Metal Gear: Solid Snake begeistert mich seit 25 Jahren!

Spoilerhinweis: Golem.de geht auf Grundzüge der Handlung von Metal Gear Solid und auf Rätsel ein. Vor allem aber erklären wir, wie einige Oberbosse besiegt werden können.
1998 war ein fantastisches Spielejahr! Das damals veröffentlichte Ocarina of Time gilt bis heute als eines der besten The Legend of Zelda. Half-Life faszinierte mit seiner klugen Art, eine komplexe Geschichte aus der Ego-Perspektive zu erzählen.
Und dann war da noch Metal Gear Solid von Hideo Kojima, das vielleicht erste Computerspiel eines Autors. So bezeichnet man zumindest Filmregisseure, die eine Vision haben und sich bei der Umsetzung möglichst wenig von den Produzenten reinreden lassen.
Für mich war der Titel mit Hauptfigur Solid Snake eines der letzten Spiele, von denen ich mich im Vorfeld richtig hypen ließ. Dank euphorischer Tests in Fachmagazinen wie Maniac(öffnet im neuen Fenster) (heute M! Games) oder Video Games(öffnet im neuen Fenster) stellte ich mir ein grafisch spektakuläres Action-Adventure voller Innovationen vor.
Zwar gab es bereits Stealth-Games, in denen man möglichst ruhig und heimlich von Raum zu Raum schlich. Doch Metal Gear versprach aufgrund seiner fortschrittlichen 3D-Engine ein wirklich neues Spielgefühl.
Ich war so ungeduldig, dass ich mir im September 1998 für viel Geld die japanische Version importierte. Zum Glück konnte ich diese problemlos spielen, weil meine Playstation entsprechend modifiziert war.
Bevor jemand lästert: Nein, ich habe keine illegalen Raubkopien besessen! In der Tat ließ ich meine Konsole nur umbauen, damit ich mir Importtitel wie Final Fantasy Tactics (1997), Chrono Cross (1999) oder eben Metal Gear Solid anschauen konnte.
Als ich das Spiel endlich in Händen hielt, hatte ich natürlich ein Problem: Ich konnte kein Japanisch! Deshalb verstand ich nichts von der Story und musste mir im Internet eine Anleitung für die Steuerung herunterladen. Zudem besorgte ich mir eine Komplettlösung, die nicht allzu viel verriet und mir primär beim Überwinden der Sprachbarriere half.
Obwohl ich rein gar nichts von der Geschichte verstand, war ich aufgrund des Spielprinzips, der Technik und der großartigen Musik fasziniert von Metal Gear Solid. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich mir einige Monate später die US-Version gönnte und nun zusätzlich die brillante Story mit ihren aberwitzigen Twists genießen konnte.
Die filmreife Inszenierung tat ihr Übriges, um mich von der Qualität zu überzeugen, weshalb ich seinen Schöpfer Hideo Kojima weniger als Spieldesigner und mehr als einen Regisseur bezeichne. 25 Jahre später möchte ich herausfinden, ob diese Faszination auch heute noch spürbar ist. Meine Erwartungen sind ungewöhnlich hoch, weil ich einige Ideen aus Metal Gear Solid in keinem weiteren Spiel mehr gesehen habe.
Retro-Genuss mit Hindernissen
Bislang habe ich mit meinen Jubiläumsartikeln für Golem.de viel Glück gehabt, wenn es um die Verfügbarkeit der alten Spiele ging. Doch Metal Gear Solid ist ein spezieller Fall, man kann es aktuell nur auf einer modernen Plattform erstehen: Gog.com bietet die PC-Version(öffnet im neuen Fenster) für rund zehn Euro an.
Nur leider: Dabei handelt es sich um eine lieblose Konvertierung des Playstation-Originals, allein weil die Texturen nicht an die höhere Auflösung angepasst wurden. Zudem war das Original derart spezifisch auf die Eigenschaften der Sony-Konsole zugeschnitten, dass das eine oder andere Feature verändert oder gar gestrichen werden musste.
Die vor Kurzem angekündigte Metal Gear Solid Master Collection Vol. 1 kommt noch weniger infrage, sie erscheint erst im Oktober 2023. Ein echtes Remake vom Nachfolger Metal Mear Solid 3 Snake Eater kommt wohl kaum vor Ende 2024.














Die nächstbeste Alternative, die mir einfällt, ist die Playstation Classic, auf der unter anderem Metal Gear Solid enthalten ist. Allerdings habe ich mir die Minikonsole nie gekauft, weil die Spiele über einen technisch schwachen Emulator laufen.
