Die Weltanschauung
Holz vergleicht den Einfluss generativer KI mit nichts Geringerem als "der Entstehung des Lebens". Im Februar 2026 postete er auf X(öffnet im neuen Fenster): "5 Millionen humanoide Roboter könnten Manhattan in etwa 6 Monaten bauen. Stell dir vor, wie die Welt aussieht, wenn wir bis 2045 10 Milliarden davon haben." Die "einzige wirkliche Frage" an KI, sagte er anderswo(öffnet im neuen Fenster), sei, "was die Menschheit werden will".
Holz malt sich damit eine grenzenlos durchoptimierte Parallelwelt aus. Womöglich kann er sich deswegen wirklich vorstellen, in vier Jahren 50.000 Ultraschall-CT-Geräte so zu verteilen, dass Milliarden Menschen sie nutzen können. Außerdem, dass wir die Gesundheitssysteme der Welt bis dahin so umbauen können, dass sie von den unzähligen falsch-positiven Ergebnissen nicht völlig überlastet werden. In dieser Realität sterben Menschen aus irgendeinem Grund noch vermeidbare Tode; aber um das zu verhindern, müssten sie nur in Holz' Jungbrunnen eintauchen.
Diese Geschmacksrichtung der Techno-Utopie hat Holz aber nicht erfunden. Unter den Vorreitern der heutigen Tech-Elite popularisierte sie etwa der Biologe und Counterculture-Ökologieaktivist Stewart Brand. Der erste Satz seines Whole Earth Catalog lautet: "Wir sind wie Götter, da könnten wir auch gut darin werden." Brand selbst hat die Idee aus den Reith Lectures der BBC(öffnet im neuen Fenster) des britischen Anthropologen Edmund Leach.
Zu Holz' Ideengut gehört zudem eine Prise Ray Kurzweil(öffnet im neuen Fenster). Auf den Futurologen geht im Wesentlichen die Idee zurück, dass Technologie sich grundsätzlich exponentiell fortentwickelt.
Dazu kommt ein Schuss des kontroversen Architekten Buckminster Fuller(öffnet im neuen Fenster). Er ist der Urheber der These, dass wir längst in harmonischem Überfluss leben könnten. Garniert wird das alles mit Peter Thiels Behauptung(öffnet im neuen Fenster), das einzige Problem an unserer Welt sei, dass wir das Vertrauen in uns selbst, den Fortschritt und die Zukunft verloren hätten.
Aber die Traumwelt der Ideen dieser Männer ist nicht die Realität, in der wir leben. Und nur in deren Realität ergäbe Midjourney Medical einen Sinn. So gesehen ist der Launch reines Marketing. Entweder im herkömmlichen Sinn, um weiter die KI-Trommel zu rühren. Oder auf eine tiefere Art, um Werbung für Holz' Weltbild zu machen: eine Realität, in der sich alle Menschen über jegliche Probleme hinwegsetzen können, wenn sie ihm und seinen Kumpels doch einfach vertrauen.
In beiden Fällen wäre es besser, auf Beweise zu warten, statt blind den hübschen Bildern zu folgen.
Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.
IMHO ist der Kommentar von Golem. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)
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