Mobilitätsprojekt Ioki: Bahn macht Sammeltaxi zum autonomen On-Demand-Shuttle
Iocus ist bekanntlich der römische Gott des Scherzes, doch mit ihrem neuen Projekt Ioki meint es die Deutsche Bahn durchaus ernst. Mit moderner Technik will der Konzern versuchen, schlecht versorgte suburbane und ländliche Regionen mit einer besseren Mobilität auszustatten und damit auch mehr Fahrgäste für seine bestehenden Angebote zu gewinnen. Das traditionelle Anrufsammeltaxi wird dabei konsequent digitalisiert und automatisiert: Künftig könnten die Kunden per App ein Fahrzeug bestellen, das dann autonom um die Ecke kommt und mit Hilfe von Echtzeitanalysen des Verkehrs die beste Route findet.
Erste Pilotprojekte der Firmentochter Ioki stellte Bahnvorstand Berthold Huber am Dienstag in Berlin vor(öffnet im neuen Fenster). Ioki ist dabei ein Akronym für Input Output Künstliche Intelligenz (KI). Von KI für die Verkehrsplanung dürfte beim Test autonomer Busse im niederbayerischen Kurort Bad Birnbach aber vorerst wenig benötigt werden. Auf einer 700 Meter langen Strecke vom Ortszentrum zur Kurtherme fahren die Busse vom Typ EZ-10 des französischen Anbieters Easymile lediglich mit 15 Kilometern pro Stunde.
Erstmals autonome Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen
Der Test ist dennoch ein Novum: Erstmals kommen in Deutschland auf öffentlichen Straßen autonome Fahrzeuge zum praktischen Einsatz. Da diese rechtlich noch nicht zugelassen sind, war eine Sondergenehmigung des Landratsamts erforderlich. Zudem muss ein Fahrbegleiter ständig in der Lage sein, in die Steuerung einzugreifen. Noch in diesem Oktober soll das Testprojekt starten. Ein ähnlicher Test auf dem Klinikgelände der Berliner Charité soll erst im kommenden Jahr beginnen.
Ganz anders hingegen das zweite Ioki-Projekt in Hamburg. Hier will die Bahn laut Huber mit 100 Testfahrzeugen einen "fahrerbasierten On-Demand-Shuttleservice mit ÖPNV-Anschluss" aufbauen. Per App sollen die Kunden wie bei Mitfahrdiensten wie Uber ein Fahrzeug mit Fahrer anfordern und sich das Auto mit anderen Nutzern teilen. Die Lücken im öffentlichen Nahverkehr will die Bahn nach Angaben von Michael Barillère-Scholz, Managing Director bei Ioki, mit Hilfe einer Mobility-Analytics-Plattform identifizieren. Zielgruppe seien Autofahrer, die auf ihrem Weg zum Arbeitsplatz beispielsweise drei Mal umsteigen müssten. "Wie können wir die dazu bewegen, mit in den ÖPNV zu kommen und Verkehre und Emissionen in den städtischen Räumen zu reduzieren?"
Keine Konkurrenz in Innenstädten
Die sogenannten Bediengebiete ermittelt Ioki laut Barillère-Scholz mit Hilfe von Mobilfunk- und Bewegungsdaten sowie einem "Goldschatz", den ÖPNV-Daten. Soziodemografische Daten sollen ebenfalls dabei helfen, die Einsatzgebiete einzugrenzen.
Denn anders als Uber will die Bahn beispielsweise nicht in der "Kernstadt" aktiv sein, um keine zusätzliche Konkurrenz zu bestehenden ÖPNV-Angeboten zu schaffen und noch mehr Autos auf die Straße zu bringen. Mit Blick auf soziodemografische Faktoren könnte es auf dem Land aber ein Problem darstellen, dass gerade ältere Fahrgäste nicht unbedingt in der Lage sind, per App einen solchen Dienst zu bestellen und inklusive Bezahlen komplett darüber abzuwickeln.
Doch gerade in ländlichen und suburbanen Regionen dürften Kommunen und Landkreise großes Interesse daran haben, den öffentlichen Nahverkehr flexibler zu gestalten. Ziel sei ein IÖV, sagte Huber, ein "individueller öffentlicher Verkehr". Zum einen verkehrten Busse auf bestimmten Strecken relativ selten, zum anderen seien sie außerhalb der Stoßzeiten oft leer. Allerdings stellt sich die Frage, zu welchem Preis ein solches Angebot verfügbar sein wird.
