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Momo: Wie ein Black-Mirror-Film von Michael Ende

Aus Zeitdieben wird ein Tech-Konzern. Neu verfilmt, zeigt Michael Endes Momo eine Science-Fiction -Dystopie, die Kinder unbedingt sehen sollten.
/ Daniel Pook
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Alexa Goodall als Momo (Bild: Constantin Film)
Alexa Goodall als Momo Bild: Constantin Film

Michael Endes Momo kehrt als Neuverfilmung ins Kino zurück. Was zunächst wie eine verkürzte Adaption des Originalstoffs von 1973(öffnet im neuen Fenster) aussieht, überrascht mit dystopischen Science-Fiction-Elementen und schafft kritisch eine Verbindung zur heutigen Zeit. Die Interpretation von Regisseur und Drehbuchautor Christian Ditter kommt der Idee eines Black-Mirror -Films für Kinder ziemlich nahe.

Puristen mit großer Liebe für die Romanvorlage dürfte die Modernisierung des Stoffs stören. Ginge es uns hier um eine Umsetzung der Buchvorlage, würden wir den Film nicht empfehlen. Auch müssen Erwachsene ohne Kinder dafür mit Sicherheit nicht ins Kino gehen.

Begeistert sind wir dennoch, dass es Momo 2025 gelingt, einem jungen Publikum ernste Themen in solcher Deutlichkeit zu zeigen – ohne zu vergessen, wer die junge Zielgruppe ist, für die sich der Film als spannende, altersgerecht konzipierte Unterhaltung von heute präsentiert.

Mit feuerroten Locken gegen die Grauen

Am wenigsten hat sich in der Neufassung Momo (Alexa Goodall) selbst verändert, obwohl ihre lockigen Haare nun rot und nicht dunkel sind. Sie ist immer noch das herzensgute Waisenmädchen, das plötzlich einfach da ist. Den Bewohnern einer fiktiven Stadt hilft sie bei allerlei Problemen, indem sie sehr gut zuhört. Inspiriert durch Momo feiert die glückliche Gesellschaft regelmäßig gemeinsam Feste im örtlichen Amphitheater, bis die grauen Leute, im Original waren es bloß Herren, das Idyll schrittweise verderben.

Momo (Filmtrailer)
Momo (Filmtrailer) (01:50)

Erst mit dem Auftritt der Bösewichte wird klar: Diese Neufassung gibt sich nicht damit zufrieden, als Modernisierung nur einen diverser gewordenen Cast anzubieten.

Die Grauen führen neuerdings einen großen Tech-Konzern, mit Social-Media-Marketing, eigenen Flagship Stores und dem Versprechen, jeder Person bei der Selbstoptimierung zu helfen. Dafür reicht es aus, einen Activity-Tracker der Grey Corporation am Handgelenk zu tragen. Dieses Greycelet informiert stets, wie effizient Nutzer mit ihrer Zeit umgehen und warnt, wenn sie diese unnötig verstreichen lassen.

Arbeit wird mit Freizeitgutschrift belohnt. Sofort belastet wird das Zeitkonto, wenn einmal zu lange stillgestanden oder ein Schwätzchen gehalten wird. Übers reine Sparen und Verzinsen von Zeit wie im Buch geht das hinaus. Der Film updatet dieses Konzept um Aspekte von Überwachung, Analyse und Kontrolle durch Gadgets und Apps, die das Leben der Anwender zunehmend diktieren.

Diktatur des großen Tech-Konzerns

Momo erkennt als einzige, dass alle anderen nur glauben, sie würden ihre Zeit effizienter und lohnender einsetzen. Tatsächlich hat niemand mehr Freiraum fürs fröhliche Beisammensein und unbeschwerten Spaß.

Im Amphitheater lebte die Gesellschaft eigentlich längst glücklich eine kleine Utopie(öffnet im neuen Fenster) aus, voll Kreativität und Entgegenkommen. Was Momo den Bewohnern der Stadt so geduldig beigebracht hat, wird in kürzester Zeit vergessen. Feste gibt es keine mehr, das Stadtbild verwandelt sich von gemütlich-mediterran zu unterkühlt-technisiert.

