Meta Threads ausprobiert: Der echte Twitter-Killer bleibt Elon Musk

Twitter-Killer gab es in der langen Geschichte des Kurznachrichtendienstes schon viele - aber bisher sind alle gescheitert. Doch mehr als 15 Jahre nach dem Start von Twitter sieht es nun so aus, als gäbe es erstmals ernsthafte Konkurrenz.
Anfang Juli 2023 hat die Foto-App Instagram ihren Text-Ableger Threads veröffentlicht. Rasend schnell wuchs seitdem die Zahl der Nutzerkonten. Binnen weniger Tage erreichte die App den Meilenstein von 100 Millionen Usern(öffnet im neuen Fenster) . Threads brach damit sogar den erst Anfang des Jahres aufgestellten Rekord von ChatGPT .
Und das, obwohl Threads in Europa noch nicht einmal verfügbar ist. Für deutsche Nutzer bleiben deshalb eine Woche nach dem Launch viel Fragen: Wie funktioniert die Twitter-Alternative aus dem Hause Meta? Wird Threads dem Hype gerecht? Und wo bekommt man es hierzulande überhaupt her?
Golem.de hat Threads ausprobiert und liefert Antworten.
Download aus der Grauzone
Eine Weboberfläche gibt es bislang nicht, auch wenn die bereits angekündigt ist. Auf threads.net(öffnet im neuen Fenster) (denn threads.com gehört bereits einer Produktivitätsanwendung, die sich auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) über Metas zweitklassige Domain lustig macht) sieht man bisher nur eine Platzhalter-Grafik, die zwar hübsch anzusehen, aber völlig inhaltsleer ist.
Threads lässt sich also nur über die Apps für iOS- und Android-Smartphones nutzen, nur mit einem VPN kommen Nutzer in der EU also nicht weiter. Hier hat Meta die App nämlich noch nicht in die App Stores von Apple und Google gebracht, aus Sorge für möglichen Gesetzesverstößen . Wir laden uns deshalb die Installationsdatei für Android von einer APK-Webseite(öffnet im neuen Fenster) .
Das hat bis zum Tag des Erscheinens dieses Artikels auch wunderbar funktioniert. Doch seit dem 14. Juli filtert Meta scheinbar etwas strenger(öffnet im neuen Fenster) , wer von wo aus auf Threads zugreift.
Für die Anmeldung ist ein bestehendes Instagram-Konto erforderlich. Einen reinen Threads-Account erstellen kann man nicht. Wer kein Konto bei Instagram hat, muss also zunächst Instagram installieren, sich dort registrieren - und kann dann mit seinen Zugangsdaten zu Threads zurückkehren.
Wo sind meine Freunde?
Nach der Anmeldung können Profilbild und vor allem Follower direkt von Instagram übernommen werden. Anders als bei Mastodon oder Bluesky ist die Timeline damit direkt mit bekannten Gesichtern gefüllt - zumindest theoretisch.
Durch die Kopplung an eines der größten sozialen Netzwerke ist es auch nicht überraschend, dass Threads in Rekordzeit die Grenze der 100 Millionen registrierten Nutzer überschritten hat. Metas Dienst kommt allein auf über eine Milliarde(öffnet im neuen Fenster) monatlich aktive User, Threads wird außerhalb der EU in Instagram beworben.
Einen Vorteil hat die Verbindung zu bestehenden Profilen: Anders als bei Twitter bedeutet der blaue Verifizierungs-Haken bei Threads wieder etwas. So kann man sich zumindest halbwegs sicher sein, dass Instagram-Chef Adam Mosseri(öffnet im neuen Fenster) hier wirklich selbst threadet.
Da die EU-Umgehung von Meta relativ leicht zu umgehen ist, finden wir auch jetzt schon einige deutsche Kontakte auf Threads wieder. Leider ist die migrierte Freundesliste vergleichsweise egal, denn trotzdem ist die Timeline erstmal voll mit algorithmisch sortiertem Quatsch. Nach der ersten Anmeldung sehen wir unmarkierte Influencer-Werbung für Kosmetikartikel, arabische Memes und Wohlfühl-Content.
Wenig Inhalt in der Algorithmus-Timeline
Mosseri betonte in Interviews(öffnet im neuen Fenster) rund um den Launch von Threads zwar, die Besonderheit von Twitter sei, dass Original-Posts und Kommentare gleichwertig seien. Ein Tweet ist ein Tweet, egal ob Retweet oder Reply. Spannende Diskussionen muss man dennoch mit der Lupe suchen.
