Mietwagen: Sixt, Hertz und Co. trennen sich von Elektroautos

Glaubt man den jüngsten Schlagzeilen , entsteht der Eindruck, die Elektromobilität stecke in einer tiefen Krise. Einige rufen sogar schon das Ende des E-Auto-Hypes aus. Die Stimmung auf dem Mietwagenmarkt scheint diesen pessimistischen Eindruck zu bestätigen. Sixt, Hertz, Miles - zahlreiche Anbieter haben den Elektroanteil in ihren Flotten zuletzt zurückgefahren.
"Wir möchten Sie darüber informieren, dass wir derzeit keine weiteren Tesla-Fahrzeuge anschaffen" , teilte Sixt seinen Kunden Ende 2023 in einer E-Mail mit . Darüber hinaus werde man den vorhandenen Bestand an Tesla-Fahrzeugen in der Mietwagenflotte abbauen. Und nicht nur Tesla, auch andere E-Auto-Modelle sollen weniger eingesetzt werden .
Noch 2022 orderte Sixt 100.000 elektrisch betriebene Fahrzeuge beim chinesischen Hersteller BYD über einen Zeitraum von mehreren Jahren und investierte großzügig in seine Ladeinfrastruktur. Damals war der Plan, die europäische Flotte bis 2030 weitgehend zu elektrifizieren.
In einem Interview mit dem Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) betonte Firmenchef Alexander Sixt jüngst, dass es seinem Unternehmen nicht am Willen zur Mobilitätswende gemangelt habe. Was hat den Mietwagenanbieter und viele seiner Mitbewerber dann dazu bewogen, die Strategie so zu ändern?
Sixt nennt niedrige Nachfrage als Grund
Sixt nennt zwei Gründe. Einer soll bei der Kundschaft liegen. "Die Nachfrage nach Elektromobilität liegt - und das registrieren auch wir bei Sixt - noch klar unter dem Level von Verbrennern" , teilte Sixt im Dezember 2023 mit.
"Wir sehen uns als Begeisterungsbeschleuniger für das Thema E-Mobilität" , sagte ein Unternehmenssprecher Golem.de Anfang dieses Jahres und betonte die bereits getätigten Investitionen in Flotte und Ladestationen. Damals stand auch noch das Ziel, bis 2030 70 bis 90 Prozent der Flotte in Europa zu elektrifizieren.
Das war kurz bevor Sixt seine Geschäftszahlen für das Jahr 2023 bekanntgab. Zwar erreichte der Umsatz nach starkem Wachstum wieder das Niveau von vor der Coronapandemie. Gleichzeitig sprach CEO Alexander Sixt aber mit Blick auf Elektroautos von "verschlechterten Marktbedingungen" . Elektromobilität habe "vielerorts noch nicht die von der Politik gewünschte Dynamik entfaltet."
Programm für Klimaschutz klingt nur noch wie eine Hoffnung
Davon zeugen laut Sixt auch die jüngsten Zulassungszahlen. Die wuchsen in Deutschland zuletzt etwas langsamer als im Vorjahr . Das dürfte aber auch am Auslaufen der Förderung im September 2023 gelegen haben - die wiederum im August 2023 noch zu einem Rekordmonat bei den Neuzulassungen geführt hatte .
"Selbstverständlich wünschen wir uns nach wie vor, die Orientierungsmarke von 70 bis 90 Prozent elektrifizierten Fahrzeugen in unserer europäischen Flotte bis 2030 zu erreichen" , hieß es nun aus dem Unternehmen. Der klare Beschluss aus dem Programm für mehr Klimaschutz(öffnet im neuen Fenster) klingt heute aber eher wie eine Hoffnung.
"Am Willen mangelt es uns sicher nicht" , sagte ein Unternehmenssprecher Golem.de. Allerdings habe Sixt sein Ziel im Herbst 2022 noch unter "gänzlich anderen Rahmenbedingungen" formuliert. Zu diesen gehörte nicht das aus Sicht von Sixt "außergewöhnlich stark eingetrübte Umfeld für den Verkauf gebrauchter elektrischer Fahrzeuge."
Niedrige Gebrauchtpreise für E-Autos sind ein Problem für Mietwagenanbieter
Auf dem Gebrauchtmarkt scheint derweil ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage einzusetzen. "Insgesamt ist zu beobachten, dass sich die Nachfrage rückläufig entwickelt, während das Angebot für Elektroautos steigt" , erklärte Mobile.de. "Die Fahrzeuge bleiben somit länger bei den Händlern, bevor sie einen neuen Abnehmer finden."
Ein Grund dafür könnte der Preis sein. Im Januar 2024 kostete ein gebrauchtes E-Auto nach Auswertungen der Plattform im Schnitt 36.400 Euro - das sind laut Mobile.de fast 8.200 Euro mehr als der Durchschnittspreis eines gebrauchten Verbrenners. Konkurrent Autoscout24 kommt sogar auf einen noch niedrigeren Durchschnittspreis für E-Gebrauchtwagen .
Eine sinkende Nachfrage erkennt Mobile.de auch bei einer Auswertung von Suchanfragen über seine eigene Plattform. 2022 seien es 5,8 Millionen Anfragen gewesen, im Jahr darauf eine halbe Million weniger. Ein möglicher Grund: Im Vergleich zu Verbrennern, die im Schnitt 15.000 Euro weniger kosten, sind die Preise auch für gebrauchte E-Autos laut ADAC(öffnet im neuen Fenster) für viele Verbraucher noch zu hoch.
