Mercy: Film über KI-Richterin ist reine Überwachungspropaganda
Polizisten, die Beweise am Tatort gedankenlos ohne Handschuhe anfassen, sind wir eigentlich nur aus Komödien wie Die Nackte Kanone(öffnet im neuen Fenster) gewohnt. Es sind aber nicht nur solche Fauxpas, die den neuen Sci-Fi-Thriller Mercy als reine Parodie erscheinen lassen. Seine Vision einer nahen Zukunft ergibt keinerlei Sinn, lädt dafür aber zum Lachen ein, obwohl das gewiss nicht so beabsichtigt ist.
Fast der gesamte Film zeigt ein vollautomatisches KI-Gerichtsverfahren, bei dem sich Protagonist Chris Raven (Chris Pratt) gegen den Vorwurf wehren muss, seine Frau ermordet zu haben. Dazu sitzt er alleine, an einen Metallstuhl gefesselt, in einer riesigen Halle. Vor ihm wird das Gesicht der digitalen Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) eingeblendet, die das Verfahren leitet, aber eigentlich mehr als virtuelle Assistentin fungiert.
Im sogenannten Mercy-Trial für besonders schwere Verbrechen hat Chris nun genau 90 Minuten lang Zeit, seine live und von einem Computer berechnete Schuldwahrscheinlichkeit von anfangs knapp 98 Prozent unter den Schwellenwert von 92 Prozent zu senken. Andernfalls würde er sofort, ohne Möglichkeit auf Einspruch oder Revision, per Schallimpuls hingerichtet. Andere Menschen, die den Ablauf beobachten und überprüfen, zeigt der Film nie.
Für seine Verteidigung hat der Angeklagte in einer virtuellen Umgebung Zugriff auf das beinahe flächendeckende Überwachungssystem der Stadt, das auch auf private Kameras, Inhalte fremder Smartphones und generell alle erdenklichen Daten zugreifen kann. Außerdem ist es ihm erlaubt, Personen anzurufen, um deren Fürsprache oder Informationen zu erfragen.
Hier wird es schon kurios. Während wir Chris Raven, übrigens selbst ein Cop und eigentlich Befürworter des Mercy-Systems, remote nach Indizien suchen sehen, wird gerade erst am Tatort seines Falls die Spurensuche durchgeführt.
Sein Verfahren mit engem Zeitlimit, an dessen Ende ihm die Exekution droht, wurde also gestartet, bevor überhaupt ein Mensch oder eine KI wenigstens einmal alle vorhandenen Beweise auch nur betrachtet hat. Und das in einem Indizienfall, ohne Augenzeugen, Geständnis oder eine tatsächlich belastbare Beweiskette für den vermuteten Tathergang.

Gibt es technische Probleme, ist das einfach so und das Verfahren läuft unbeeinflusst davon weiter. Sind seine Telefonjoker nicht erreichbar, hat der Angeklagte ebenfalls Pech gehabt. Macht er Fortschritte und senkt seine Schuldwahrscheinlichkeit deutlich, bekommt er keine zusätzliche Zeit gutgeschrieben. Und vorbereiten konnte er sich auf das Verfahren auch nie.
Wir könnten noch seitenweise solchen Unfug aufzählen. Mercy ist keine ernst zu nehmende Fiktion über künstliche Intelligenz im juristischen Einsatz. Wir finden keine spannenden Ideen, die als Gedankenspiel präsentiert und auf ihre Durchführbarkeit geprüft werden.
Das Programm ist so offensichtlich erkennbar nur Fassade, um im Schnellverfahren ohne Rechtsgrundlage Menschen hinzurichten, dass man sich den ganzen teuren Aufwand dafür auch sparen könnte. Der Film müsste das Ganze raffinierter und auch effizienter dargestellt präsentieren, damit ein solches System als Deckmantel für totalitäre Interessen einer Staatsgewalt glaubhaft annehmbar wird – geschweige denn interessant zu betrachten wäre.
Und wäre es nicht eher so, dass all die aufwendig präsentierte Technologie mit ihren Möglichkeiten – wenn schon erlaubt und vorhanden – nicht eher Ermittlern an die Hand gegeben würde, anstatt sie, inklusive grafisch verschwenderisch aufwendig präsentierter Hologramme und einer voll animierten KI-Richterin, als schier unlösbares Puzzle mit Zeitlimit, dem Angeklagten vor die Füße zu werfen? All die Ansätze von Gamification dienen dabei eigentlich nur dem Unterhaltungswert für uns Zuschauer und lassen Mercy wenigstens nicht ganz langweilig und dröge aussehen.