Denn auf eine rein chronologisch sortierte Timeline gefolgter Accounts zu wechseln, erlaubt Threads nicht. Im Moment ist man in denselben Algorithmen gefangen, die in der Vergangenheit schon das Selbstbild von Teenagerinnen ruiniert haben .
Meta betonte auch, dass man sich anders als Twitter nicht auf News und Politik(öffnet im neuen Fenster) fokussieren wolle - und sich damit sicher auch von Fake-News-Vorwürfen der Vergangenheit distanzieren möchte (g+). Das merkt man. Die Posts von Nicht-gefolgten Personen, die wir in die Timeline gespült bekommen, zeichnen sich vor allem durch ihr Nichtssagen aus.
Das mag zum Konzept vom als Selbstdarstellernetzwerk verschrienem Instagram passen. Das bietet aber immerhin Fotos von leckeren Mittagessen, schönen Sonnenuntergängen und glückliche Menschen, die einen Unterhaltungswert liefern. In der reinen Textform ist das so öde und frustrierend, wie Facebook - das nicht ohne Grund zuletzt immer mehr Nutzer verlor.
Dezentral ist besser, oder?
Das einzig wirklich Überraschende an Metas Entwicklung ist die Ankündigung, mit Activity Pub ein dezentrales Open-Source-Protokoll unterstützen zu wollen . Oder besser gesagt: das Versprechen. Denn zum Start gibt es diese Kompatibilität noch gar nicht. "Wir haben uns verpflichtet, Activity Pub, das Protokoll hinter Mastodon, in diese App zu unterstützen" , schreibt Mosseri auf Threads.
Wenn man Threads verlässt oder de-platformed wird, " solltet ihr in der Lage sein, Ihr Publikum mit auf einen anderen Server zu nehmen " , erklärt Mosseri. Damit meint er auch Fälle wie den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, dessen Account auf Facebook und Instagram zeitweise gesperrt war .
Man sei aber nicht in der Lage gewesen, die Funktion schon zum Start von Threads einzubauen. Wenn die Integration irgendwann kommt, könnten Mastodon-User Threads abonnieren - und umgekehrt über Instagrams Threads-App Accounts vom dezentralen Foto-Netzwerk Pixelfed abonnieren.
Ausgerechnet der Walled Garden Meta würde dann Millionen Menschen ins Fediverse spülen und könnte das idealistische Nischenprodukt damit in den Mainstream führen - oder zumindest eine Brücke zwischen beidem schlagen.
Das löst nicht nur Freude aus. Zahlreiche Mastodon-Administratoren haben schon jetzt angekündigt(öffnet im neuen Fenster) , Threads auf denen von ihnen betriebenen Instanzen sofort zu blockieren. Sie sorgen sich vor einer Schwemme an unkontrollierter Hassrede: "Sie werden ihren Scheiß auf keinen Fall anständig moderieren, und das wird das Fediverse aktiv unsicher machen" , schreibt eine der Initiatorinnen.
Der echte Twitter-Killer sitzt bei Twitter
Klar, im Vergleich zu vielen vermeintlichen Twitter-Killern wirkt Threads schon jetzt lebendig. Aber beim Ausprobieren finden sich weder die lustigen Shitposts von Bluesky, noch die ausführlichen Diskussionen bei Mastodon oder die schnelle Verbreitung von Breaking News auf Twitter. Threads bietet eher die Illusion von Aktivität.
Der Ersteindruck der Langeweile sollte aber nicht davon ablenken, dass Meta mit Threads ansetzt, neben Facebook, Instagram und Whatsapp einen weiteren Teil des sozialen Internets zu monopolisieren.
Das aggressive Geschäftsgebaren von Meta wird schon jetzt deutlich. Der Konzern schreckt nicht davor zurück, seine bestehende Marktmacht auszunutzen. Und wer seinen Instagram-Account einmal mit Threads verknüpft hat, für den gibt es momentan kein Zurück: Das Threads-Konto lässt sich nur zusammen mit dem Instagram-Account löschen(öffnet im neuen Fenster) .
Ist Threads nun der echte Twitter-Killer? Eher nein. Im Moment verpassen die von Meta ausgesperrten Nutzer in der EU ohnehin nicht viel. Aber vielleicht muss es das gar nicht sein, wenn die größte Gefahr für Twitter nach wie vor bei Twitter selbst sitzt . Elon Musk ist der einzige, der Twitter nachhaltig zerstören könnte. Und wenn er das endlich schafft, steht schon der nächste Tech-Milliardär in den Startlöchern.



