Mercedes-Benz: "In einer perfekten Zukunft brauchen wir keine VR-Gehhilfen"

Bessere und schönere Autos durch den Einsatz von Virtual-Reality-Hightech: Hersteller wie Mercedes-Benz benutzen VR-Systeme schon seit langem für die Konstruktion ihrer Produkte. Golem.de hat mit VR-Solution-Scout Bianca Jürgens über den Stand der Technik gesprochen.

Ein Interview von veröffentlicht am
Bianca Jürgens, VR-Solution-Scout und Architect bei Mercedes Benz
Bianca Jürgens, VR-Solution-Scout und Architect bei Mercedes Benz (Bild: Mercedes Benz Cars)

Mit Virtual-Reality-Geräten lassen sich nicht nur Autos in Rennspielen steuern. Inzwischen sind die Headsets auch wichtiges Hilfsmittel für Ingenieure und Designer, wenn es um die Konstruktion neuer Wagen geht. Bianca Jürgens ist im Virtual Reality Center von Mercedes-Benz in Sindelfingen als VR-Solution-Scout und Architect dafür zuständig, passgenaue neue Technologien auszuwählen und diese in die vorhandenen Systeme des Autobauers zu integrieren. Auf der Tagung Digility 2017 hat sie über das Thema Virtual Reality Methods in Vehicle Development at Mercedes-Benz Cars gesprochen.

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Golem.de: In welchen Bereichen der Entwicklung neuer Produkte kommen VR-Systeme bei Mercedes-Benz vor allem zum Einsatz?

Bianca Jürgens: Das Virtual Reality Center in Sindelfingen stellt seit 1999 den Entwicklern bei Mercedes-Benz Cars verschiedene VR-Methoden zur Verfügung. Über die Jahre hinweg haben sich sechs Themenbereiche herauskristallisiert. Mixed Reality kommt vor allem bei Soll-Ist-Abgleichen zum Einsatz. Hierbei werden die digitalen Fahrzeugdaten mit realen Fahrzeugmodulen mit Hilfe eines Messarm-Kamera-Systems überlagert.

Dynamische Baubarkeitsuntersuchungen ermöglichen nicht nur die Feststellung, ob für bestimmte Bauteile genügend Bauraum vorhanden ist, sondern stellen auch sicher, dass der Ein- und Ausbau zur Wartung der Teile gewährleistet ist. Ein weiterer hilfreicher Aspekt ist die Möglichkeit, auch flexible Teile wie Schläuche und Kabel abzusichern, um beispielsweise die optimale Länge des Bremsschlauchs bei Betrachtung der maximalen Achsbewegungen zu ermitteln.

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Die Visualisierung von Berechnungsdaten ermöglicht die ganzheitliche Darstellung von Simulationsergebnissen am Fahrzeug. Hierdurch können komplexe physikalische Prozesse sichtbar gemacht werden. Bei der virtuellen Fahrzeugzertifizierung werden die digitalen Fahrzeugdaten auf Konformität mit den gesetzlichen Regelungen geprüft. Inzwischen erhalten wir Prüfsiegel für sieben verschiedene Prüfkriterien, ohne einen einzigen Prototypen vorgeführt zu haben! Dadurch sparen wir effektiv Ressourcen ein, da wir früher auf notwendige Änderungen reagieren können.

Highend-Visualisierungen ermöglicht es uns, unsere Produkte schon zu sehen, bevor sie gebaut wurden. Wir können das (noch) digitale Produkt aus Kundensicht erleben, bekommen einen ganzheitlichen Eindruck von Exterieur und Interieur und können Montagetoleranzen in Echtzeit sichtbar machen. Fotorealistische Fahrzeuge in interaktiven, virtuellen Umgebungen sind außerdem ein äußerst effektives Medium zur Herbeiführung schneller Entscheidungen. Eng verwandt mit der High-End-Visualisierung ist auch die Untersuchung ergonomischer Aspekte wie Sicht durch Windschutzscheibe und Innenspiegel, Erreichbarkeit von Sicherheitsgurt oder Steuerelementen und Reflektionen in allen Glasflächen zur Vermeidung störender Einflüsse bei Tag- und Nachtfahrten.

