Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Morsetelegraphie: ··· --- ···

Morsen braucht kein Mensch mehr? Ja, aber nur, solange unsere modernen Kommunikationsmittel auch funktionieren. Nach einem Erdbeben oder einem Terroranschlag oder in abgelegenen Regionen kann das schnell anders aussehen. Wer dann SOS morsen kann (siehe Überschrift), ist im Vorteil.
/ Jennifer Fraczek
86 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Morsetelegraf auf einem Schiff in den 70er-Jahren (Bild: Reg Lancaster/Getty Images)
Morsetelegraf auf einem Schiff in den 70er-Jahren Bild: Reg Lancaster/Getty Images

"Dahditdahdit dahdahditdah?" , fragt Falk Weinhold mit erwartungsvollem Blick. Offenbar hofft er auf eine Antwort, aber die bekommt er nicht, denn sein Gegenüber spricht seine Sprache nicht. Also übersetzt er: "Das steht für CQ." Mit diesem Ruf, der in Morsezeichen so geht −·−· −−·− und den man mit "an alle" übersetzen kann, nehmen Morsetelegrafisten mit anderen Kontakt auf. Klingt hübsch und melodisch, denkt der Nicht-Telegrafist. Und: Vielleicht kann man das ja schnell lernen.

Aber schnell lernen ist beim Morsen nicht. Das Morse-Alphabet zu können, ist zwar kein Hexenwerk. Um sinnvoll zu kommunizieren, muss man es jedoch so beherrschen, dass während des Morsens nicht mehr übersetzt wird, sondern einfach gemacht. Extrem gute Telegrafisten erreichen sogar das Tempo eines normalen Gesprächs, der Weltrekord liegt bei knapp 90 Wörtern pro Minute. Anfänger schaffen meistens um die fünf. Um schneller zu werden, ist viel Training notwendig - aber wieso sollte man sich das antun?

Mit einigen Metern Draht die ganze Welt anfunken

Dagegen spricht: Es gibt inzwischen - zumindest in Deutschland - keine Jobs mehr, in denen diese Fähigkeit gebraucht wird, und es gibt einfachere Wege, miteinander zu kommunizieren. Zwar wurde schon nachgewiesen(öffnet im neuen Fenster) , dass die Übertragung von Morsenachrichten schneller gehen kann als das Schreiben von SMS, dennoch dürfte das die meisten Menschen nicht überzeugen, es zu lernen.

Überzeugender ist vielleicht, dass Morsen in manchen Situationen überlebenswichtig sein kann. Dann nämlich, wenn andere Kommunikationswege unterbrochen sind. "Wenn etwa bei einem Erdbeben in einsamen Gebieten ohne technische Infrastruktur keine Kommunikationsmöglichkeiten vorhanden sind" , sagt Funkamateurin Annette Coenen. "Dann kann man mit einer alten Autobatterie und einem einfachen Sende-/Empfangsgerät, einem Transceiver, Funkbrücken aufbauen."

Auch Falk Weinhold sagt: "Mit einem Funkgerät und 20 Metern Draht als Antenne kommt man schon um die ganze Welt." Die Funkstation muss dabei lediglich mit 5 Watt Leistung senden, was das Morsen zu einer äußerst energiesparenden Kommunikationsart macht. Im Gegensatz zu gesprochenen Funkbotschaften sind die markanten Morsezeichen zudem auch bei einer schlechteren Verbindung immer noch gut zu verstehen. Außerdem brauchen sie wenig Bandbreite, meistens zwischen 250 und 500 Hz, zur Not auch weniger als 100 Hz. "Dann fängt das Signal aber an zu 'klingeln', das heißt, es klingt nicht mehr so schön" , sagt Falk Weinhold.

Eritrea, Pratas-Inseln, Tuvalu

Zu Funkgerät und Antenne kommt natürlich noch die Morsetaste. Die kann man selbst bauen oder kaufen (ab 100 Euro). Bekannte Hersteller sind Schurr, Begali und Vibroplex. Hinzu kommt die Gebühr für die Amateur-Funkprüfung (80 bis 110 Euro). Denn wer über Funk senden will, muss bei der Bundesnetzagentur diese Prüfung(öffnet im neuen Fenster) ablegen. Wer besteht, erhält ein individuelles Rufzeichen aus Buchstaben und Zahlen zugewiesen. Das kostet 70 Euro.

Weltweit gibt es rund drei Millionen Funkamateure, in Deutschland um die 70.000. Rund die Hälfte beherrscht die Morsetelegrafie, auch CW (Continuous Wave) genannt. Funkamateure und Morsetelegrafisten verstehen sich als weltoffen und tolerant(öffnet im neuen Fenster) . Einige von ihnen haben viele Länder besucht - sei es, weil sie zu Wettbewerben gefahren sind, oder weil sie "Länder sammeln", mit denen sie gefunkt haben, oder von denen aus sie gefunkt haben.

Falk Weinhold spricht von diesen Reisen als Expeditionen, weil oft abgelegene oder schwer zugängliche Ziele angesteuert werden, viel Ausrüstung herumgeschleppt und in Zelten übernachtet wird. Eine dieser Expeditionen führte Weinhold auf die Pratas-Inseln. Sie gehören zu Taiwan, liegen aber nur ein paar Hundert Kilometer vor China. Bewohnt werden sie von Militärs. Weinhold verpflichtete sich, nichts über die Stärke der dort stationierten taiwanesischen Truppen zu verraten. Das Land befindet sich in einem schon lange andauernden Konflikt mit China.

