Pool gegen ein Domizil im unteren zweistelligen Quadratmeterbereich plus Gemeinschaftsschwimmbecken eintauschen wollen?
Wenn es solche reichen Menschen in Massen gäbe, hätte sich da nicht längst ein Markt für billige, gleich neben öffentlichen Schwimmbädern gelegene Kleinstwohnungen gebildet, mit deren Hilfe sich zwar keine Steuern, sehr wohl aber die Wohnkosten drastisch senken lassen? Und selbst wenn ein Leben auf hoher See lockt: Ist es dann nicht womöglich angenehmer, es mit Freunden und Familie und ohne vorgegebene Regeln auf einer eigenen Yacht zu verbringen als mit fremden Leuten, mit denen man allenfalls eine gewisse Begeisterung für Kryptowährungen teilt?
Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Für die MS Satoshi gab es jedenfalls keine Zielgruppe.
''Das Schiff ist coronafrei.'' Ach ja?
Schon das Interesse an Informationsveranstaltungen war gering: Ocean Builders verbuchte circa 200 Interessenten - bei einem Angebot von 777 zu versteigernden Kabinen. Doch auch von den 200 winkten die meisten ab, am Ende wurden offenbar nur drei Kabinen verkauft(öffnet im neuen Fenster) .
Ein Grund mag Corona gewesen sein. Denn auch wenn die Pandemie überhaupt erst zum vergleichsweise geringen Kaufpreis des Schiffes führte, hatte sie auch Nachteile: Nur wenige Monate zuvor waren Bilder und Tonaufnahmen verzweifelter Kreuzfahrtpassagiere um die Welt gegangen. Sie waren zu einem Zeitpunkt, als die Infektionswege des Virus noch weitgehend unerforscht waren, an Bord der Ozeanriesen in Häfen eingesperrt.
Das Konzept eines Kreuzfahrtschiffs als dauerhafter Lebensmittelpunkt war entsprechend gewagt. Bei der Vermarktung der Idee wäre es daher sicher geschickt gewesen, einen detaillierten Plan mitzuliefern, wie die Gefahr durch Corona minimiert werden könnte. In den Informationen für die potenzielle Satoshi-Kundschaft kommt das Virus allerdings kaum vor, obwohl zu dem Zeitpunkt, als die Buchungen starten sollten, weltweit die dritte Welle tobte und noch keiner der heute verwendeten Impfstoffe eine Zulassung hatte.
Das Schiff sei coronafrei, hieß es dazu lediglich, was sicher schön für die MS Satoshi war, aber für ihre Passagiere nicht eben beruhigend klang. Ob Tests der zukünftigen Bewohner vorgesehen wären oder überhaupt medizinisches Personal an Bord sein würde, wurde nicht erwähnt. Kein Wunder vielleicht, denn mindestens einer der Anbieter ist Impfgegner(öffnet im neuen Fenster) .
Aus welchen Gründen auch immer: Die Nachfrage war verschwindend gering. Selbst Enthusiasten wie Luke Parker, ebenfalls Bitcoin-Unternehmer, der schon lange vom Konzept des Seasteading begeistert war und die Satoshi als die bisher plausibelste Idee bezeichnet hatte, verzichtete - obwohl "es schwer war, die Hand vom Button zu nehmen," wie er selbst sagt. Wieso hat er nicht zugeschlagen? "Meine Frau hatte Zweifel," schrieb er laut The Guardian(öffnet im neuen Fenster) . Und auch er befürchtete einen gigantischen Sprung im Luxus - nach unten.
Im Übrigen: 777 Kabinen voller Kryptogeld-Enthusiasten, die sich dem an Bord eines Kreuzfahrtschiffs üblichem Freizeitprogramm hingeben, sind ein durchaus amüsanter Gedanke. Jedenfalls amüsanter als die ihnen gebotenen Freizeitprogramme auf Dauer gewesen wären. Yoga, Wasserrutschen und Golfbälle vom Promenadendeck zu schlagen, wäre sicher recht schnell langweilig geworden. Und ob Animateure, Bands oder Theatervorstellungen eingeplant waren, ist nicht bekannt.
Der Betrieb eines Kreuzfahrtschiffs ist nicht trivial
Doch selbst wenn man von erstaunlichen Mängeln im Businessplan absieht, wie dem, wer eigentlich die Kundschaft sein könnte - richtig groß wurden die Probleme, weil die Menschen hinter dem Projekt keinerlei Ahnung von Schiffen, Schifffahrt oder gar Kreuzfahrtschiffen hatten. Denn der Betrieb eines Ozeanriesen ist so gar nicht trivial.
Statt sich damit zu beschäftigen, befasste man sich lieber erst mal mit den ganz praktischen Dingen des Lebens. So kündigte Elwartowski beispielsweise an, dass Strom und Wasser für die Kabinen nur zu Anfang pauschal in den Kosten für die Unterkunft enthalten sein würden. Für die Zukunft versprach er Upgrades mit Verbrauchsmessungen für jede Kabine. "Man möchte nicht für das Mining-Rig eines anderen in dessen Kabine bezahlen," begründete er diese Notwendigkeit. Bleibt die Frage, wer sich die Kleinstkabine auch noch mit einem lärmenden und heißen Mining-Rig teilen möchte.