Nun besitze ich nach wie vor meine beiden Playstation-Originalexemplare, die ich mir vor 25 Jahren geleistet habe. Ich könnte wahlweise über meine alte Playstation oder auf der abwärtskompatiblen Playstation 2 zocken. Allerdings haben beide Geräte nur einen veralteten RGB-Bildausgang, so dass ich auf diese Weise keine vernünftigen Screenshots erstellen könnte.
Nein, diesmal muss ich etwas radikaler vorgehen und mich bewusst in die Welt der Emulatoren einarbeiten. Gewissensbisse habe ich nicht, weil ich meine Originalspiele auf den PC kopieren und die Dateien über die Festplatte starten kann.

Trotzdem benötige ich mehrere Stunden, bis das Spiel endlich läuft. Viele Emulatoren verweigern den Dienst oder sind aufgrund einer knarzigen Tonausgabe kaum genießbar. Zudem bestehe ich auf einer möglichst akkurate Emulation, die Playstation-Spiele ohne grafische Veränderungen wiedergibt. Sonst könnte ich ja auch die PC-Fassung spielen.
Nach langer Suche finde ich den Emulator Mednafen(öffnet im neuen Fenster) , der eigentlich für viele verschiedene Retro-Systeme gedacht ist. Er spiegelt jedenfalls Metal Gear Solid exakt so wider, wie ich es in Erinnerung habe.
Schleichend die Welt retten
Bereits der kurze Jingle, der beim Laden der Firmenlogos von Konami ertönt, sorgt bei mir für ein wohliges Retro-Feeling. Im Startmenü folgt zudem ein herrliches Synthesizer-Thema, das gleichzeitig actionreich wie wehmütig klingt und mich endgültig in die Vergangenheit versetzt.
Das Spiel startet mit einer aufwendig inszenierten Zwischensequenz, die mir unter anderem meinen Auftrag erklärt: Die Insel Shadow Moses wurde mitsamt Atomwaffenentsorgungsanlage von der Terrororganisation Foxhound erobert, die wiederum die Überreste ihres verblichenen Anführers Big Boss verlangt. Ansonsten droht sie mit einem nuklearen Erstschlag.
Erstmal 'ne Fluppe, Alter!
Zudem hält Foxhound zwei Männer als Geiseln: Donald Anderson, den Chef der Defense Advanced Research Projects Agency (kurz Darpa) und Kenneth Baker, den Präsidenten des Verteidigungsunternehmens Armstech. Meine primäre Aufgabe besteht darin, die beiden zu befreien. Doch das ist nur der Anfang einer Geschichte um die Rettung der Welt.
Meine Spielfigur heißt Solid Snake, der auch in anderen Metal-Gear-Solid-Episoden die Rolle des Helden übernimmt. Mit ihm kann ich laufen, kriechen, boxen, schießen, Schalter drücken und ... Zigaretten rauchen! Letzteres ist das erste von vielen Markenzeichen, die Hideo Kojimas Spiele zu etwas Besonderem machen.
Denn wenn ich tatsächlich rauche, verliere ich Stück für Stück an Lebensenergie. Ansonsten haben die Zigaretten eigentlich keinen großen Nutzen ... sagt mir zumindest meine Erinnerung.
Das gesamte Schleichkonzept des Spiels war für seine Zeit revolutionär und funktioniert auch heute noch gut. Dies liegt unter anderem an der erstaunlich cleveren KI, die jede Nachlässigkeit sofort bestraft. So registriert sie beispielsweise Fußspuren, die ich im Schnee hinterlasse, und spürt mich gnadenlos in meinem Versteck auf, was es unbedingt zu vermeiden gilt.
Die Gegner in Metal Gear Solid sind sehr aggressiv und schießen mich in Sekunden zu Brei. Zudem kommen ständig neue Feinde hinzu, sobald jemand Alarm schlägt. Sollte das passieren, muss ich mich verstecken und abwarten, bis sich die Situation beruhigt hat.
Zum Glück habe ich ein Radar, das mir sowohl die Positionen der Wachen als auch deren Sichtradius anzeigt. Des Weiteren kann ich mich an eine Wand oder ein Hindernis lehnen, um von der Vogel- in eine Art Schulterperspektive zu schalten. So behalte ich beispielsweise einen langen Gang im Auge und beobachte in Ruhe meine Feinde.
Mein erstes Ziel ist ein Lastenaufzug, über den ich zu einem Hubschrauberlandeplatz gelange. Dort werde ich via Codec-Funk von Commander Roy Campbell kontaktiert, der mir weitere Anweisungen gibt.
Dabei stellt er mir Mei Ling vor, die fortan für das Speichern meiner Spielstände zuständig ist. Was übrigens ein Teil der Story und eines von vielen Beispielen ist, wie das Spiel die vierte Wand durchbricht. Sprich: Metal Gear Solid ist sich bewusst, dass es ein Computerspiel ist.
