Keine akribische Prophezeiung, aber ein weitsichtiger Film
Der realitätsnahe Film Good Kill (2014), zeigt eindrücklich, wie richtig Toys leider lag. Hier geht es um einen sehr jungen Piloten, der aus sicherer Entfernung Drohnen steuert und lange Zeit kaum über die Perspektive eines Videospiels hinauskommt, bis ihm die Tragweite seiner Entscheidungen bewusst wird.
Den Missbrauch von Kindern für militärische Zwecke, wie ihn Toys skizziert, verdeutlicht auf abstraktere Weise auch Ender's Game (2013), bei dem ein Kind mit guten taktischen Fähigkeiten lange meint, nur ein großes Spiel zu spielen. Die Erwachsenen halten dieses Missverständnis bewusst aufrecht, um moralische Hemmnisse auszuschalten, die den Protagonisten aber am Ende doch einholen.
Die Entfremdung von der unmittelbaren Kriegserfahrung, um durch Ausblenden der Moral militärisch effektiver zu werden, ist eine der wichtigsten Botschaften von Toys. Selbst die fatalen Konsequenzen von autonomen Waffen werden im Film anhand des sogenannten Seeschweins diskutiert, als sich eine eigenständige mysteriöse Waffe am Ende jeglicher Kontrolle entzieht und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.
Hier fühlt man sich an die legendäre Szene aus dem ersten Robocop (1987) erinnert, als der Kampfroboter nicht bemerkt, dass das Gegenüber sich ergibt und fatalerweise das Feuer eröffnet. Noch drastischer setzt 1995 der Film Screamers den Horror autonomer Waffensysteme in Szene.
Der moderne Begriff dafür, den wir durch den Ukrainekrieg alle gelernt haben, lautet Loitering Weapons - Waffen, die herumlungern und sich dann autonom auf potenzielle Gegner stürzen, wie die US-amerikanische Aero-Vironment-Switchblade-Drohne (nicht zu verwechseln mit der russischen SS-N-25 Switchblade).
Bis vor Kurzem galten autonome Waffensysteme noch als moralisch verwerflich und erschreckend, vergleichbar mit Landminen. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine erscheinen sie plötzlich als legitimes Verteidigungsinstrument. Mit einem Stückpreis von etwa 6.000 US-Dollar sind sie viel günstiger als viele Lenkraketen.
Dabei zeigt schon das Seeschwein aus Toys deutlich, was es bedeutet, wenn man die Entscheidung über Leben und Tod aus der Hand gibt - es ist nicht einmal ein Szenario wie im Film Terminator (1984) nötig, in dem Skynet die Waffen bewusst gegen die Menschheit richtet. Eine einfache Fehlfunktion reicht beim Seeschwein aus, um von der eigenen Waffe verfolgt und attackiert zu werden.
Dystopisch - und lustig bis absurd
Trotz aller dystopischer Vorahnung ist Toys aber auch lustige bis absurde Unterhaltung und in vielen Aspekten ganz bewusst der Realität entrückt. Dass die gerade für Anfang der 1990er besonders verrückt konstruierten Szenen die heute aktuellen Themen so punktgenau treffen, ist bemerkenswert.
Ein Beispiel: In einer Szene diskutieren zwei Nebenfiguren die Probleme, die sich durch "Duplikation" ergeben. Sie tun das anhand eines Fotokopierers, stellen damit aber bereits wunderbar den Paradigmenwechsel der Digitalisierung bis hin zu Non-Fungible Tokens (NFTs) komödiantisch dar. Was ist, wenn die Identität von etwas durch beliebige Kopierbarkeit nicht mehr selbstverständlich und eindeutig ist?
Diese philosophische Erschütterung unserer Grundfesten haben wir inzwischen weitgehend durchlaufen. Filesharing hat das Eigentum und die Vermarktungshoheit in Frage gestellt - und Kopierschutzmaßnahmen, Verschlüsselung und NFTs versuchen, die alten Paradigmen zurückzubringen. Mit der philosophischen Rückschau auf die letzten Jahrzehnte könnte man nach dem Anschauen von Toys ganze Bücher füllen.
