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Mitschnitte digitaler Assistenten: Mitarbeiter hört einstündiges Telefonat, beklagt Ausbeutung

Unter welchen Bedingungen müssen Menschen arbeiten, die für die großen IT-Unternehmen Mitschnitte der digitalen Assistenten anhören? Darüber berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter, der lange Unterhaltungen belauschen musste und ausbeuterische Arbeitsbedingungen unterhalb des Mindestlohns beklagt.
/ Ingo Pakalski
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Die Arbeit beim Belauschen digitaler Assistenten wird schlecht bezahlt. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Die Arbeit beim Belauschen digitaler Assistenten wird schlecht bezahlt. Bild: Martin Wolf/Golem.de

Sie hören sehr viele private Dinge von anderen Menschen und nicht jedem ist dabei so ganz wohl, wenn sie die Mitschnitte digitaler Assistenten oder aber von Telefonaten anhören. Anfang des Monats wurde über die Erfahrungen beim Abhören von Siri-Mitschnitten berichtet , jetzt folgt eine Schilderung von jemandem, der auch im Auftrag von Google Sprachmitschnitte des Google Assistant ausgewertet hat. Darüber berichtet Vice(öffnet im neuen Fenster) und hat die Angaben der Person anonymisiert.

Die Person gibt an, als Freelancer für ein Unternehmen tätig gewesen zu sein, das sich darauf spezialisiert hat, Sprachaufnahmen für große IT-Unternehmen anzuhören und das Gesprochene als Text einzugeben. Die von Vice als Thomas bezeichnete Person hat dabei auch mal ungewollt ein einstündiges Telefonat belauscht, eine Suchanfrage eines Freundes bearbeitet und vermutet aufgrund der vielen intimen Details, dass keinem Nutzer bewusst gewesen ist, dass dies fremde Menschen zu Gehör bekommen könnten.

Neben den psychischen Belastungen durch die Arbeit beklagt er eine ausbeuterische Bezahlung. Er wurde nicht für die geleistete Arbeitszeit bezahlt, sondern pro Mitschnitt. Selbst wenn er schnell gearbeitet hat, war kein Stundensatz auf Niveau des Mindestlohns möglich. Und er durfte sich keinen Fehler erlauben. Denn dann wurde die geleistete Arbeit nicht mehr bezahlt.

Einstündiges privates Telefonat belauscht

Er berichtet, wie er ein etwa einstündiges privates Telefonat belauscht und nie erfahren habe, für welches Unternehmen er hier tätig gewesen sei. "Die Gespräche waren in Schnipsel aufgeteilt und durcheinandergewürfelt. Aber ich kann mir gut Stimmen merken und konnte einige Schnipsel im Kopf verbinden." Am Ende war er sich sicher, dass es ein echtes Gespräch unter sehr engen Freundinnen war. "Es ging um Probleme mit dem Partner und den Kindern." Als er das abgehört habe, habe er sich "schlecht gefühlt. Ich kam mir vor, als würde ich für einen Geheimdienst arbeiten."

Aber auch an anderer Stelle fühlte er sich immer wieder unwohl mit seinen Aufgaben. "Ich war geschockt, weil ich das Gefühl hatte, den Menschen ist nicht bewusst, dass Fremde ihre Aufnahmen abhören dürfen. Ich spürte, da wird ganz stark in die Privatsphäre eingegriffen. Vor allem bei privaten Nachrichten, die per Speech-to-Text-Funktion aufgenommen wurden" , beklagt Thomas.

IT-Unternehmen sollten Nutzer für die Sprachdaten bezahlen

"Meiner Meinung nach sollten Nutzer ausdrücklich um Erlaubnis gefragt werden, ob sie ihre Aufnahmen weitergeben wollen." Firmen wie Google und Apple würden die Hinweise darauf irgendwo in der Datenschutzerklärung verstecken, so dass die meisten Nutzer nicht wüssten, dass ihre Sprachbefehle abgehört werden können. "Wenn Firmen das trotzdem tun, ist das Diebstahl für mich." Er fände es gut, wenn die Nutzer dafür Geld bekommen. "Schließlich helfen sie dabei, dass die Spracherkennung besser wird."

Einmal hat er unfreiwillig einen Freund belauscht.

