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Minidisc gegen DCC: Der vergessene Formatkrieg der 90er-Jahre

Vor 30 Jahren hat Sony die Minidisc als Nachfolger der Kompaktkassette angekündigt - und Philips die Digital Compact Cassette. Dass sich an diese nur noch Geeks erinnern, hat Gründe.
/ Tobias Költzsch
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Minidisc-Player und mittendrin eine DCC (Bild: Tobias Költzsch/Golem.de)
Minidisc-Player und mittendrin eine DCC Bild: Tobias Költzsch/Golem.de

Anfang der 90er war die Kompaktkassette das gängige Medium, um unterwegs Musik zu hören. Philips hatte das Produkt 30 Jahre zuvor auf den Markt gebracht und da hielt es sich sehr hartnäckig. Die Wettbewerber, vor allem Sony, suchten nach einem guten Konkurrenzprodukt und meinten 1991 eines gefunden zu haben: die Minidisc. Zur gleichen Zeit zog auch Philips nach, mit der Digital Compact Cassette, kurz: DCC.

Was folgte, was einer der einseitigsten Formatkriege im Audiobereich und ein Lehrstück für ein nicht konkurrenzfähiges Produkt, das schnell in Vergessenheit geriet. Vier Jahre nach ihrer Veröffentlichung 1992 stampfte Philips die DCC wieder ein. Das Produkt war spektakulär gefloppt - doch auch die Minidisc hatte es schwer, zumindest in Europa.

1991 gab es zur Kompaktkassette kaum Alternativen: Um unterwegs Musik zu hören, Musik zu kopieren und zu tauschen, waren Kassetten nach wie vor das Mittel der Wahl - und das, obwohl es seit 1982 auch schon CDs als Ersatz für Schallplatten gab. CDs boten zwar eine wesentlich bessere Audioqualität, tragbare CD-Player waren aber zu dieser Zeit noch viel zu teuer und vor allem sehr empfindlich, was Erschütterungen betrifft. Ein tragbarer Kassettenrekorder war hingegen auch schon 1991 bei Bewegungen nutzbar, ohne dass der Ton geleiert hat - ein gewisses Preisniveau vorausgesetzt.

CDs waren noch keine Alternative zum Mixtape

Außerdem ließen sich CDs zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbst bespielen, Kassetten hingegen schon - das Medium war ideal für Mixtapes und getauschte Alben. Allerdings verloren die Aufnahmen bei jedem Kopiervorgang hörbar an Qualität, anders als zum Beispiel Sonys digitales DAT-Format, das als Konkurrenz zur Kassette startete, sich aber vor allem wegen des Widerstands der Musikindustrie (Stichwort: illegale Kopien) nicht durchsetzte.

Die Minidisc sollte dieses Problem lösen: Kopien waren dank des digitalen Formats qualitativ deutlich besser als bei Kassetten, gleichzeitig aber aufgrund der angewandten Kompression nicht identisch mit dem Ausgangsmaterial. Sonys ATRAC-Codec ermöglicht es, den Umfang einer CD (650 bis 700 MByte) komplett auf eine Minidisc zu kopieren, die zwischen 164 und 177 MByte Datenspeicher bietet. Bei ATRAC handelt es sich um ein psychoakustisches Modell, das vom Gehirn nicht mehr wahrnehmbare Teile der Aufnahme entfernt und die Aufnahme dadurch komprimiert. Sony hat das Format immer weiterentwickelt und verbessert.

Eine DCC zu nutzen ist kein Zuckerschlecken

Auch Philips' DCC nimmt Musik digital auf und komprimiert sie dabei, die Daten werden allerdings nicht auf einer magnetisierten Schicht innerhalb einer Kunststoffscheibe geschrieben, sondern auf ein Magnetband. Der verwendete Codec nennt sich PASC (Precision Adaptive Subband Coding) und entspricht mehr oder weniger MPEG-1 Audio Layer 1. Gegenüber Kompaktkassetten ist der Frequenzbereich bei DCCs größer.