Das Chaos begann mit der Übergabe
Doch zurück zum Betrieb: Nachdem das Schiff übergeben worden war, heuerte Ocean Builders eine Managementfirma für Kreuzfahrtschiffe an. Sie stellten eine Minimal-Mannschaft von 40 Seeleuten ein, hauptsächlich Ukrainer. Diese standen unter dem Kommando des erfahrenen britischen Kapitäns Peter Harris. Harris war von dem Job schnell nicht mehr begeistert: "Innerhalb einer Woche dachte ich schon daran, zu kündigen." Koch, der die Übergabe abgewickelt hatte, verstand laut Harris nichts von der Kreuzfahrtindustrie und "wollte das Schiff wie eine Yacht behandeln" .
Die Zertifikate des Schiffes zur Seetüchtigkeit waren mit dem Verkauf des Schiffes abgelaufen. Normalerweise besteht ein neuer Eigentümer darauf, dass diese noch einige Monate nach dem Verkauf vom vorherigen Eigner weiterbestehen; aber die unerfahrenen Ocean Builders hatten darauf nicht geachtet und Verträge ohne diese Klauseln unterschrieben. Bevor das Schiff irgendwohin fahren konnte, musste es erst mal auf kürzestem Weg nach Gibraltar in ein Trockendock. Kosten, die im Budget nicht eingeplant waren.
Noch mehr Chaos in Panama
Mit den neuen Zertifikaten ging es endlich vorwärts. In den Gewässern von Panama wollte man das Schiff weit vor der Küste verankern und hoffte darauf, das verankerte Schiff zu einer schwimmenden Residenz umdeklarieren zu können. Die Behörden sagten aber nein, das Schiff blieb auch rechtlich ein Schiff, mit allen daraus entstehenden Konsequenzen: Grauwasser, also geklärtes Abwasser, darf zwar von Land (und damit auch von einer schwimmenden Residenz) aus direkt ins Meer geleitet werden - Schiffen ist das aber nur außerhalb der 12-Meilen-Grenze gestattet.
Und dann war da noch die Versicherung, die jedes Schiff braucht. Für die MS Satoshi war sie einfach nicht zu bekommen. "Sie sagten uns nicht einmal, warum wir nicht versicherbar waren, sie sagten nur nein," beschrieb Romundt die Situation.
Auch wenn kein Versicherer sagen wollte, wieso, Kapitän Harris hat dazu eine Theorie: Die eher risikoscheue Versicherungsbranche könnte sowohl einem Bitcoin-Geschäft als auch einem hauptsächlich von als prozessfreudig geltenden Amerikanern bevölkerten Schiff gegenüber misstrauisch eingestellt gewesen sein.
Endgültig gescheitert
Als die MS Satoshi in Panama ankam, war den Ocean Builders klar, dass ihr Projekt gescheitert war. Die Kabinen verkauften sich nicht, niemand wollte das Schiff der schwimmenden Siedlung versichern und in die Kreuzfahrtindustrie wollte man auch nicht einsteigen. Monatelanges Warten, ob sich das eine oder andere der Probleme lösen lassen würde, war nicht drin. Der Leerbetrieb des Schiffes kostete monatlich eine Million US-Dollar, die Treibstoffkosten allein betrugen 12.000 US-Dollar am Tag.
Das frühe Scheitern war für die Eigentümer eigentlich ein Glück. Denn so bleiben ihnen weitere Überraschungen erspart, die die Seefahrt traditionell mit sich bringt. Denn Wasser, im speziellen Meerwasser, ist keine besonders freundliche Umgebung.
Kreuzfahrtschiffe müssen alle drei bis fünf Jahre ins Trockendock, denn das sogenannte Unterwasserschiff muss auf Schäden geprüft und gegebenenfalls repariert werden. Neue Opferanoden sind nötig, die das Schiff vor übermäßigem Rost schützen und der Rumpf benötigt eine Antikorrosionsschicht. Diese Reparaturzyklen gelten für alle Schiffe, selbst die größten Containerschiffe oder Tanker werden alle paar Jahre aus dem Wasser geholt.
Bei Kreuzfahrtschiffen werden während der Zeit im Trockendock normalerweise auch die öffentlichen Bereiche komplett renoviert. Teppiche und Möbel werden ausgetauscht oder instandgesetzt. Kein Wunder, denn ein paar Tausend Menschen an Bord so eines Schiffs, die jeden Tag durch die Gänge gehen, hinterlassen mit der Zeit Spuren - ein Grund für Pflastersteine oder Asphalt statt Teppich auf den Bürgersteigen von Kleinstädten.
Doch die Überholung wäre im Rahmen des Projekts MS Satoshi schwierig geworden. Permanente Bewohner, die alle paar Jahre für einige Monate ausziehen müssen, weil das Schiff aus dem Wasser muss, standen nicht im Konzept. Alternative Wohnmöglichkeiten für sie waren ebenfalls nicht vorgesehen.
