Film wird als Action-Highlight vermarktet – eine dreiste Falschdarstellung
360 Grad Hologramme, die um Chris herumschwirren, und animierte Darstellungen theoretischer Szenarien, die Chris sich bildlich von der KI vorführen lässt, werden ausufernd freizeitparkmäßig groß aufgezogen. Schaut er sich vergangene Überwachungsaufnahmen oder live stattfindende Ereignisse an, schneidet die KI diese oft aus unerklärlichen Gründen für ihn wie einen Actionfilm.
Zum Beispiel, wenn es eine Verfolgungsjagd gibt und wir zwischendrin die Innenperspektive eines Restaurants sehen, in das ein Auto hineingedrängt wird. Für Chris hat diese Aufnahme keinen informativen Mehrwert, zumal die Hauptbeteiligten der Szene ganz woanders weiterfahren. Es sollte nur mal kurz etwas im Bild cool kaputtgehen.
Nach demselben Prinzip versucht Sony diesen Film in einigen Postern, die Chris Pratt mit Pumpgun in beiden Händen vor riesigen Explosionen zeigen, als Action-Highlight für Imax- und 4DX-Kinos zu vermarkten. Eine dreiste Falschdarstellung dessen, was der Film eigentlich zeigt.
Da er gefühlt in Echtzeit die rund 90 Minuten des Gerichtsverfahrens abspielt, bei 94 Minuten Laufzeit, kann sich jeder selbst ausmalen, wie wenig Zeit da noch für mehr ist, als nur Chris Pratt auf einem Metallstuhl sitzen zu sehen – mit allerlei Hologrammen um sich herum.
Natürlich soll der Film intelligent wirken, so als würde er uns vor Augen führen, wie gefährlich mögliche Überlegungen über echte KI-Gerichtsverfahren sind. Doch er stellt nur naive Fragen, warnt bloß vor dem Absurdesten.
Glaubt heute wirklich irgendjemand, der sich in den vergangenen Jahren nur ansatzweise mit KI auseinandergesetzt hat(öffnet im neuen Fenster) , wir sollten ChatGPT, Gemini und Co. in wenigen Jahren im Alleingang Todesurteile verhängen lassen? Dass sie in so kurzer Zeit reif genug sind, als quasi unfehlbar eingestuft zu werden, was ihr Urteilsvermögen angeht?
Fragwürdige Message
Mercy vermittelt den Eindruck, als hielten Regisseur Timur Bekmambetov und Drehbuchautor Marco van Belle es für eine wichtige Message, uns vor dem allzu leichtsinnigem Vertrauen in KI zu warnen. Sie zeichnen dabei aber die naivste Vorstellung eines solchen Szenarios, in dem es am Ende kaum noch um künstliche Intelligenz geht.

Sie behaupten, sofern sie es mit ihrer Handlung wirklich ernst meinen, die schiere Existenz eines solchen Mercy-Programms würde bereits so viel Ehrfurcht auslösen, dass hohe Verbrechensraten wie in ihrem fiktiven Los Angeles, in Windeseile um mehr als 60 Prozent sinken würden.








Diese Zahlen wirken absurd und aus der Luft gegriffen. Doch selbst wenn wir sie dem Film mal so abnehmen wollen, stellt sich sogleich die Frage, ob dieser Erfolg überhaupt etwas mit dem innovativen KI-System zu tun hat, oder doch wohl eher schlicht mit der Tatsache, dass Justiz und Staat im Schnellverfahren Todesurteile vollstrecken. Gegenwärtige Regime wie im Iran nutzen genau solche Mittel, um ihre Bevölkerung zu unterdrücken(öffnet im neuen Fenster) . Und sie brauchen dafür keine KI, die solch ein Übel nur anders, aber nicht weniger offensichtlich falsch und menschenrechtlich inakzeptabel verpackt.