Mercedes S-Klasse ohne Level 3: Die autonome Stufe, die keiner haben will

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Die Erwartungen waren hoch, als Mercedes-Benz im Mai 2022 seinen Drive Pilot auf öffentlichen Straßen präsentierte. Nach jahrelangen Entwicklungen und auf Basis neuer gesetzlicher Regelungen durften Fahrer erstmals das Lenkrad einem selbstfahrenden System übergeben . Waren die Bedingungen erfüllt, steuerte der Mercedes im Stau durch den Verkehr, ohne dass ein Mensch die Situation überwachen musste. Warum wird dieses innovative System vorerst eingestellt ?
Auf Nachfrage von Golem bestätigte ein Unternehmenssprecher: "Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Drive Pilot wie bei der Modellpflege der S-Klasse auch bei der Modellpflege des EQS nicht anzubieten. Unser Anspruch ist es, unseren Kundinnen und Kunden ein System anzubieten, das ihnen einen noch größeren Mehrwert und Komfort bietet."
Nicht bei Dunkelheit oder Kälte nutzbar
Schon bei der Premiere auf der Berliner Stadtautobahn hatte sich gezeigt, dass der Staupilot im Grunde nur sehr eingeschränkt nutzbar war. Das bestätigte sich später bei einem mehrtägigen Praxistest in und um Berlin .
Laut Handbuch funktionierte das System nicht bei defekten oder verschmutzten Sensoren, einem gestörten Navigationssystem, einer erkannten Gefahr oder bei Dunkelheit, niedrigen Außentemperaturen von weniger als 3 Grad Celsius oder Niederschlag. Weitere Ausschlusskriterien waren ein Dachgepäckträger, eingeschaltetes Fernlicht oder ein Anhänger beziehungsweise ein Fahrradträger.
Kein Testauto mehr erhältlich
Darüber hinaus schaltete sich der Drive Pilot oft ohne ersichtlichen Grund ab. Dann musste das Steuer innerhalb weniger Sekunden wieder übernommen werden. Es gab daher kaum Gelegenheiten, die frei werdende Zeit zu nutzen und eine andere sinnvolle Tätigkeit während der Fahrt auszuüben.
Ob die Erhöhung auf bis zu 95 km/h das System besser gemacht hat, konnten wir leider nicht überprüfen. Bei unseren Anfragen für ein Testauto wurden wir auf den Herbst 2025 vertröstet. Dann wurde uns mitgeteilt, dass es inzwischen zu kalt für den Drive Pilot geworden sei und leider kein Testauto mehr bereitgestellt werden könne.
Technisch gesprochen liegt das aktuelle Problem beim autonomen Fahren in der sogenannten Operational Design Domain (ODD). Das bezeichnet das Einsatzgebiet oder den Betriebsbereich des Systems. Dieser wird nicht nur vom Hersteller, sondern auch von den Zulassungsbehörden wie dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) festgelegt. So soll die festgelegte Mindesttemperatur von 3 Grad Celsius vom KBA vorgegeben worden sein.
Hohe Kosten durch redundante Hardware
Für die Produktions- und Entwicklungskosten eines solchen Systems macht es jedoch keinen großen Unterschied, ob es mit oder ohne Dachgepäckträger genutzt wird. Oder ob es draußen einfach nur kalt ist oder die Straßen möglicherweise glatt sind. Ebenfalls gibt es bei Systemen der Stufe 3 höhere Anforderungen an die Hardware. Um unerwartete Ausfälle zu kompensieren, sind Funktionen wie Elektrik, Lenkung und Bremsen redundant ausgelegt.
Zudem nutzt Mercedes-Benz zusätzlich zu Kameras und Radarsensoren noch einen Laserscanner, der den Gesamtpreis des Systems in die Höhe treibt. So kostete der Drive Pilot einschließlich der erforderlichen Zusatzpakete mehr als 10.000 Euro. Das ist selbst für gut betuchte Käufer der S-Klasse eine Stange Geld für eine Funktion, die nur selten genutzt werden kann.
Auf der anderen Seite hat es Mercedes seit Jahren versäumt, die Funktionen der Automatisierungsstufe 2 auszubauen.