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Aufdringliches Amazon Product Placement

Ein technologiekritischer Film ist Mercy auch sonst nicht; zum Teil wegen Entwicklungen der Handlung, die wir hier nicht spoilern wollen. Und zum Teil, weil sich jegliche Hoffnung des Angeklagten, sein Leben noch retten zu können, auf rigorose Mittel totaler Überwachung bis in privateste Bereiche stützt.

Außerdem hat Amazon diesen Film produziert, auch wenn Sony ihn ins Kino bringt. Wir gehen also nicht davon aus, dass etwa Türklingeln mit eingebauten Kameras, wie sie die Amazon-Firma Ring erfolgreich verkauft, im Film nur zufällig so positiv dargestellt werden.

Ähnliche Propagandazüge in noch krasserer Form, die weit über Product Placement hinausgehen, zeigte vergangenes Jahr Amazons Neufassung von Krieg der Welten, produziert von Mercy-Regisseur Bekmambetov. Sowohl dieser als auch der Film Mercy sind Abwandlungen des Desktop-Genres, auch Screenlife-Filme(öffnet im neuen Fenster) genannt. Und Bekmambetov ist ein Pionier dieser Filmgattung(öffnet im neuen Fenster) , hat als Produzent und Regisseur mit Missing, Searching und Unfriended die bekanntesten Genre-Vertreter verantwortet.

Den indiskutablen Krieg der Welten mal außen vor gelassen, denn dieser ist als wohl schlechtester Film 2025(öffnet im neuen Fenster) eine Anomalie für sich, haben all diese Filme dasselbe Problem: Sie wollen extra authentisch und lebensnah wirken. Doch immer, wenn sie private Amateuraufnahmen, Webcam-Footage, Social-Media-Elemente und Ähnliches zeigen, sehen sie enorm artifiziell gestellt, hölzern präsentiert und völlig unnatürlich aus.

So als würde Bekmambetov stets versuchen, mit zu gutem Equipment laienhaft zu inszenieren, anstatt einfach echte Webcams, alte Smartphones und schlechte handelsübliche Mikrofone zu verwenden. Er beraubt seine Filme damit um die wichtige Illusion, sie würden sich unter realen Alltagsbedingungen abspielen, lässt die darin eingebetteten Medieninhalte stattdessen lieber aussehen wie billig produzierte Fernsehfilme. Wohl aus Angst, dies würde sonst den technischen Ansprüchen ans Kino nicht genügen. Dabei hat Blair Witch Project(öffnet im neuen Fenster) mit seiner Camcorder-Ästhetik schon 1999 bewiesen, dass so etwas glaubwürdig und trotzdem erfolgreich funktionieren kann.

Außerdem, das gilt auch wieder für Mercy, schaffen es Bekmambetovs Screenlife-Filme in der Regel nicht konsequent genug, ihre eigenen stilistischen Grundsätze bis zum Schluss einzuhalten. Was oft noch unterhaltsam und halbwegs glaubwürdig anhand von Bildschirmvorgängen, Überwachungskameras und dergleichen erzählt wird, muss sich im weiteren Verlauf immer mehr verbiegen, um innerhalb dieses selbstgewählten Korsetts noch andere Perspektiven unterzubringen, damit die Filmhandlung fertig erzählt werden kann.

Große Bauchschmerzen

Gemessen an den anderen Genre-Vertretern, ist Mercy immerhin ein wenig kurzweiliger, weil er durch den virtuellen Gerichtssaal effektvoller und dynamischer präsentiert ist. Der Krimi im Mittelpunkt ist jedoch total vorhersehbar und entwickelt sich zum Schluss immer unglaubwürdiger konstruiert. Dadurch hat Mercy allerdings zumindest etwas unterhaltsamen Trash-Faktor.

Normalerweise würden wir das als B-Movie-Abklatsch von Minority Report für zu Hause im Streaming noch durchgehen lassen. Die werblichen Züge für Amazons Überwachungsprodukte(öffnet im neuen Fenster) und der völlig unkritische Umgang mit totaler Überwachung im Allgemeinen, die eher glorifiziert wird, bereiten uns dafür allerdings zu große Bauchschmerzen.

Was wir viel lieber gesehen hätten? Einen KI-Rechtsanwalt, der sich ein intelligentes juristisches Schachspiel um das Leben seines Klienten mit der digitalen Richterin Maddox liefert. Hieraus hätte sich eine nicht enden wollende Pattsituation zweier in logische Endlosschleifen stolpernde KIs entwickeln können. Gerne hätten wir auch einfach nur einen spannend geschriebenen Thriller auf Erwachsenen-Niveau gesehen – doch das erreicht Mercy nicht einmal im Ansatz.

Mercy erscheint am 22. Januar 2026 im Kino.


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