Der Kopfhörer gehört nicht in die Nase
Auch der Woozyhelm, der im Film eine Art Virtual-Reality-Erlebnis ermöglichen soll, mag 1992 wie pure Science-Fiction gewirkt haben. Heute erscheint er heute so plausibel, dass die Darstellung altbacken erscheinen würde - wären da nicht die Details, die die zeitlosen technischen Tücken jeder Innovation amüsant und treffsicher verdeutlichen: Die unangenehme Sonde im Nasenloch entpuppt sich als einfacher In-Ear-Kopfhörer. Die Szene spiegelt die Verwirrung wider, die heute mancher beim Anlegen komplexen VR-Equipments verspürt.
Sicher: Toys ist keine akribische Prophezeiung und bleibt bei aller Weitsicht ein künstlerischer Film, der eher der Avantgarde zugeordnet werden könnte. Doch der im Film erwähnte, damals brandneue Stealthbomber B-2 Spirit ist bis heute das teuerste Kampfflugzeug und kostet in der Produktion gut 2 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommen horrende Kosten für Wartung, Betrieb, Ausbildung, Treibstoff und Bewaffnung. Die Idee im Film, dass man für das gleiche Geld ja Hunderttausende tödlicher "Spielzeugflugzeuge" bekommen könne, findet sich heute ebenfalls in der Realität wieder, etwa in Form besagter Switchblade-Kamikazedrohnen. Dennoch werden wir wohl niemals ein komplettes Militär zum Preis eines Spielzeugladens bekommen.
Immer auch eine Frage von wirtschaftlicher Überlegenheit
Das liegt auch daran, dass ein Kräftemessen in einem kalten oder heißen Krieg stets auch in Form von wirtschaftlicher Überlegenheit ausgetragen wird. Die Gesamtsumme der Aufwendungen setzt den Gegner unter Druck und zwingt ihn zu Verhandlungen. Sich dabei auch selbst nicht wirtschaftlich zu verausgaben, war die entscheidende Kehrtwende in den letzten 30 Jahren.
Wenn man sich höhere Ausgaben für das Militär leisten kann und der Gegner annehmen muss, dass man die Waffen auch einsetzt und diese einen potenziellen Vorteil bringen, zwingt man den Gegner, ebenfalls Geld zu investieren oder Zugeständnisse bei Verhandlungen zu machen. Dieses komplexe Wechselspiel hat in den Jahrzehnten seit dem Kalten Krieg zu erheblichen Einsparungen geführt, da ein Waffeneinsatz in Europa als weniger wahrscheinlich galt.
Die jetzt kommende Phase erhöhter Ausgaben spiegelt nur wider, dass sich die Wahrscheinlichkeit für einen Waffeneinsatz konkret erhöht hat. Kleinere, günstigere und flexiblere Waffen als ein einzelner Stealthbomber für 2 Milliarden Dollar, die dem Gegner dennoch erheblich schaden können, werden dabei eine größere Rolle spielen als noch vor 30 Jahren.
Toys ist schwierig zu bekommen
Wer sich auf das etwas ungewöhnliche Erlebnis Toys einlassen möchte, muss sich leider ein wenig bemühen, denn außer Disney+ hat ihn kein großer Anbieter in der Flatrate und selbst als Kauf- und Leihvideo bekommt man ihn weder bei Netflix noch bei Amazon. Wer die Mühe nicht scheut, kann versuchen, sich die gebrauchte DVD zu kaufen. Begrenzte Stückzahlen sind meist für ein paar Euro zu bekommen.
Wem ein paar visuelle Eindrücke reichen, der findet auf Youtube einen Trailer, der einen guten schnellen Einblick ermöglicht. Den Kern der Kriegsführung durch Drohnen und als Videospiel getarnt fasst ein anderes Youtube-Video gut zusammen.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]