Mercedes-Benz: Eine Game-Engine im Auto
"Dieses Restaurant loben die Besucher für die große Auswahl an vegetarischen Speisen" , sagt der Assistent im Mercedes-Benz CLA auf die Frage nach einer entsprechenden Restaurant-Empfehlung. Inzwischen ist es nicht mehr nur eine Stimme, hier spricht Little Benz zu den Insassen.
Die Visualisierung auf dem mittleren Bildschirm sieht aus wie eine zur Kugel geformte Fahrzeugfront. Dabei fungieren die Scheinwerfer als Augen. Little Benz ist sympathisch und verspielt – aber vermutlich zu gewagt für die klassische Kundschaft der Marke.
Darum ist der Standard ein funkelnder Stern. Wahlweise gibt es noch den Körper einer Person, der aus blauen Bildpunkten besteht, bei dem man jedoch im Gesicht keinerlei menschliche Merkmale ausmachen kann.
Farbe vermittelt Emotion
Bei der Visualisierung von Sprachassistenten gehen die Autohersteller auf dem deutschen Markt zurückhaltend vor. Daher wird es kaum überraschen, dass Little Benz in der China-Niederlassung des Herstellers entworfen wurde.
Alle drei Visualisierungen eint, dass eine Game Engine ihnen Leben einhaucht. Bislang wurden die Antworten von ChatGPT nur gesprochen. Jetzt zeigt der Stern durch unterschiedliche Farben seine Stimmungslage und Little Benz vermittelt mithilfe seiner Augen menschliche Regungen.
"Bildschirme sind die neuen PS-Angaben"
Die Game Engine kommt nicht nur bei den Assistenten, sondern bei sämtlichen Inhalten auf den drei Bildschirmen im CLA zum Einsatz. Beim GLC ist es ein großer, über die gesamte Breite des Armaturenbretts reichender Bildschirm mit 99,3 cm Breite.
"Bildschirme sind die neuen PS-Angaben" , ist James Liu, Leiter der Abteilung MB.OS Infotainment und Customer Experience, überzeugt. Der Amerikaner war zuvor für die Nutzererfahrung (UX) bei Alexa und Microsoft verantwortlich.
Nun steht er auf der Bühne beim Unite-Kongress in Barcelona. Das Software-Unternehmen Unity hat Entwickler aus aller Welt nach Spanien eingeladen. Unity ist neben Unreal von Epic Games einer der führenden Game-Engine-Anbieter.
Sensoren für Visualisierung nutzen
Schon immer ging es darum, dass der Held in einem Spiel ohne zu ruckeln und fotorealistisch läuft, springt und kämpft. Limitiert wird das durch die Rechenleistung mobiler Spielkonsolen und Smartphones.
Hört man sich in der Entwicklerszene um, hat Unity bei mobilen Geräten einen leichten Vorsprung. Dennoch sind die Fans im großen Saal begeistert, als die Chefs beider Unternehmen auf der Bühne verkünden, bald könne man mit Unity entwickelte Spiele auch über Fortnite von Epic Games vertreiben .
Da auch ein Auto ein Mobile Device ist, haben sich die Stuttgarter 2022 für Unity entschieden. Zuerst wurde die Software im Testfahrzeug Vision EQXX ausprobiert. Mit dem neuen Betriebssystem MB.OS und der vierten Generation des MBUX-Bildschirms kam die Technik in die Serienversion des CLA.
Hier wirkt sie auf allen drei Bildschirmen. Der Fahrer wischt beispielsweise am Lenkrad auf die Surround-Navigation. Im Kombi-Instrument hinter dem Lenkrad erscheint eine virtuelle Darstellung der Umgebung: Man sieht andere Autos und Radfahrer, Ampeln und Häuser.
"Es ist eine Visualisierung der Sensordaten und zu einem kleinen Teil sind es auch Kartendaten" , erläutert Nico Hempe, 3D Technology Lead MBUX bei Mercedes-Benz, während des Sitztests in Barcelona. Fahrer bekommen durch Pfeile angezeigt, wo sie abbiegen müssen und wo ein Spurwechsel angebracht ist.