Ich dringe durch einen schmalen Lüftungsschacht ins Innere der Anlage ein. Dort angekommen, muss ich abseits der patrouillierenden Wachen auf die vielen Kameras achtgeben, die in den Ecken hängen. Glücklicherweise wird mir auch deren Sichtradius auf dem Radar angezeigt, so dass ich mich geschickt an ihnen vorbeimogeln kann.
Danach erreiche ich den nächsten Aufzug, der mir Zugang zu den nächsten beiden Stockwerken gewährt. In einem davon befindet sich die Zelle mit Donald Anderson, die ich über einen weiteren Schacht erreiche. Na, das war aber einfach!
Metal Gear Drama
Der Dialog mit Anderson entpuppt sich als ausufernde, über achtminütige Zwischensequenz. Kurz darauf mache ich Bekanntschaft mit der Söldnerin Meryl, die mir mehr oder weniger freiwillig zur Seite steht. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Metal Gear Solid in einer Hinsicht nicht gut gealtert ist: beim Frauenbild.














Zwar werden Meryl und Co. als taffe, selbstbewusste Persönlichkeiten dargestellt. Aber das Spiel kann es sich nicht verkneifen, sie mit zweideutigen Kommentaren und anzüglichen Kameraperspektiven zu sexualisieren, die bewusst ihren wackelnden Hintern einfangen. In den 1990er Jahren gab es zwar Schlimmeres, doch Jugendliche von heute könnten die Darstellung schwierig empfinden.
Mein nächstes Ziel ist die Rettung von Kenneth Baker, für den ich unter anderem eine Halle mit mehreren Räumen und Falltüren durchqueren muss. Zudem steht mein erster Kampf gegen einen Endboss bevor: Revolver Ocelot.
Mit ihm liefere ich mir ein kerniges Schussduell, für das ich mehrere Anläufe benötige. Ich muss ständig in Bewegung bleiben und darf nicht blind in Ocelots Schussbahn laufen. Erst wenn er stoppt und nachlädt, kann ich gefahrlos kontern - sofern ich ihm nicht zu sehr auf die Pelle rücke, versteht sich.
Der Kampf entpuppt sich als ein herrlich gut ausbalanciertes Gefecht, das genau die Mitte zwischen nicht zu leicht und nicht zu schwer findet. Obendrein lernt man spätestens hier ein kleines, aber feines Detail der Steuerung zu schätzen: Man schießt nicht, sobald man den Schussknopf drückt, sondern erst, wenn man ihn loslässt. So kann der Spieler nämlich viel exakter den Gegner anvisieren, während er die Taste gedrückt hält.
Der nachfolgende Dialog mit Baker beinhaltet eine weitere typische Kojima-Idee: Ich soll mich mit Meryl in Verbindung setzen und sie via Codec kontaktieren. Doof nur, dass Baker sich nicht mehr an die Rufnummer erinnert. Er weiß nur, dass er sie auf irgendeiner CD-Hülle gesehen hat.
Die Auflösung ist so dämlich wie genial: Mit der Hülle ist jene des Spiels gemeint! Tatsächlich ist auf deren Rückseite ein Screenshot abgebildet, der einen Codec-Dialog zwischen Snake und Meryl inklusive Rufnummer zeigt.
Metal Gear Solid: Geniale Steuerung
Leider wurde dieser Gag in der US-Version des Spiels ein klein wenig kaputtgemacht, weil die Nummer einfach in der Anleitung verraten wird.
Kurz darauf stehe ich vor einem echten Problem: Ich soll eine Halle passieren, die mit mehreren Laserschranken gesichert ist. Sobald ich diese berühre, schließen sich sämtliche Tore und der Raum wird mit Giftgas geflutet. Die Schranken sind für das menschliche Auge allerdings nicht sichtbar! Deshalb benötige ich eigentlich ein Infrarotsichtgerät, das ich jedoch nirgends finden kann.
Also schaue ich mir Lösungshilfen im Netz an, die keine gute Nachrichten für mich parat haben: Das Gerät befindet sich in einem Raum, den ich übersehen habe. Dieser wird jedoch versperrt, sobald ich mit Anderson geredet habe. Ab diesem Moment benötige ich eine Schlüsselkarte, die ich erst zu einem späteren Zeitpunkt erhalte.
Zum Glück gibt es eine Alternative zum Infrarotsichtgerät: meine Zigaretten, von denen ich anfangs dachte, dass sie völlig unnütz sind! Wenn ich diese in der Halle paffe, dann kann ich in der Tat bruchstückhaft die Schranken sehen und mich an ihnen vorbeischleichen.