Weinhold reiste zudem nach Eritrea, auf die Pazifikinsel Tuvalu, die Osterinseln, er hat auch einmal einen saudischen Prinzen getroffen. Insgesamt hat Weinhold 61 Länder "abgehakt" und aus den Begegnungen und den anderen durch das Funken entstandenen Kontakten hat er eines gelernt: "Man bekommt ganz schnell mit, dass man auch mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen sehr gut klarkommen kann."

Vorsicht, Quasselstrippe

Aktuell ist Falk Weinhold wieder unterwegs, auf der portugiesischen Insel Madeira. Er nimmt von dort aus am CQ Worldwide Contest(öffnet im neuen Fenster) teil. Es gibt über das Jahr hinweg zahlreiche Wettbewerbe für Funkamateure, aber der CQ WW ist einer der größten - mit bis zu 15.000 Teilnehmern, die über die ganze Welt verteilt sind. Ende Oktober wurden bereits die Besten im Sprechfunk gesucht, am 28./29. November sind die Morsetelegrafisten dran. Es gilt, in 24 oder 48 Stunden die meisten Kontakte herzustellen. Weinhold schafft mit seinem Team regelmäßig um die 400 Kontakte pro Stunde, also etwa sieben pro Minute.

Normalerweise dauert ein Kontakt natürlich länger als nur ein paar Sekunden. Standardmäßig läuft das Gespräch so ab, dass zuerst das CQ gerufen wird, dann folgt ein Rapport über die Qualität der Verbindung, dann Vorname und Wohnort. Wenn beide noch nicht die Lust an der Unterhaltung verloren haben, spricht man über die benutzte Technik und über das Wetter. Wenn man einander sympathisch ist, kann sich das Gespräch noch um ganz andere Themen drehen. Wie im richtigen Leben sind die Gesprächsanteile nicht immer gleich verteilt. "Es gibt auch hier Quasselstrippen" , sagt Weinhold.

Morsen übers Internet

Solche Wettbewerbe locken nicht nur langjährige Funker, sondern auch junge an und können damit wichtig für die Rekrutierung von neuen Mitgliedern sein. Wie andere Vereine hat auch der Deutsche Amateur-Radio-Club (DARC) ein Nachwuchsproblem. Annette Coenen, die beim Distrikt Hessen des DARC für die Jugendarbeit zuständig ist, sagt: "Jugendliche sind heute vielfach ausgebucht. Neben der Schule bleibt keine Zeit für mehrere Hobbys." Dass das Morsen schon vor vielen Jahren den Sprung ins Internet geschafft hat, hat das Interesse von Jugendlichen an Morsetelegrafie nicht wesentlich gesteigert. "Was sie interessiert, ist die Auseinandersetzung mit Technik in der Gemeinschaft und hier häufig ein Bastelprojekt als Einstieg" , sagt Coenen.

Insgesamt spielen Computer in der Morsetelegrafie aber schon länger eine große Rolle. Manch einer schreibt den Code direkt mit der Tastatur, und der Computer, das iPad oder welches Gerät auch immer, setzen das in Töne um und senden das Ganze über Funk oder über das eigene IP-Netz der Funkamateure, das HAM-Net, an den Empfänger. Zudem gibt es zahlreiche Computer-Trainingsprogramme vor allem für die Schnelltelegrafie.

Mit Morsecode fürs Abi lernen

Die nutzt auch Andre Schoch, Referent für HST (High Speed Telegraphy) im DARC und Trainer der deutschen Nationalmannschaft in Schnelltelegrafie. Die Trainingsprogramme, sagt er, morsten eine Sequenz vor, die dann decodiert werden solle und umgekehrt. "Man kann aber zum Beispiel abends als Übung auch mal einen Zeitungsartikel runtermorsen." Schoch selbst hat übrigens mit Morse-Unterstützung fürs Abi gelernt: Er übersetzte seinen Geschichtshefter in Morse und hörte den Lernstoff dann auf dem iPod an.

Schochs nächstes Großereignis ist im nächsten Jahr die Weltmeisterschaft in der Schnelltelegrafie im Oman. 2018 werden dann die World Radiosport Team Championships(öffnet im neuen Fenster) (WRTC), eine Art Olympia des Funksports, in Jessen/Wittenberg in Sachsen-Anhalt ausgetragen. Sie finden nur alle vier Jahre statt, 60 Teams treten gegeneinander an. Die Aufmerksamkeit innerhalb der Szene wird vor allem bei diesem Ereignis groß sein, aber darüber hinaus wird es wohl nicht viele Berichte darüber geben. Etwas sehnsuchtsvoll blickt Schoch deswegen manchmal in Länder, in denen das Morsen verbreiteter ist. "In vielen osteuropäischen Staaten gibt es gut bezahlte Morse-Profis, und wenn dort Wettkämpfe stattfinden, kommt das in den Abendnachrichten."

Morsetelegrafie ist Kulturerbe

Dazu wird es hierzulande wohl nicht kommen. Immerhin gehört die Morsetelegrafie aber seit Ende 2014 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Der DARC bemüht sich aktuell auch um eine internationale Anerkennung. Zur Begründung für die nationale Anerkennung(öffnet im neuen Fenster) hieß es, bei der Morsetelegrafie handele es sich "um eine interkulturelle Kultur- und Kommunikationsform, die Zeit und Raum überwindet. Die Träger sind als Interessengemeinschaft international vernetzt" .

Dieses internationale Netzwerk ist einer der Aspekte, die das Morsen für viele so reizvoll machen. Einige finden es auch einfach schön, etwas zu beherrschen, das wie eine Geheimsprache wirkt, aber in Wirklichkeit alles andere als eine Geheimsprache ist. Denn: Jeder kann sie lernen, und jeder kann mithören. Verschlüsselungen sind nämlich unter Funkamateuren generell verboten. Für viele klingt auch das sicher nach Anachronismus, für andere einfach nach Offenheit.


Relevante Themen