Golem.de: Was sind die wichtigsten Vorteile - eher Einsparung von Kosten, eher bessere Qualität im Ergebnis?

Jürgens: Virtual Reality ermöglicht es uns, unsere Produkte früher aus Kundensicht zu erleben. Dadurch wird früher ein höherer Reifegrad des Produkts erreicht. Weiterhin sollen zunehmend Hardwareprototypen eingespart werden. Die dadurch eingesparten Ressourcen Zeit und Kosten können wiederum verwendet werden, um die Qualität der Produkte weiter zu steigern. Der Anwendungsfall Baubarkeit zielt zudem auf eine Reduzierung der Kosten bei der Fahrzeugwartung ab, was sich finanziell beim Kunden bemerkbar macht.

Golem.de: Welche neuen VR-Ideen, -Ansätze und -Technologien finden Sie als Solution-Scout besonders spannend?

Jürgens: Ich persönlich finde alle Technologien faszinierend, die es mir erlauben, in eine virtuelle Welt einzutauchen, ohne umständlich VR-Anzüge, -Handschuhe oder schwere Headsets anzuziehen. Jede Entwicklung in diese Richtung geht meiner Meinung nach in die richtige Richtung. In einer perfekten Zukunft benötigen wir keine dieser VR-Gehhilfen mehr.

Golem.de: Wo gibt es noch besonders viel Verbesserungsbedarf bei Virtual-Reality-Software und vor allem -Hardware (Auflösungen, Drahtlos, Tracking, oder ganz was anderes)?

Jürgens: Wir verfolgen sehr gespannt die Entwicklung von hochauflösenden Head-Mounted-Displays, da die Auflösung der aktuellen Geräte noch nicht für alle Anwendungsfälle ausreicht. Besonders unsere User-Interface-Entwickler und die Kollegen aus der Ergonomie haben Schwierigkeiten mit den aktuellen Voraussetzungen. Außerdem hoffen wir auf eine baldige Lösung zum kabellosen und stabilen (!) Datenaustausch zwischen Rechner und Brille, um aufwendige und hinderliche Verkabelungen loszuwerden.

Der dritte Punkt ist die Entwicklung von Fingertracking-Technologien. Es existieren derzeit viele Ansätze auf dem Markt sowohl mit als auch ohne Handschuhe. Wirklich ausgereift ist leider noch keine Technologie, aber wir behalten die Entwicklung im Blick. Meiner Meinung nach steigert die virtuelle Repräsentation der eigenen Hände oder gar des ganzen Körpers die Immersion enorm.

Golem.de: Nutzen Sie privat auch schon Virtual Reality? Wenn ja, wozu, wenn nein, was fänden sie im Privatbereich besonders interessant?

Jürgens: Ein High-End-Headset wie die HTC Vive oder die Oculus Rift besitze ich privat nicht und werde ich mir voraussichtlich auch nicht anschaffen. Allerdings war ich in der Anfangszeit ein großer Fan von Pokémon Go - allein aufgrund der Tatsache, dass Virtual und Augmented Reality plötzlich für die Allgemeinheit verfügbar sind! Darüber hinaus bin ich ein großer Fan von 360-Grad-Kameras und der Möglichkeit, im Urlaub besuchte Orte wieder erlebbar konservieren zu können. Das beginnt mit einem 2D-Panorama und einer Cardboard-Anwendung und ist mittlerweile schon fast auf dem Stand, dass ich mich im kleinen Rahmen auf der Urlaubsinsel bewegen kann.

Persönlich würde ich den größten Nutzen aus einem erschwinglichen Augmented- Reality-Motorradhelm ziehen können. Ich fürchte allerdings, dass der dann noch ziemlich lange ziemlich teuer bleiben wird.

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