Was die grauen Personen im Film letztlich aus der Gesellschaft machen, ist eine faschistische Diktatur, die weiter reicht als ins Digitale; sie dringt in sämtliche Lebensbereiche ein.

Es handelt sich um einen firmengesteuerten Überwachungsstaat mit einem Tech-CEO (Claes Bang) an der Spitze, der allen Bürgern Lebenszeit rauben will, um selbst unsterblich zu werden . Jeder Bewohner ist aus Sicht des grauen Anführers ein Rohstoff für Produktivität und lebensverlängernder Energie.

Christian Ditter stellt das böse Unternehmen Grey in der Verfilmung comic-haft vereinfacht dar, nimmt nie direkten Bezug zu realen Personen oder Firmen. Er zeigt seinem jungen Zielpublikum modellhaft eine bedrückende Vorstellung davon, wo es hingehen könnte, sollten einflussreiche Tech-Giganten faschistische Ambitionen entwickeln und durch die Hintertür über unser Geld und unsere Freizeit komplett die Kontrolle über unsere Leben übernehmen.

Ditters Film aktualisiert die Thesen des Buchs aus den 1970ern und verknüpft sie mit drohenden Gefahren der Gegenwart .

Michael Ende ging es um mehr als um Work-Life-Balance

Die Idee von Lebenszeit als Währung bleibt intakt, wird moderner verpackt und weitergedacht. Schon Michael Ende ging es mit Momo eigenen Aussagen zufolge(öffnet im neuen Fenster) nicht bloß darum zu zeigen, wie wichtig eine gesunde Work-Life-Balance(öffnet im neuen Fenster) ist. Er wollte vor allem das vereinnahmende Verhältnis zum Geld(öffnet im neuen Fenster) als Tauschmittel von abstraktem Wert hinterfragen.

Er sagt(öffnet im neuen Fenster) , Geld und Zeit seien keine Dinge, die uns besitzen sollten, sondern Werkzeuge, um gut und in Gemeinschaft zu leben. Dafür müsste sich jedoch das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein fundamental wandeln.

Wie Protest vereinnahmt und Ideale gebrochen werden

Einer der offensichtlichsten Momente zum Verständnis, wie sich die Konflikte der veränderten Geschichte verschoben haben, passiert im Film schon früh. Momo schafft es, ihre besten Freunde für eine Demonstration durch die Stadt zu mobilisieren.

Laut protestieren die Kinder gegen das Großunternehmen der Grauen, fordern alle dazu auf, deren Armbänder abzulegen. Ebenso wie im Buch schaffen die Schurken es schnell, das Aufbegehren zu beenden, in der neuen Version allerdings per Charme-Offensive der PR-Abteilung.

Der Konzern lobt die kleinen Demonstranten für ihre Zivilcourage und versucht sich mit deren Revolutionsgedanken medial zu schmücken. Momos bester Freund Gino (Araloyin Oshunremi), der immer Geschichtenerzähler werden wollte und somit Gigi aus dem Original entspricht, kann dem Angebot nicht widerstehen, als Social-Media-Creator in den Kanälen der Firma groß rauszukommen. Später wird er tatsächlich ein Superstar, aber konzerngesteuert und seelenlos.

Heranwachsenden im Kino zu zeigen, wie verlockend es sein kann, in einer solchen Situation die eigenen Werte zu verraten, und wie standhaft ein idealistischer Widerstand bleiben muss, um nicht von innen heraus geschluckt zu werden, finden wir in Zeiten des wiedererstarkendem Faschismus wirklich wichtig. Momo hätte vieles davon gern noch detaillierter zeigen können – doch was der Film thematisch aufgreift, wird zumindest stets zu klaren, für alle Altersklassen verständlichen Aussagen enwickelt.

Weil die aktuelle Momo-Umsetzung in diesen Punkten so gut ist, ist es nicht schlimm, dass die Geschichte wie ein vorhersehbares Fantasy-Movie endet. Momo besucht wie im Buch den Zeithüter Meister Hora (Martin Freeman) in seinem Nirgendhaus aus der Niemalsgasse. Sie trifft die Schildkröte Kassiopeia, die per Text auf ihrem Panzer kommunizieren kann.