Wenn man die Stimme eines Freundes erkennt

"Ich erinnere mich noch an einen Audio-Schnipsel, der hat meine Sicht auf das Ganze verändert. Ich hatte die Aufnahme abgehört und war plötzlich überzeugt: Das ist die Stimme von einem Freund von mir, der Journalist ist. Es war ein kurzer Suchbefehl." Das habe etwas bei ihm ausgelöst. "Vorher waren es immer die anderen, die ich da abhöre. Nun hatte ich das Gefühl, das betrifft auch mich."

Viel habe er im Auftrag von Google gearbeitet und er habe Tausende Sprachaufnahmen von Google-Nutzern abgehört. "Häufig waren es gesprochene Anfragen für die Google-Suche. Andere Audio-Schnipsel klangen wie Textnachrichten, die jemand in sein Handy spricht, um nicht tippen zu müssen."

Thomas kommt die Welt kaputt vor

Dabei habe es viel Belangloses gegeben, aber auch intime Dinge: "Liebesbotschaften, Hass, Suchanfragen für Pornos. Definitiv nichts, was für fremde Ohren bestimmt ist. Ich erinnere mich an einen Audio-Schnipsel, da hat jemand einer anderen Person Gewalt angedroht. Es gab auch viele Audio-Schnipsel, die ich rassistisch und sexistisch fand. Da denkt man echt, die Welt ist kaputt."

"An ein Angebot für psychologische Betreuung vonseiten der Firma kann ich mich nicht erinnern. Mit Kollegen konnte ich mich nicht austauschen, weil ich nicht einmal wusste, wie sie heißen." Der einzige Kontakt zum Unternehmen sei die Projektleitung gewesen. Dort habe Thomas einmal nachgefragt, was er tun solle, wenn er zum Beispiel Nazi-Inhalte höre. "Die Antwort ging in die Richtung: Ich soll das einfach ausblenden."

"Der Job hat mich am Ende wirklich runtergezogen. Ich habe mir in den Aufnahmen viel mehr aggressive Sprache, Rassismus und Beleidigungen anhören müssen, als ich der Gesellschaft zugetraut hätte."

Schlechte Arbeitsbedingungen

Die Sprachmitschnitte hat er als Freelancer zu Hause am PC angehört, für die Arbeit nutzte er eine spezielle Software, in der er Zugriff auf die Sprachaufnahmen erhalten hat. "Der Ablauf war simpel: zuerst den Audio-Schnipsel anklicken, dann den abgehörten Text in ein Fenster tippen. Dabei musst du dich aber extrem konzentrieren."

Der Grund dafür ist, dass eben nur Centbeträge für einzelne Aufnahmen bezahlt werden. "Machst du einen Fehler, wird dir die Aufnahme nicht bezahlt und zurückgeschickt." Manchmal habe er 30 bis 40 Stunden pro Woche gearbeitet, manchmal waren es nur einige Stunden – abhängig von der Auftragslage.

Er sei Teil von einem Team aus mehreren Freelancern gewesen, zwischen denen es keinen direkten Kontakt gegeben habe. "Wir konnten uns nicht schreiben und wir kannten auch nicht unsere Namen." Trotzdem habe es Konkurrenz im Team gegeben. Er konnte in der Software einsehen, wie gut die anderen bei der Arbeit abgeschnitten haben und wie viel die anderen leisten.

"Für meinen Job kann man sich online bewerben. Dann muss man – unbezahlt – eine Reihe von Tests machen, darin geht es zum Beispiel um das Sprachniveau und Grammatikkenntnisse. Ein persönliches Gespräch hatte ich nie."

Er halte die Firma für einen Halsabschneider. "Sie hat mir einen Verdienst über Mindestlohn versprochen. Doch nur durch den Einsatz von selbst finanzierter Soft- und Hardware konnte ich den erreichen. Aber ich schätze, dass andere Freelancer nur einen Hungerlohn geschafft haben. Da die Firma nur pro transkribierter Aufnahme bezahlt, zählt jede Sekunde. Das halte ich für Ausbeutung."

Vice wurden nach eigener Aussage etliche Dokumente vorgelegt, mit denen die Schilderungen der Person überprüft wurden. So wurden Screenshots der Software eingesehen, mit der die Mitschnitte angehört und als Text eingegeben wurden. Zudem liegen dem Magazin umfangreiche Anleitungen zum Transskribieren vor sowie E-Mails der entsprechenden Projektleitung und Belege für die Bezahlung der geleisteten Arbeit.


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