Mercedes-Benz EQT als Camper: Marco Polo wäre nicht weit gekommen

Flugscham, Corona, Abenteuerlust – der Trend zum Camping hat viele Gründe. Mit dem E-Auto ist man abgasfrei in der Natur unterwegs. Bislang ist die Auswahl passender Outdoor-Fahrzeuge jedoch gering . Mercedes-Benz bietet demnächst für seinen EQT ein Campingmodul.
Dabei wird der Hochdachkombi im Alltag als gewöhnlicher Fünfsitzer genutzt. Für den Ausflug über Nacht schiebt man zu zweit das 80 kg schwere Marco-Polo-Modul in den Kofferraum und fixiert es mit vier Schrauben. Es wurde von Brabus Automotive für die Standardversion des EQT gebaut. Öffnet man die Heckklappe, blickt man auf drei Schubladen im unteren Bereich. Links ist ein Wassertank (12 Liter) für ein ausklappbares Spülbecken.
In der Mitte steckt eine 15 Liter fassende Kühlbox und ganz rechts fährt ein Gaskartuschenkocher heraus. Darunter ist Platz für Lebensmittel und Geschirr. Beim Kochen steht man trocken unter der geöffneten Heckklappe. Bei gutem Wetter zieht man eine Tischplatte aus einem Fach über den Schubladen. Sie wird mit einem einsteckbaren Standfuß sowie zwei Camping-Klappstühlen im Freien platziert.
Tischfuß und Platte lassen sich auch im EQT montieren. Sind die Vordersitze nach vorn geklappt, kann man auf der Rückbank am Tisch Platz nehmen und im Auto essen oder arbeiten. Für die Fahrt finden die Klappstühle zwischen Rückbank und dem Campingmodul Platz.
Überall Zufahrt
Der EQT basiert auf dem Renault Kangoo. Obwohl die Mercedes-Variante schon im April 2021 vorgestellt wurde , lässt sich das Auto immer noch nicht bestellen. Nach Angaben von Mercedes soll die Standardversion des EQT zum Preis von 49.000 Euro "zeitnah" verfügbar sein.
In der 4,50 m langen Camper-Version kann man auch übernachten. Im Marco-Polo-Modul befindet sich eine ausziehbare Liegefläche. Sie wird in Richtung Frontscheibe gezogen und ausgeklappt. Eine faltbare Stütze sorgt für den nötigen Halt. Die gesamte Liegefläche ist mit Tellerfedern bestückt. Darauf kommt eine zehn Zentimeter dicke Matratze, die aus drei Teilen besteht.


