Der gemeinsame Kampf gegen die grauen Leute hat dann wieder etwas mehr von Harry Potter, während das Geschehen vorher an eine Mischung aus Equilibrium und In Time(öffnet im neuen Fenster) erinnerte.

Kann nur Zauberei uns retten?

Zwar mag Magie kein realitätswirksamer Lösungsansatz gegen Faschismus und übergriffige Großkonzerne sein, dafür lässt die märchenhafte Fiktion unsere Jüngsten immerhin nicht mit einem Gefühl völliger Ausweglosigkeit zurück. Von daher ist das herbeigezauberte Happy End des Films in Ordnung. Aus Kindersicht kann Momo mit ihren Werten, der unbeugsamen Entschlossenheit einer Heldin, als Vorbild inspirieren – darauf kommt es hier am meisten an.

Die im Original englischsprachige Produktion von Rat Pack und Constantin Film schafft es, das alles als Mix aus Sci-Fi und Fantasy ordentlich bis gut auf die Leinwand zu bringen, ohne visuell zu brillieren. Als toller Realschauplatz(öffnet im neuen Fenster) macht das echte Amphitheater von Pula(öffnet im neuen Fenster) in Kroatien am meisten her. Und Kassiopeia gab es als Schildkröten-Animatronic wirklich am Set.

Momo nimmt sich zu wenig Zeit

Computereffekte, etwa wenn die Zeit manipuliert wird oder kugelrunde Roboter umherschwirren, können durchaus mit heutigen Hollywood-Projekten mithalten, kommen aber in kleinerem Maßstab und viel sparsamer zum Einsatz.

Was an Momo des Jahres 2025 am meisten zu kritisieren ist: Der Film erzählt zwar viel über Zeit, nimmt sich aber zu wenig Zeit dafür. Vor allem die Einleitung des 91 Minuten dauernden Films verpasst es, uns mit Momo und ihren Freunden in Ruhe vertraut werden zu lassen, sie als echte Personen wahrzunehmen. Dann wären wir emotional noch mehr ins Geschehen einbezogen, sobald die Ereignisse sich zu überschlagen beginnen. Um den Film langfristig in Erinnerung bleiben zu lassen, hätte Momos Welt noch detailreicher gestaltet werden, hätten besonders die Schauspieler mehr Eindruck hinterlassen müssen.

FSK-Freigabe und was Eltern noch wissen sollten

Die FSK hat Momo ab sechs Jahren freigegeben. Der zwischenzeitlich düstere Ton und die traurigen Momente, in denen die tapfere Protagonistin von all ihren Freunden allein gelassen wird und darunter leidet, könnten für sensible Kinder am unteren Ende des erlaubten Altersspektrums etwas zu viel sein.

Eltern sollten außerdem wissen, dass mehrmals im Film Menschen sterben und sich dabei flehend in Staub auflösen. Dazu gehört eine Szene, in der die grauen Leute Teile der eigenen Armee opfern, weil ihr Anführer deren Lebenszeit für sich braucht.

Es ist wichtig für die Wirkung des Films, den Schrecken faschistischer Diktaturen auch für Kinder in einzelnen Momenten deutlich darzustellen. Blut fließt dabei nicht, alles ist effektvoll harmlos verfremdet.

Nicht nur eine weitere Adaption

Kinder in der Altersklasse zwischen acht und vierzehn Jahren bekommen mit Momo in der neuen Version ein spannendes Kinoerlebnis, das nicht nur eine weitere Adaption des Romans nach der aus dem Jahr 1986 bereits(öffnet im neuen Fenster) geworden ist. Zum Glück wird nicht davor zurückgeschreckt, vorhandene Kapitalismuskritik des Originals mit neuem Sci-Fi-Einschlag noch gegenwartsrelevanter auszubauen. Ein mahnender, aber Hoffnung machender Kinderfilm, sofern wir uns Momos Mut zum Vorbild nehmen.

Momo erscheint am 2. Oktober 2025 deutschlandweit im Kino und wurde ab 6 Jahren freigegeben.


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