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Flugzeugträger als Aushängeschild militärischer Macht

Golem: Machen wir einen Sprung in, sagen wir, politische Science-Fiction. Wie viel an Meldungen, wie der Ankündigung von Chinas Weltraumflugzeugträger Luanniao, sollten wir als ernste Absicht verstehen und wie viel als eine Art Spektakel, das vielleicht eher einen bestimmten Eindruck vermitteln soll?

Sönnichsen: Realisierbar ist das nicht. Heute überhaupt nicht. Und ob wir in 30 Jahren die technischen Fähigkeiten haben werden oder sich ein solches Design dann noch lohnt, darf ebenfalls bezweifelt werden. Dann wird es wohl eher noch stärker autonome, kleinteiliger handelnde Systeme geben.

Golem: Dann geht es dabei erst mal gar nicht darum, so etwas tatsächlich zu bauen?

Sönnichsen: In meinen Augen dient diese Ankündigung propagandistischen Zwecken. Nach dem Marinestrategen Alfred Thayer Mahan galt, eine Seemacht zu sein, lange als das Aushängeschild einer Großmacht. Das Vorbild war beispielsweise das britische Kolonialreich. Dessen Seemacht machte Großbritannien virtuell unangreifbar. Schlicht weil die Royal Navy jede Invasionsflotte vorzeitig auf See abfangen konnte.

Golem: Wie passt das zu Weltraumflugzeugträgern?

Sönnichsen: Dazu komme ich gleich. Während die historische Seemacht ein Land virtuell unangreifbar machte, ermöglichen Flugzeugträger heute die Projektion von Macht in Form eines mobilen Luftwaffenstützpunkts direkt vor die Küste eines Widersachers – sie ermöglichen es einem also, tief in das Land des Widersachers hineinzureichen. Der technologische Fortschritt macht das möglich. Und so gilt ein Flugzeugträger heute als das Aushängeschild militärischer Macht.

Golem: Und Luanniao wäre so etwas Ähnliches, bloß im Weltraum?

Sönnichsen: Ich schätze, dieser Weltraumflugzeugträger soll ähnliche Assoziationen wecken. Dabei stellt sich die Frage, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Autonome Waffensysteme und auch neue Anti-Schiffs-Raketen könnten in meinen Augen langfristig zu einem Bedeutungsverlust von maritimen Flugzeugträgern führen. Womöglich wird sich deren Aufgabe zunehmend auf kleinere Drohnenträger verlagern, die agiler einsetzbar und einfacher zu sichern sind – und die in deutlich größerer Stückzahl gebaut werden könnten.

Golem: Das würde dann im Weltraum genauso gelten.

Sönnichsen: Genau. Im Weltraum potenziert sich die Problematik eines Trägers noch einmal. Von der technischen Realisierbarkeit und dem logistischen Alptraum, die Besatzung eines solchen Gefährts am Leben zu halten, einmal abgesehen: Der Träger wäre jederzeit von überall zu beobachten – und im Zweifel auch exponiert angreifbar, weil Sie diesen viel schlechter schützen können als einen maritimen Träger.

Weltraumschrott bedroht ein solches Gefährt zusätzlich. Auch hier denke ich eher an kleinteiligere autonome Systeme. Miniträger mit Drohnen oder Waffensystemen wären viel geeigneter dazu, im Weltraum zu operieren.

Golem: So ein Weltraumflugzeugträger soll also vielleicht die Erinnerung an Machtprojektion wecken. Inwiefern verfolgt denn jede Machtprojektion im Weltraum echte geostrategische Ziele? Im Vergleich dazu, zum Beispiel dem eigenen Volk oder einer konkurrierenden Nation das eigene Können zu beweisen.

Sönnichsen: Technologie galt seit jeher als wichtige Projektionsfläche von Macht. Das beginnt im Prinzip schon bei der Militärtechnik des Römischen Imperiums und ist in der Moderne, insbesondere in Zeiten der Nationalstaaten, noch einmal in technisch-militärischen Großprojekten aufgegangen. Wer als Großmacht etwas sein will, muss bestimmte technologische Fähigkeiten besitzen.

Es gibt dazu eine spannende Dissertationsschrift einer israelischen Wissenschaftlerin. Sie nennt das den Space Club(öffnet im neuen Fenster). Historisch gab es da beispielsweise den Dreadnought Club, den Nuclear Club und jetzt eben den Space Club.

Golem: Was meint sie damit?

Sönnichsen: Der Dreadnought Club ist benannt nach der HMS Dreadnought. Deren revolutionäres Design setzte auf nur ein sehr schweres Kaliber, was eine deutlich zerstörerische Breitseite erlaubte. Hinzu kamen die Nutzung von Dampfturbinen für eine hohe Geschwindigkeit und eine sehr schwere Panzerung.

Die Dreadnought war bestehenden Kriegsschiffen derart überlegen, dass der rein zahlentechnische Vorteil etwa der Royal Navy obsolet wurde. Staaten wie das Deutsche Kaiserreich, das bis dato keine große Flotte besaß, brauchten nicht mit der bestehenden Flotte des Empire konkurrieren – man setzte sofort auf das Dreadnought-Design.

Hier hätte die industrielle Kapazität der Staaten bestimmt, wer die schlagkräftigere Flotte besitzen sollte – das führte zum Flottenwettrüsten, was auch zum Ersten Weltkrieg beitrug. Ebenso galt der Nuclear Club ab den 1940er/1950er Jahren als Ausweis einer Großmacht.


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