Weshalb sich die Minidisk im direkten Vergleich durchgesetzt hat und nicht die DCC, wird relativ schnell verständlich, wenn man - wie der Autor des Textes - beide Formate parallel nutzt. Die DCC ist wie ihr Vorgänger, die Kompaktkassette, ein lineares Medium, da die Daten zwar digital, aber weiterhin auf Band gespeichert werden. Um sie abzurufen, muss der Lesekopf entsprechend an die richtige Stelle bewegt werden - durch Spulen.

Das dauert in der Praxis wesentlich länger als bei einer Minidisc, wo wir die einzelnen Tracks direkt anwählen können. Während die DCC noch spult, haben wir mitunter schon einen halben Song auf einer Minidisc gehört. Sonys System bringt gegenüber der alten Kompaktkassette den wesentlichen Vorteil, den es auch bei CDs gibt: Die Musik ist schneller verfügbar.

Minidisc und DCC haben klare Unterschiede

Wer 1992 von der Kompaktkassette auf eines der neuen Medien umsteigen wollte, stand also vor der Wahl zwischen: einem neuen System mit Vorzügen beim Handling (Minidisc) oder einem System, das einen der großen Nachteile der bisherigen Kassetten fortführte (DCC). Dass sich Nutzer dann eher für die Minidisc entschieden, ist nicht verwunderlich.

Im Alltag dürfte das Herumgespule bei der DCC die meisten Nutzer genervt haben, wenngleich die DCC besonders zu Beginn Vorteile bei der Audioqualität gegenüber der Minidisc hatte. Sobald Sony aber seinen Codec im Griff hatte, war dieser Vorteil auch passé - die Minidisc war einfach das bessere und schnellere Medium.

DCCs müssen nicht umgedreht werden

Einen manuellen Seitenwechsel kennen DCCs übrigens nicht: Der Player wechselt die Abspielseite durch Drehen des Wiedergabekopfes. Bei gekauften Alben können Nutzer den gewünschten Titel eingeben; befindet sich dieser auf der zweiten Seite, spult der Player automatisch auf der richtigen Seite an die korrekte Stelle.

Ein DCC-Player mag auch alte Kompaktkassetten

Bei der Entwicklung der DCC ist Philips offenbar davon ausgegangen, dass Nutzer dem Konzept "Kassette" mit der Notwendigkeit des Spulens gewogen bleiben. Davon zeugt auch der Umstand, dass DCC-Player abwärtskompatibel sind: Wir können unsere alten Kompaktkassetten abspielen, die Audioqualität ist dank der verbauten guten Köpfe sehr gut. Aufnahmen lassen sich mit einem DCC-Player aber nur auf DCCs selbst machen, nicht auf Kompaktkassetten - Nutzer mussten also die teureren neuen Kassetten kaufen, wenn sie selbst etwas aufnehmen wollten.

Für DCCs gibt es wie für Minidiscs sowohl portable Player/Recorder als auch Bausteine für Hifi-Anlagen. Die portablen Geräte sind verglichen mit späteren Minidisc-Playern deutlich größer und klobiger. Sony, Panasonic, Sharp und zahlreiche andere Hersteller haben die portablen Minidisc-Geräte im Laufe der Jahre immer wieder verkleinern können, bis sie nur noch unwesentlich größer als eine Minidisc selbst waren. Nicht jedes Gerät konnte aufnehmen, so konnten Nutzer sich für einen preiswerteren Player entscheiden, wenn sie nur Minidiscs wiedergeben wollten.