Ohne Programmierkenntnisse gestalten
Für die Navigation steht erstmals in einem Mercedes-Benz auch Google Maps zur Verfügung. Allerdings nutzt der Hersteller seine eigenen Ideen zur Visualisierung. Dabei werden für eine Routenberechnung die Echtzeit-Verkehrsdaten von Google verwendet und um Daten aus dem Auto (Ladestand der Batterie, Wetterdaten, Topografie der Strecke) ergänzt.
Egal ob Navigation, Sprachassistent, Spiele oder Videostreaming, alle Inhalte werden mit der Unity-Software dargestellt. "Unser Unity Studio ist eine webbasierte Lösung. Im Editor können auch Designer ohne C#-Kenntnisse ganz einfach animierte Whiteboard-Skizzen erstellen und so den Designprozess beschleunigen" , sagt Sarah Lash, Senior Vice President und General Manager Industry bei Unity über den Vorteil der Software.
Aktuelle Stadt im Spielgeschehen
Gaming im Auto ist nicht neu. Beim E-Auto bieten sich Spiele für die Ladepause an. Spätestens, wenn die Fahrzeuge autonom unterwegs sind, können Fahrer zum Gamecontroller greifen.
Im CLA kann man schon heute per Bluetooth einen Konsolen-Controller mit dem Fahrzeug verbinden. Die Spieleauswahl im CLA enthält auch zwei Unity-Spiele:
Bei City Dash rollt eine riesige Kugel durch die Stadt, in der man sich gerade aufhält. Spieler müssen dabei Münzen sammeln und Hindernisse vermeiden.
Bei Build with Buildings kommen ebenfalls aktuelle Kartendaten zum Einsatz. Mit Gebäuden aus der Umgebung hält man ein Monster auf, das einen verfolgt. Dazu hebt man die Häuser an und wirft sie dem Verfolger in den Weg.
Kino nur für den Beifahrer
Wer lieber passiv eine Serie oder einen Film schaut, startet auf dem 12-Zoll-großen Bildschirm in der Mitte die Wiedergabe. Während der Fahrt wechselt die Darstellung auf den gleich großen Beifahrerbildschirm. Den Ton können Beifahrer auf Bluetooth-Kopfhörer übertragen. Schaut der Fahrer länger als 1,2 Sekunden auf diesen Bildschirm, wird er schwarz.
Favorit von James Liu ist allerdings das Kaminfeuer. Ihn begeistert, dass neben der Bildschirmdarstellung des Feuers ein Knistern aus den Lautsprechern zu hören ist, aus der Lüftung warme Luft strömt und die Sitzheizung eingeschaltet wird. "Wir schaffen mit dem Zusammenspiel aller Systeme ein Smart Home auf Rädern" , sagt Liu.
Teams-Meetings für unterwegs
Der Wagen dient auch als rollendes Büro. Im CLA gibt es im Menü einen Teams-Button. Damit lassen sich Videobesprechungen starten. Die Kamerabilder der übrigen Teilnehmer sieht man nur im Stand, während der Fahrt werden sie ausgeblendet. Das eigene Kamerabild bleibt auf Wunsch die gesamte Gesprächszeit sichtbar.
Entwickler Hempe begeistert etwas anderes: "Wir können bei dem System auch einzelne Funktionen, beispielsweise nur für den Fahrerbildschirm, als OTA-Update ausspielen."
Theoretisch lassen sich die Animationen mithilfe der Game Engine auch für Inhalte im Head-up-Display nutzen. Eine transparente Version der Surround-Navigation, die Realität und Fahrinfos in das Sichtfeld des Fahrers projiziert, könnte eine erste Idee sein.
Offenlegung: Die Kosten für die Reise nach Barcelona hat Unity übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.
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