Film wird als Action-Highlight vermarktet – eine dreiste Falschdarstellung
360 Grad Hologramme, die um Chris herumschwirren, und animierte Darstellungen theoretischer Szenarien, die Chris sich bildlich von der KI vorführen lässt, werden ausufernd freizeitparkmäßig groß aufgezogen. Schaut er sich vergangene Überwachungsaufnahmen oder live stattfindende Ereignisse an, schneidet die KI diese oft aus unerklärlichen Gründen für ihn wie einen Actionfilm.
Zum Beispiel, wenn es eine Verfolgungsjagd gibt und wir zwischendrin die Innenperspektive eines Restaurants sehen, in das ein Auto hineingedrängt wird. Für Chris hat diese Aufnahme keinen informativen Mehrwert, zumal die Hauptbeteiligten der Szene ganz woanders weiterfahren. Es sollte nur mal kurz etwas im Bild cool kaputtgehen.
Nach demselben Prinzip versucht Sony diesen Film in einigen Postern, die Chris Pratt mit Pumpgun in beiden Händen vor riesigen Explosionen zeigen, als Action-Highlight für Imax- und 4DX-Kinos zu vermarkten. Eine dreiste Falschdarstellung dessen, was der Film eigentlich zeigt.
Da er gefühlt in Echtzeit die rund 90 Minuten des Gerichtsverfahrens abspielt, bei 94 Minuten Laufzeit, kann sich jeder selbst ausmalen, wie wenig Zeit da noch für mehr ist, als nur Chris Pratt auf einem Metallstuhl sitzen zu sehen – mit allerlei Hologrammen um sich herum.
Natürlich soll der Film intelligent wirken, so als würde er uns vor Augen führen, wie gefährlich mögliche Überlegungen über echte KI-Gerichtsverfahren sind. Doch er stellt nur naive Fragen, warnt bloß vor dem Absurdesten.
Glaubt heute wirklich irgendjemand, der sich in den vergangenen Jahren nur ansatzweise mit KI auseinandergesetzt hat(öffnet im neuen Fenster), wir sollten ChatGPT, Gemini und Co. in wenigen Jahren im Alleingang Todesurteile verhängen lassen? Dass sie in so kurzer Zeit reif genug sind, als quasi unfehlbar eingestuft zu werden, was ihr Urteilsvermögen angeht?
Fragwürdige Message
Mercy vermittelt den Eindruck, als hielten Regisseur Timur Bekmambetov und Drehbuchautor Marco van Belle es für eine wichtige Message, uns vor dem allzu leichtsinnigem Vertrauen in KI zu warnen. Sie zeichnen dabei aber die naivste Vorstellung eines solchen Szenarios, in dem es am Ende kaum noch um künstliche Intelligenz geht.

Sie behaupten, sofern sie es mit ihrer Handlung wirklich ernst meinen, die schiere Existenz eines solchen Mercy-Programms würde bereits so viel Ehrfurcht auslösen, dass hohe Verbrechensraten wie in ihrem fiktiven Los Angeles, in Windeseile um mehr als 60 Prozent sinken würden.
Diese Zahlen wirken absurd und aus der Luft gegriffen. Doch selbst wenn wir sie dem Film mal so abnehmen wollen, stellt sich sogleich die Frage, ob dieser Erfolg überhaupt etwas mit dem innovativen KI-System zu tun hat, oder doch wohl eher schlicht mit der Tatsache, dass Justiz und Staat im Schnellverfahren Todesurteile vollstrecken. Gegenwärtige Regime wie im Iran nutzen genau solche Mittel, um ihre Bevölkerung zu unterdrücken(öffnet im neuen Fenster). Und sie brauchen dafür keine KI, die solch ein Übel nur anders, aber nicht weniger offensichtlich falsch und menschenrechtlich inakzeptabel verpackt.
Aufdringliches Amazon Product Placement
Ein technologiekritischer Film ist Mercy auch sonst nicht; zum Teil wegen Entwicklungen der Handlung, die wir hier nicht spoilern wollen. Und zum Teil, weil sich jegliche Hoffnung des Angeklagten, sein Leben noch retten zu können, auf rigorose Mittel totaler Überwachung bis in privateste Bereiche stützt.