Vergleichen wir unser Minidisc-Deck, ein Sony MDS JE510, mit unserem DCC-Deck, ein Philips DCC-91, so wird deutlich, dass Minidiscs mehr Funktionen bieten. Wir können aufgenommene Titel mit Namen benennen und die Position auf der Disc verändern. All das ist bei selbst aufgenommenen DCCs nicht möglich, da nur am Anfang der Kassette ein Lead In geschrieben wird. Ansonsten gibt es nur Track-Marker, die die Nummer des Titels verraten.

DCCs kennen keine selbst erstellten Tracktitel

Dass wir die Position der Titel bei DCCs nicht ändern können, ist ein wesentlicher Nachteil gegenüber Minidisc, wo sogar tragbare Rekorder wie unser MZ-R30 von Sony eine Titeleingabe und das Verschieben von Tracks ermöglicht. Tracktitel gibt es nur bei voraufgenommenen Alben auf DCC, die einen durchlaufenden Informations-Kanal haben.

Die Bedienung bei Sonys Deck ist zudem wesentlich intuitiver, was vor allem an der unnötig komplizierten Beschriftung des Philips-Decks liegt. Wollen wir beispielsweise eine Aufnahme starten, drücken wir beim Minidisc-Deck den bekannten Aufnahmebutton. Beim DCC-91 hingegen gibt es eine mit "Append" beschriftete Schaltfläche, die zunächst gedrückt werden muss. Dann lassen sich Aufnahmen über einen Button starten, auf dem "Record/Mute" steht. Dieser dient gleichzeitig dazu, der Aufnahme eine 3-sekündige mit Stille gefüllter Pause hinzuzufügen, wonach sie wieder pausiert wird - für den Fall, dass das aufzunehmende Material nicht mindestens drei Sekunden Pause zwischen den Titeln hat.

Neben eigenen Aufnahmen gab es für Minidisc und DCC auch Musikalben. Angesichts der längeren Verfügbarkeit von Sonys System ist die Auswahl auf Minidisc allerdings weitaus größer als die für DCCs. Interessanterweise gibt es immer noch Künstler und Musikvertriebe, die neue Alben auf Minidisc und sogar DCC herausbringen. Alben aus den 1990er Jahren erreichen heute mitunter Preise weit jenseits von 100 Euro. Weniger gefragte Alben sind für 20 bis 30 Euro erhältlich.

1996 war für DCC Schluss, Minidisc hielt länger durch

1996 hat Philips endgültig eingesehen, dass der Markt kein Interesse an einem digitalen System auf Kassette hatte. Die DCC wurde still und heimlich eingestellt, neue Kassetten und Player wurden nicht mehr entwickelt. Neben der umständlichen Bedienung im Vergleich zur Minidisc scheiterte die DCC auch an einem fehlenden Markt: Viele Nutzer waren im Privatbereich weiter mit Kompaktkassetten glücklich. Eine gut aufgenommene Kassette klingt zudem nicht so schlecht, wie mancher es heute in Erinnerung haben mag.

Die Minidisc hingegen war noch lange nicht am Ende: Die letzten Player wurden 2013 abverkauft, also über 20 Jahre nach Einführung des Systems. Aus deutscher/europäischer Perspektive mag die Minidisc wie ein Flop wirken, in vielen anderen Ländern der Welt feierte sie aber durchaus Erfolge - unter anderem in Asien. Auch waren Minidisc-Recorder in der Musikproduktion und bei Journalisten sehr beliebt.

Bevor Sony 2011 die Produktion einstellte, gab es einige neue Features. Neben Longplay-Optionen wurde noch NetMD eingeführt: Mit entsprechenden Rekordern konnten Musikstücke mit Hilfe eines Programms direkt von einem Rechner auf eine Minidisc übertragen werden - allerdings nicht zurück. So sollte verhindert werden, dass Musik einfach geteilt werden konnte. Die Audioqualität entsprach dem LP2-Standard (LP = Longplay, entspricht ATRAC3) mit 132 kbit/s, während der normale ATRAC-Standard 292 kbit/s hatte.