Wie das Projekt MS Satoshi zu Ende ging
Auffällig bei Seasteading-Projekten ist, dass sie von einem Meer im Idealzustand ausgehen. Die Anlagen liegen in ruhigem, tiefblauem Wasser, nur auf manchen Bildern sind strahlend weiße Möwen oder pittoreske Wolken zu sehen.
Wind, Regen, Stürme und meterhohe Wellen kommen dagegen nicht vor. Nur die traumhaften Aspekte zu zeigen, ist für Werbung zwar nicht ungewöhnlich, allerdings sollen die Projekte einen neuen Gesellschaftsentwurf und damit auch innovative Formen des Zusammenlebens zeigen. Und da könnte man eigentlich erwarten, dass es dazugehört, potenzielle Geldgeber und Interessenten eben nicht mit Werbekonzepten direkt aus den fünfziger Jahren abzuspeisen, sondern sie als Partner ernst zu nehmen und ehrlich über mögliche negative Aspekte zu informieren.
Ein verankertes Schiff auf offener See ist schließlich nicht immer ein schöner und komfortabler Aufenthaltsort - ob es auf der MS Satoshi zum Beispiel eine Schiffsapotheke mit ausreichend Tabletten gegen Seekrankheit gegeben hätte, wäre interessant zu wissen.
Was passiert, wenn man nicht ausreichend wartet
Was mit Schiffen passiert, die schutzlos und ohne Wartung Wind, Wetter und Meer ausgeliefert sind, ließ sich in den letzten Jahrzehnten gut beobachten. Bevor sich auch in der christlichen Seefahrt überhaupt ein nennenswertes Gefühl für Umweltschutz entwickelt hatte, blieben nach Havarien regelmäßig auf Grund gelaufene Schiffe zurück, die sich selbst überlassen wurden. Auch wenn es manchmal Jahrzehnte dauert, bis die Wracks vollständig verschwunden sind - absolut unbewohnbar und lebensgefährlich zu betreten sind sie schon lange vorher.
Ein gut dokumentiertes Beispiel ist die MS American Star(öffnet im neuen Fenster) vor Fuerteventura, noch deutlicher wird es bei dem Museumsschiff USS Texas. Das 1914 vom Stapel gelaufene Schlachtschiff ist Teil der San Jacinto Battleground State Historic Site und liegt dort in einem an sich ruhigem Gewässer vor Anker.
Das letzte Mal wurde die USS Texas 1988 bis 1990 in einem Trockendock generalüberholt, dabei wurden 170 Tonnen Stahl ausgetauscht und mehr als 40.000 Nieten neu verschweißt, das komplette Schiff wurde neu gestrichen und das Unterwasserschiff mit einer Schutzschicht gegen Korrosion versehen. 2004 war das Schiff erneut in einem derart schlechten Zustand, dass Pläne entwickelt wurden, es permanent in einem Trockendock unterzubringen und auszustellen.
Wie wird man ein Kreuzfahrtschiff los?
Weil diese Pläne aber nicht umgesetzt wurden, führten 2010 ein größeres Leck und eine ausgefallene Lenzpumpe dazu, dass das Schiff an seinem Liegeplatz einen Meter tiefer ins Wasser sank, bevor überhaupt Gegenmaßnahmen getroffen werden konnten. Nach mehreren solcher Vorkommnisse wird seit 2019 daran gearbeitet, das Schiff schleppfähig zu machen, damit es auf seinem für das Jahr 2022 geplanten Weg ins Drydock nicht untergeht.
Das Beispiel der USS Texas - immerhin als Schlachtschiff konzipiert und nicht als Vergnügungsschiff - zeigt, wie wartungsbedürftig Schiffe sind. Das Schiff verrottete innerhalb von 20 Jahren an einem geschützten Liegeplatz im Hafen stark genug, um fast unterzugehen. Einem weniger robusten Schiff, das auf offener See Stürmen oder gar einem Hurrikan ausgesetzt wäre, würde es sicher schlechter ergehen.
Doch wie wird man nun ein Kreuzfahrtschiff los? Die erste Idee war die Verschrottung. Ein Verschrottungsunternehmen wurde gefunden, Verträge wurden unterzeichnet; so weit, so einfach. Dann wurde es aber wieder kompliziert. Denn laut der Konventionen von Basel in Sachen Entsorgung gefährlicher Abfälle durfte das Schiff von einem Staat, der wie Panama das Abkommen unterzeichnet hat, nicht zur Verschrottung in einen Nichtunterzeichner-Staat wie Indien geschickt werden.
Die Verträge mussten aufgelöst werden. Doch dann wendete sich das Blatt - zumindest für die MS Satoshi. Ein neu gegründetes Kreuzfahrtunternehmen mit dem Namen Ambassador Cruiselines kaufte das Schiff und betreibt es zukünftig unter dem Namen Ambience(öffnet im neuen Fenster) . Zuvor werden aber ganz sicher die Polstermöbel gereinigt und das allgemeine Ambiente optisch überarbeitet.
Update :
Der Artikel wurde vor Veröffentlichung nochmal auf seine Aktualität überprüft.