So entsteht eine komfortable Liegefläche von 2 x 1,15 Metern. Ist alles wieder verstaut, werden die beiden Frontsitze sowie die Rückbank uneingeschränkt zum Sitzen genutzt. Mit knapp unter zwei Metern Höhe passt der EQT in jede Tiefgarage, Parkhaus und Waschanlage. Oft gibt es an Parkplätzen mit schöner Aussicht auf Meer oder Berge bei der Zufahrt Höhenbeschränkungen. Mit dem EQT kommt man da durch.
Kleiner Akku, kleine Reichweite
Die EQT-Version verfügt über einen 45-kWh-Akku, der für 282 km (WLTP) ausreicht. Mit dem Marco-Polo-Modul sinkt die Reichweite auf 276 km. Geladen wird das E-Auto mit 11 kW (AC) oder bis zu 80 kW am Schnelllader. Der Ladeanschluss befindet sich unter dem Mercedes-Stern in der Front. Allzu weit darf das Ausflugsziel also nicht entfernt liegen und die Energieversorgung in wilder Natur ist begrenzt. Wie man dieser Herausforderung begegnen kann, zeigt Mercedes-Benz in einer Konzeptversion mit dem Namen Concept EQT Marco Polo.
Hier nutzt der Hersteller die EQT-Langversion mit knapp über 4,90 Metern. Als erstes fällt das Aufstelldach auf. Über eine Scherenfunktion und Druckfedern wird das Dach manuell hochgeklappt. "So kann selbst ich aufrecht im Fahrzeug stehen," sagt Dirk Hipp. Der Chef-Ingenieur für Small Vans bei Mercedes-Benz ist 1,92 Meter groß. Das leicht schrägstehende Dach ist perfekt für Solarmodule. Mercedes-Benz spielt daher mit der Idee der Energieproduktion über Photovoltaikzellen.
Für die Nutzung nach Sonnenuntergang speichert ein tragbarer Akku unter der Sitzbank die Energie. Ein Zugriff auf Strom aus der Hochvoltbatterie möchte der Hersteller umgehen. Ein 230-Volt-Anschluss für externe Stromversorgung auf einem Campingplatz ist angedacht. Genaue Leistungswerte von Akku und Modulen nennt Hipp im Gespräch mit Golem.de nicht. Für Frischluft über Nacht bleibt die Klimaanlage ausgeschaltet. Für beide Frontfenster gibt es Lüftungseinsätze mit Schlitzen, die mit Mückengittern versehen sind. Man lässt die Fenster runter und klemmt die Einsätze in die Lücke.
Schlafen oder Kochen
Vor fremden Blicken von außen schützt eine elektrische Verdunkelung der hinteren Fenster, wenn man auf der 2 x 1,15 Meter großen Liegefläche liegt. Mercedes-Benz hat noch eine weitere Liegefläche im Aufstelldach geschaffen. Dazu klappt man den Liegebereich aus dem aufgestellten Dach nach unten und liegt dann auf Höhe des normalen Fahrzeugdachs. Über eine Lücke im hinteren Bereich klettert der Campingfreund auf diese Liegefläche. Mit 1,97 x 0,97 Metern kann hier oben ein Erwachsener übernachten.
Zum Frühstück muss man umbauen. Beide Liegeflächen verschwinden und aus den Modulen von Brabus Automotiv wird eine Küche. Die Kunden haben die Wahl zwischen einem Gaskocher oder einem Induktionsfeld. Die Arbeitsfläche für die Essenszubereitung fährt elektrisch nach oben. Darunter sind diverse Schubladen für Geschirr und Lebensmittel.
Nach den Mahlzeiten spült man das Geschirr in einem versenkten Becken. Der Kanister darunter fasst 12 Liter Wasser, das gleiche Fassungsvermögen ist für Abwasser (Grauwasser) vorgesehen. Die versenkte Kühlbox fasst 16 Liter und ist tief genug für Weinflaschen. Sieben USB-Anschlüsse versorgen mobile Geräte. LED-Leuchten im Innenraum lassen sich in alle Richtung bewegen. Bei gutem Wetter befestigt man ein Sonnensegel am Fahrzeugdach und baut die Campingmöbel darunter auf.
Mit Anhänger unterwegs
Es gibt Schiebetüren auf beiden Seiten. Für die Nutzung im Alltag lassen sich auch in der Konzeptversion die Campingelemente entnehmen. "Mit zwei Leuten ist das in fünf Minuten erledigt," sagt Hipp. Dann bietet die Langversion Sitzplätze für sieben Personen und an dem Kleinbus erinnert nur noch der Aufsatz des Aufstelldachs an Camping.


















Die Serienversion des Konzepts wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2023 angeboten. Zu Preisen äußert sich der Hersteller noch nicht. Interessant ist, dass die Verantwortlichen beim EQT mit einer Anhängerkupplung arbeiten. Sie soll bis zu 1.500 kg ziehen können. Das verringert die bereits übersichtliche Reichweite von 282 km zusätzlich.
Hipp schätzt, dass knapp über 200 km mit beladenem Anhänger möglich sein werden. Bei maximal 80 kW Ladeleistung dürfte der Ladestopp etwas länger dauern. Aber das macht nichts. Man kann ja schon mal das Mittagessen vorbereiten.