Trotz solcher Hürden, die den Spielfluss ein wenig lähmen, bin ich nach wie vor sehr angetan. Besonders überrascht mich die Steuerung, die vollgestopft mit Funktionen ist und trotzdem ebenso eingängig wie intuitiv wirkt. Spontan kann ich mich jedenfalls an kein anderes Spiel aus den 90ern erinnern, das sich immer noch so frisch spielt.
Grafisch und musikalisch ist Metal Gear Solid ebenfalls hervorragend gealtert. Die englische Sprachausgabe war ihrer Zeit meilenweit voraus und der Synthie-Soundtrack vereint wunderbar melodische Themen mit Ambient-Stücken.
Sogar die eckigen Polygoncharaktere, an denen man das Alter der Playstation-Hardware am ehesten erkennt, haben einfach Charme und sind großartig animiert. Das wird besonders beim zweiten Endboss deutlich - dem Cyborg Ninja, der mit seinen Nahkampfangriffen beeindruckt.
Gedankenkontrolle
Ich möchte meinen Retro-Trip zumindest bis zum legendären Endkampf gegen Psycho Mantis fortsetzen. Dieser Boss ist und bleibt einer der coolsten der Computerspielgeschichte:
Er kann Gedanken lesen und weiß genau, welche anderen Spiele von Publisher Konami man auf der Playstation gezockt hat. Zudem weicht er Angriffen ungewöhnlich präzise aus; gerade so, als ob er mein Gamepad im Blick hätte. Seltsam ...














Die Auflösung: Psycho Mantis schaut sich einfach nur die in der Konsole steckende Memory Card an und fragt meine Controller-Kommandos ab. Letzteres kann man verhindern, wenn man sein Pad aus der Konsole stöpselt und in den zweiten Port steckt. Danach lässt sich Mantis wie ein stereotypischer Boss bezwingen, während er mich mit allerlei Dingen wie Bildern oder Stühlen bewirft.
Nebenbei bemerkt habe ich mich damals beim Spielen der japanischen Version geweigert, den Controller umzustöpseln. Schließlich hatte ich aufgrund der Sprachbarriere keine Ahnung, dass Commander Campbell mir höchstpersönlich diesen Trick verrät.
Als ich ihn in der Lösungshilfe las, ging ich wiederum von einem Cheatmodus aus, den ich in meiner Zockerehre partout nicht anwenden wollte! Und ja: Man kann Psycho Mantis tatsächlich auch ohne Portwechsel bekämpfen. Der Kampf dauert dann nur eine halbe Stunde anstatt drei Minuten.
Heute weiß ich übrigens dank weiterer Anleitungen aus dem Netz: Es gibt eine alternative Möglichkeit, den Burschen zu erledigen. Dazu muss ich einfach die in der Ecke stehenden Statuen zertrümmern, damit er seine übernatürlichen Fähigkeiten verliert.

Motiviert durch den Erfolg spiele ich noch etwas weiter und duelliere mich abschließend mit der Scharfschützin Sniper Wolf. Der Kampf gegen sie ist bedeutend nerviger als der gegen Psycho Mantis, weil ich nämlich die richtige Waffe zum Kontern benötige.
Dafür muss ich mehrere Räume zurücklaufen und eine Tür öffnen, für die ich erst jetzt die passende Schlüsselkarte besitze. Dieses sogenannte Backtracking streckt das Spiel in meinen Augen unnötig in die Länge und ist letztlich der einzige Makel des Spieldesigns, der mir bei meinem Retro-Trip auffällt.
Fazit: Immer noch genial
Ansonsten heißt es auch 25 Jahre nach Release: Metal Gear Solid sollte man unbedingt einmal gespielt haben. Es steckt voller genialer Ideen, die teilweise bis heute einmalig sind. Grafik und Sound erzeugen trotz der alten Playstation-Hardware immer noch reichlich Atmosphäre.
Es ist durch und durch ein Kultspiel und ich hoffe inständig, dass die ab Oktober 2023 erhältliche Collection eine würdige Umsetzung des Klassikers enthält.
Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper
Nachtrag vom 15. Juli 2023
Der Artikel ging fälschlicherweise als Artikel über Metal Gear Solid 3 Snake Eater (2004) online, gemeint ist aber das 1998 veröffentlichte Metal Gear Solid.
Die Autoren Andreas Altenheimer und Benedikt Plass-Fleßenkämper können nichts für den Fehler. Der ist einzig und allein beim Redigieren und Einbauen in das Redaktionssystem durch Peter Steinlechner (der sich hier freiwillig selbst outet) verursacht worden. Wir/er bitten/bittet um Entschuldigung!