Außerdem hat Amazon diesen Film produziert, auch wenn Sony ihn ins Kino bringt. Wir gehen also nicht davon aus, dass etwa Türklingeln mit eingebauten Kameras, wie sie die Amazon-Firma Ring erfolgreich verkauft, im Film nur zufällig so positiv dargestellt werden.
Ähnliche Propagandazüge in noch krasserer Form, die weit über Product Placement hinausgehen, zeigte vergangenes Jahr Amazons Neufassung von Krieg der Welten, produziert von Mercy-Regisseur Bekmambetov. Sowohl dieser als auch der Film Mercy sind Abwandlungen des Desktop-Genres, auch Screenlife-Filme(öffnet im neuen Fenster) genannt. Und Bekmambetov ist ein Pionier dieser Filmgattung(öffnet im neuen Fenster), hat als Produzent und Regisseur mit Missing, Searching und Unfriended die bekanntesten Genre-Vertreter verantwortet.
Den indiskutablen Krieg der Welten mal außen vor gelassen, denn dieser ist als wohl schlechtester Film 2025(öffnet im neuen Fenster) eine Anomalie für sich, haben all diese Filme dasselbe Problem: Sie wollen extra authentisch und lebensnah wirken. Doch immer, wenn sie private Amateuraufnahmen, Webcam-Footage, Social-Media-Elemente und Ähnliches zeigen, sehen sie enorm artifiziell gestellt, hölzern präsentiert und völlig unnatürlich aus.
So als würde Bekmambetov stets versuchen, mit zu gutem Equipment laienhaft zu inszenieren, anstatt einfach echte Webcams, alte Smartphones und schlechte handelsübliche Mikrofone zu verwenden. Er beraubt seine Filme damit um die wichtige Illusion, sie würden sich unter realen Alltagsbedingungen abspielen, lässt die darin eingebetteten Medieninhalte stattdessen lieber aussehen wie billig produzierte Fernsehfilme. Wohl aus Angst, dies würde sonst den technischen Ansprüchen ans Kino nicht genügen. Dabei hat Blair Witch Project(öffnet im neuen Fenster) mit seiner Camcorder-Ästhetik schon 1999 bewiesen, dass so etwas glaubwürdig und trotzdem erfolgreich funktionieren kann.
Außerdem, das gilt auch wieder für Mercy, schaffen es Bekmambetovs Screenlife-Filme in der Regel nicht konsequent genug, ihre eigenen stilistischen Grundsätze bis zum Schluss einzuhalten. Was oft noch unterhaltsam und halbwegs glaubwürdig anhand von Bildschirmvorgängen, Überwachungskameras und dergleichen erzählt wird, muss sich im weiteren Verlauf immer mehr verbiegen, um innerhalb dieses selbstgewählten Korsetts noch andere Perspektiven unterzubringen, damit die Filmhandlung fertig erzählt werden kann.
Große Bauchschmerzen
Gemessen an den anderen Genre-Vertretern, ist Mercy immerhin ein wenig kurzweiliger, weil er durch den virtuellen Gerichtssaal effektvoller und dynamischer präsentiert ist. Der Krimi im Mittelpunkt ist jedoch total vorhersehbar und entwickelt sich zum Schluss immer unglaubwürdiger konstruiert. Dadurch hat Mercy allerdings zumindest etwas unterhaltsamen Trash-Faktor.
Normalerweise würden wir das als B-Movie-Abklatsch von Minority Report für zu Hause im Streaming noch durchgehen lassen. Die werblichen Züge für Amazons Überwachungsprodukte(öffnet im neuen Fenster) und der völlig unkritische Umgang mit totaler Überwachung im Allgemeinen, die eher glorifiziert wird, bereiten uns dafür allerdings zu große Bauchschmerzen.
Was wir viel lieber gesehen hätten? Einen KI-Rechtsanwalt, der sich ein intelligentes juristisches Schachspiel um das Leben seines Klienten mit der digitalen Richterin Maddox liefert. Hieraus hätte sich eine nicht enden wollende Pattsituation zweier in logische Endlosschleifen stolpernde KIs entwickeln können. Gerne hätten wir auch einfach nur einen spannend geschriebenen Thriller auf Erwachsenen-Niveau gesehen – doch das erreicht Mercy nicht einmal im Ansatz.
Mercy erscheint am 22. Januar 2026 im Kino.
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