Mercedes-Benz Technikchef Schäfer: Jetzt geht es um das automatisierte Fahren
Der Autohersteller Mercedes-Benz will bei der technischen Entwicklung den Fokus vor allem auf das automatisierte Fahren legen. "Ich gehe stark davon aus, das ist auch meine und unsere Vision, dass das automatisierte Fahren rasant weitergehen wird" , sagte Technikchef Markus Schäfer im Gespräch mit Journalisten auf der IAA 2025 in München.
Die Entwicklung gehe für private Pkw zu urbanem Level 3 und Level 4, erklärte Schäfer, dessen Vertrag durch das Erreichen der Altersgrenze im kommenden Jahr ausläuft. Er geht davon aus, dass Fahrzeuge mit Level 3 auch im urbanen Bereich schon vor 2030 auf den Markt kommen werden. Der Kundennutzen sei "immens, die Kunden lieben Fahrerassistenz" .
Gespräche mit Behörden laufen
Der am Vortag vorgestellte vollelektrische GLC ist technisch bereits für das überwachte Fahren nach Level 2++ vorbereitet. Dieses ermögliche wie Teslas überwachtes Full Self Driving (FSD) "auch im dichten Stadtverkehr ein nahtloses und sicheres Point-to-Point Fahrerlebnis" . Im Rahmen der IAA bietet Mercedes entsprechende Probefahrten in der Münchner Innenstadt an.
Solche Systeme sind in Europa allerdings noch nicht zugelassen. Laut Schäfer laufen für entsprechende Genehmigungen inzwischen Gespräche mit dem Bundesverkehrsministerium und zuständigen Behörden wie dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). "Man darf durchaus sagen, dass das KBA sehr progressiv unterwegs ist" , sagte Schäfer.
Zunächst in China und den USA
Mercedes will solche Systeme vorher bereits in China und den USA anbieten. Dazu wird der GLC mit zwei zusätzlichen Kameras am Kotflügel ausgerüstet, so dass zehn Kameras die Umgebung überwachen. Laut Schäfer ist nicht vorgesehen, diese zusätzliche Hardware in Deutschland schon bestellen zu können, solange das System nicht zugelassen ist. Daher würde es sich auch nicht nachträglich per Software-Update freischalten lassen.
Hohe Aufpreise für die Kunden durch die Bestellung autonomer Fahrzeuge erwartet der Entwicklungsvorstand nicht. Sensoren wie Kameras und Radare würden immer besser und günstiger. Das gelte auch für die früher sehr teuren Laserscanner. "Die Lidare machen riesige Fortschritte bei der Performance: Sie sehen weiter, sie lösen besser auf und die Kosten sinken erheblich" , sagte Schäfer. Auch die Rechenleistung der Chips steige weiter an bei, relativ gesehen, günstigeren Preisen. Moore's Law funktioniere noch.
Mit solchen fortgeschrittenen Assistenzsystemen will Mercedes-Benz auch in China verlorenen Boden gut machen.
Beifahrerbildschirm in China unverzichtbar
Dazu soll das große Display beitragen, das je nach Ausstattung fast einen Meter breit ist. "Man kann mit einem kleinen Zentralbildschirm momentan in China nicht erfolgreich sein. Man braucht den Beifahrerbildschirm auf jeden Fall" , sagte Schäfer.
Wichtig sind laut Schäfer zudem andere Fähigkeiten des Infotainmentsystems wie die grafische Darstellung von Inhalten sowie die Dialogfähigkeit des Sprachassistenten. Dazu hat Mercedes-Benz in sein neues Betriebssystem MB.OS mehrere große Sprachmodelle wie ChatGPT4o und Google Gemini integriert.
Reichweitenangst nicht mehr nötig
Was den Elektroantrieb betrifft, so sieht Schäfer sein Unternehmen mit dem im Sommer vorgestellten CLA und dem neuen GLC an der Spitze der technischen Entwicklung weltweit. Damit habe Mercedes "die Grenzen des Machbaren bei Effizienz in der Elektromobilität ausgetestet" . Künftige Fortschritte erwartet er weniger bei der Reichweite als bei der Ladeleistung.
"Bei 700 bis 800 Kilometern Reichweite kommen wir an einen Punkt, an dem der Kunde zufrieden ist" , sagte Schäfer. Wichtiger sei, dass die Reichweite in verschiedenen Temperaturbereichen nicht mehr groß unterscheide. "Sommer und Winter werden sehr nah beieinander sein, und dann geht auch die Reichweitenangst weg" , erklärte er.
Topmodelle könnten jedoch noch eine höhere Reichweite haben. Er verwies auf die Testfahrt eines EQS mit einer Feststoffbatterie von Factorial , der mit einer Akkuladung von Stuttgart ins schwedische Malmö gefahren sei. Nach der 1.205 km langen Strecke seien immer noch 140 km Reichweite angezeigt worden.
Allerdings dehnten sich die Festkörperzellen während des Ladens noch stark aus und schrumpften bei der Abgabe der Energie wieder zusammen. Diesen Effekt müsse man mit Blick auf den Bauraum und die Lebensdauer beherrschen.
Deutsche Autoindustrie braucht keinen Retter
Beim Thema Ladeleistung setzt Schäfer weiter auf das Konzept Laden wie Tanken: "Das Ziel muss sein, in wenigen Minuten von 10 auf 80 Prozent aufzuladen." In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass Mercedes mit dem Ladesäulenhersteller Alpitronic vereinbart habe(öffnet im neuen Fenster) , vom kommenden Jahr dessen Megawattlader HYC 1.000 in das eigene Ladenetz zu integrieren. Sie sollen dann bis zu 600 kW pro Ladepunkt abgeben können.
Trotz der hohen Investitionen in die E-Mobilität setzen sich die deutschen Autohersteller bei der Politik dafür ein, das EU-weite Verbrennerverbot ab 2035 aufzuweichen und beispielsweise Plug-in-Hybride oder E-Autos mit Range Extendern weiter zuzulassen.
Allerdings hält es Schäfer für nicht erforderlich, dass die Politik die deutsche Autoindustrie "retten" müsse. Diese Frage stelle sich beim Gang über die IAA nicht. "Hier zeigt die deutsche Automobilindustrie mit ihrer Innovationsstärke, dass sie bei Elektromobilität mithalten kann und bei Betriebssystemen erheblich aufgeholt hat. Bei vielen Themen sind wir auf einem Niveau der besten Spieler der Welt und können in vielen Belangen sogar Benchmarks setzen. Insofern mache ich mir da keine Sorgen" , sagte Schäfer.
Offenlegung: Golem.de nimmt auf Einladung von Mercedes-Benz an der IAA Mobility in München teil. Die Kosten für Anreise und Übernachtung werden von Mercedes-Benz übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.
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