HiMD sollte Minidisc retten

Allerdings spürte Sony schon länger den Druck der MP3-Player, die sich Anfang der 2000er immer weiter verbreiteten. Um sich gegen sie zu positionieren, wurde 2004 mit HiMD ein neuer Standard veröffentlicht, der spezielle Abspielgeräte voraussetzte. Ein HiMD-Player konnte NetMD und ursprüngliche Minidisc-Formate abspielen, ältere Player aber keine HiMDs.

Eine HiMD kann 1 GByte an Daten speichern, dabei lassen sich Daten und Musik gleichzeitig auf einer Minidisc ablegen. Musik kann entweder unkomprimiert in CD-Qualität oder komprimiert gespeichert werden (ATRAC3 oder ATRAC3 Plus). Je nach gewählter Bitrate lassen sich so dutzende Stunden Musik speichern. Den immer preiswerter werdenden MP3-Playern konnte Sonys System aber nichts entgegensetzen, weshalb auch für HiMD zwischen 2011 und 2013 Schluss war.

DCCs und Minidiscs wurden auch als Datenspeicher eingesetzt. Sony hat unter anderem eine Digitalkamera mit Minidisc als Speicher veröffentlicht, im Audiobereich gab es Mischpulte mit Minidisc-Laufwerken. Großflächig durchsetzen konnten sich beide Systeme aber nicht.

Heutzutage sind Minidiscs (zumindest in Europa) und DCCs eher eine Fußnote in der Geschichte der Audioformate. Die Formate sind auch nicht Teil der Retrowelle, die vor allem Vinylplatten und Kassetten beinhaltet - zumindest noch nicht. In das Thema Minidisc lässt sich preiswert einsteigen: Tragbare Recorder sind in funktionsfähigem Zustand oft für unter 30 Euro erhältlich. Für einen tadellosen MZ-R30 mit funktionierendem Akku und Netzteil haben wir 21,30 Euro bezahlt. Auch Hifi-Decks sind günstig: Unser MDS-JE510 hat uns bei Ebay 60 Euro gekostet.

DCC-Leermedien sind teuer

Beim Thema DCC hingegen müssen Interessenten mehr investieren: Unser DCC-91 hat uns bei Ebay Kleinanzeigen um die 150 Euro gekostet, dazu kommen 15 Euro für neue Antriebsriemen - die waren wie erwartet bei unserem Gerät ausgeleiert. Wir haben absichtlich darauf verzichtet, ein DCC 900 zu kaufen, das bei Ebay oft anzutreffen ist. Das Gerät ist dafür bekannt, dass die Kondensatoren ausgetauscht werden müssen.

Bei Aufnahmemedien sind Minidiscs ebenfalls günstiger als DCCs. Für originalverpackte, ungenutzte DCCs sind Preise zwischen 15 und 20 Euro pro 90-Minuten-Band üblich. Minidiscs sind auch originalverpackt für einen wesentlich geringeren Preis erhältlich - es gibt schlichtweg mehr davon. Über Amazon sind immer noch Sonys Neige-Minidiscs im Zehnerpack für knapp 73 Euro erhältlich.

Angesichts der Art und Weise, wie die meisten Menschen heute Musik hören (Streaming), sind Minidisc und DCCs natürlich obsolet. Wer auf Qualität und alternde Musikformate wert legt, wird zudem eher eine CD mit unkomprimierter Musik hören. Den Formaten fehlt zudem der gewisse Charme, den Vinylplatten für viele Fans haben.

In der Hifi-Anlage des Autors haben aber sowohl das Minidisc-Deck als auch das DCC-Deck einen festen Platz. Das liegt allerdings eher an nostalgisch-nerdigen Gründen und ist nicht praxisorientiert. Der Autor stellt allerdings fest, dass er wie bei Platten auch bei Minidiscs und DCCs Musik bewusster hört als über Streaming - das mag aber eine sehr subjektive Wahrnehmung sein.


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