Hohe Reparaturkosten, niedriger Restwert
Während die Preise für Gebrauchtwagenkunden anscheinend zu teuer sind, ist Autovermietern wie Hertz und Sixt der Restwert ihrer E-Auto-Flotte zu niedrig. Bei Sixt landet ein Großteil der Flotte beispielsweise schon nach einer Dienstzeit zwischen sechs und zwölf Monaten(öffnet im neuen Fenster) auf dem Gebrauchtmarkt.
Im Rekordumsatzjahr 2023 belasteten die sinkenden Gebrauchtpreise das Ergebnis von Sixt laut eigenen Angaben mit rund 40 Millionen Euro. Mitbewerber Hertz rechnet für das Jahr 2023 sogar mit einer Abschreibung in Höhe von 245 Millionen US-Dollar.
Wie Sixt setzte Hertz auf einen rasanten Ausbau seiner E-Auto-Flotte und orderte bereits 2021 bei Tesla 100.000 Fahrzeuge . Dazu kamen 65.000 Polestars und, so die Pläne damaligen Hertz-CEO Stephen Scherr im Jahr 2022(öffnet im neuen Fenster) , über einen Zeitraum von fünf Jahren weitere 175.000 Fahrzeuge vom US-Hersteller GM.
Tesla verliert überall an Boden
Beide Unternehmen setzten nicht nur, aber auch auf Tesla. Seitdem verliert der texanische Autobauer - neben grundlegenden Problemen - offenbar besonders in Fahrzeugflotten an Boden.
Sixt kaufte zuletzt im Jahr 2022 bei Tesla-Chef Elon Musk ein. Die in der Flotte noch befindlichen Teslas sollen im regulären Ausflottungsprozess zum Ende ihrer Haltedauer verkauft werden. Eine genaue Angabe, wie viele Wagen des Herstellers heute noch eingesetzt werden, nannte das Unternehmen nicht.
Auch der Softwarekonzern SAP kündigte in diesem Jahr nicht nur einen massiven Stellenabbau, sondern auch den Abbau von Teslas in seiner Firmenwagenflotte an . "Wir haben uns dazu entschieden, Tesla nicht in den SAP-Fuhrpark aufzunehmen" , hieß es. In Deutschland habe man den Autobauer ohnehin nicht im Angebot gehabt.
Mobilitätswende ist für Autoanbieter nachrangig
In der weltweiten Dienstwagenflotte des Softwareherstellers, die allein in Deutschland 18.000 Fahrzeuge umfasst, machten Teslas weniger als 2 Prozent aus. "Die Auswahl des Markenportfolios in der SAP-Flotte ist eine strategische Geschäftsentscheidung" , sagte ein Unternehmenssprecher. Man werde das Modellportfolio "kontinuierlich überprüfen und anpassen."
Die Auslieferungszahlen der bisherigen Tesla-Modelle sanken erstmals seit dem Jahr 2020 , ein lange erwartetes günstigeres Einstiegsmodell ist jüngsten Berichten zufolge vorerst nicht zu erwarten .
Wer einen Tesla sucht, könnte auf dem Gebrauchtmarkt fündig werden. Obwohl die Zahl der angebotenen Fahrzeuge auf Mobile.de im Gegensatz zu anderen Marken deutlich zurückging, seien auch die durchschnittlichen Angebotspreise "sogar noch deutlicher gesunken, nämlich um etwa ein Fünftel."
Bei den Reparaturkosten hört der Spaß auf
"Elektrofahrzeuge machen Spaß beim Fahren, sind billiger und einfacher zu warten als benzinbetriebene Fahrzeuge" , schreibt Hertz(öffnet im neuen Fenster) auf seiner eigenen Gebrauchtwagenplattform. Beim Mietwagengeschäft sieht man das offenbar anders - und nennt speziell in Bezug auf Teslas die hohen Reparaturkosten als Grund(öffnet im neuen Fenster) für den Strategiewechsel.
Auf den Strategiewechsel bei Hertz folgte auch ein Führungswechsel. Der bisherige CEO Stephen Scherr trat im März 2024 zurück . Nachfolger wird Gil West, der im Dezember 2023 in der Folge eines tödlichen Unfalls bei der Robotaxifirma Cruise entlassen wurde .
Umsatzziele sind wichtiger als Klimaziele
"In den letzten zwei Jahren hat das Hertz-Team intensiv daran gearbeitet, das Unternehmen in einer sich wandelnden Automobillandschaft auf einen langfristigen Erfolgskurs zu bringen" , sagte Scherr zum Abschied. Hertz sei "als führendes Unternehmen im Bereich Mobilität" gut für die Zukunft aufgestellt.
2022 sah Sixt im Klimawandel noch " das dringlichste Thema unserer Zeit(öffnet im neuen Fenster) " und das Ziel einer größtenteils elektrisch fahrenden Flotte als Lösungsansatz. "Elektrofahrzeuge werden auch in Zukunft einen Teil der Sixt-Flotte ausmachen" , heißt es im Geschäftsbericht(öffnet im neuen Fenster) , aber entscheidend sei, "was die Kunden von uns verlangen."
Die geringere Nachfrage nach E-Autos im Vergleich zu Verbrennern resultierte nach Einschätzung von Sixt in entgangenen Umsätzen "in substanzieller Höhe." "Das heißt nicht, dass wir uns von der E-Mobilität verabschieden" , versicherte Alexander Sixt gerade im Handelsblatt. "Das heißt aber, dass wir Elektroautos reduzieren müssen."
Er sieht auch vor dem Hintergrund der kommenden Europawahl die Politik in der Verantwortung, Elektromobilität mit stärkerer Förderung attraktiver zu machen. Die Situation aber zeigt: Letztendlich sehen sich Unternehmen wie Sixt und Hertz nicht in erster Linie einem Beitrag zur Energie- und Mobilitätswende verpflichtet, sondern guten Geschäftszahlen für ihre Anleger.