Autonome Taxis nicht teurer als heutige Tickets
Der Preis hängt laut Huber beispielsweise davon ab, wie lange die Kunden bei einem On-Demand-System auf das Fahrzeug warten müssen. Die Bahn habe anhand bestimmter Landkreise durchgerechnet, wie viele Fahrzeuge benötigt würden, um den Bewohnern versprechen zu können, nicht länger als zehn Minuten zu warten. "Wir haben festgestellt, dass wir spätestens dann, wenn wir autonom fahren können, dass wir dann zu Preisen kommen, die mit dem heutigen ÖPNV durchaus vergleichbar sind", sagte Huber. Dann könnte ein solches Angebot möglicherweise auch in bestehende ÖPNV-Tarifsysteme integriert werden.
Während die autonomen Testbusse in Bad Birnbach vorerst kostenlos genutzt werden können, ist für das Testprojekt in Hamburg eine Art Aufschlag zum Tarifpreis geplant. Langfristig sei auch ein komplettes Mobilitätsbudget denkbar, in das das Ioki-Angebot fest integriert sei. Möglicherweise könnten die Kosten auch davon abhängig sein, welche Pooling-Quote erreicht werde. Bahnvorstand Huber hat auch kein Problem damit, ein solches Angebot längerfristig zu subventionieren. Schließlich könnten die On-Demand-Dienste dazu führen, dass mehr Menschen die Bahn nutzten und lukrativere Fernstrecken buchten.
Viele weitere Projekte in Planung
Damit könnte die Deutsche Bahn möglicherweise mit Konkurrenzangeboten mithalten, wie sie Firmen wie Uber oder Lyft planen. Allerdings nehmen sich die Investitionssummen noch sehr bescheiden aus. In diesem Jahr steckt die Bahn nach eigenen Angaben einen zweistelligen Millionenbetrag in die Firmentochter Ioki, die derzeit über ein 40-köpfiges Team verfügt. Die Ausgaben für 2018 stünden noch nicht fest, sagte Huber im Gespräch mit Golem.de. Möglich sei zudem, andere Beteiligungspartner dazuzuholen.
Nach Angaben von Barillère-Scholz sind bereits "sehr viele weitere Pilotprojekte in der Planung". Man wolle das Konzept "sukzessive weiter in Deutschland skalieren". Die entsprechende Plattform lasse sich in wenigen Stunden aufsetzen. Sowohl der Fahrer als auch die Kunden erhielten dann eine jeweilige App. Der Fahrer finde mit Hilfe von Echtzeitalgorithmen darüber die beste Route, der Kunde wiederum sehe in der App, wie sich das gebuchte Fahrzeug nähere.
E-Tuk-Tuks werden getestet
Allerdings könne die offene On-Demand-Plattform auch in bestehende Angebote integriert werden, so dass der Nutzer nicht für jede Region eine zusätzliche Ioki-App installieren müsse. So werde die Testphase in Hamburg über die Switchh-App des Hamburger Verkehrsverbundes(öffnet im neuen Fenster) (HVV) laufen. Jeder App-Nutzer könne daher die Testfahrzeuge ausprobieren.
Ebenfalls in Hamburg soll es "ein Testfeld mit Bahnhofsanschluss für autonom verkehrende Elektrobusse" geben. Neben dem EZ-10 von Ligier will die Bahn auch sogenannte E-Tuk-Tuks des schwedischen Anbieters Clean Motion(öffnet im neuen Fenster) einsetzen. So baue Ioki mit der Bahn derzeit "einen der größten On-Demand-Werkverkehre Deutschlands" in Frankfurt am Main auf, wo die Elektroroller zum Einsatz kommen sollen. Allerdings sollen sie auch in weiteren Gebieten getestet werden. Zudem zeigte die Bahn in Berlin den Elekro-Van E-NV 200 von Nissan im Ioki-Design, der für den On-Demand-Dienst in Hamburg genutzt wird.
Sollte sich das Konzept der Deutschen Bahn durchsetzen, könnte daraus ein konkurrenzfähiges Angebot auf dem Land und im Umkreis von Ballungsräumen entstehen. Bis die Anrufsammeltaxis tatsächlich autonom auf dem Land unterwegs sind, dürfte es aber noch einige Jahre dauern. Die private Konkurrenz von Uber oder traditionellen Taxifirmen hätte dank des günstigen Ioki-Angebotes dann aber nur noch wenig zu lachen.
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