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Mercedes-Benz: Auf Schlingerkurs in der elektrischen Oberklasse

Mercedes-Benz hat im wahrsten Sinne des Wortes ein Luxusproblem. Nun will Firmenchef Källenius gegensteuern und die elektrische E-Klasse vorziehen.
/ Friedhelm Greis
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Ola Källenius mit einem elektrischen Prototyp von Mercedes-Benz (Bild: Mercedes-Benz)
Ola Källenius mit einem elektrischen Prototyp von Mercedes-Benz Bild: Mercedes-Benz

Es ist fast 30 Jahre her, dass die A-Klasse von Mercedes-Benz mit dem Umkippen beim Elchtest(öffnet im neuen Fenster) Schlagzeilen machte. Aktuell erweckt der Autokonzern eher den Eindruck, als sei die gesamte Firmenstrategie ins Schlingern geraten. Da das Konzept Electric Only und der Fokus auf Luxusmodelle nicht die gewünschten Ergebnisse zeigt, will Firmenchef Ola Källenius offenbar umsteuern. Vor allem in China läuft es nicht wie gewünscht.

Zuletzt nannte Källenius in einem Interview mit dem Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) (Paywall) drei Gründe für den im ersten Halbjahr 2025 um die Hälfte gesunkenen Gewinn des Unternehmens. Dazu zählten die Neudefinition der Welthandelsordnung durch die USA, der darwinistische Wettbewerb in China und die länger dauernde Transformation zur E-Mobilität.

Gute Technik, zu aerodynamisches Design

Doch die Verkaufsschwäche bei den E-Autos dürfte auch hausgemachte Gründe haben. Zwar sind Modelle wie der EQS und der EQE ( Praxistest ) technisch gute Elektroautos mit hoher Reichweite, doch mit dem auf Aerodynamik getrimmten Design haben die Stuttgarter offenbar nicht den Geschmack der Kunden getroffen. Das gilt wohl auch für den Innenraum mit dem riesigen Hyperscreen und den kapazitiven Bedienfeldern.

Källenius räumte ein: "Womöglich sind wir in der Vergangenheit bei Details etwas zu weit gegangen, etwa beim volldigitalisierten Lenkrad." Nun sollen bei den neuen Modellen Wippe und Lautstärken-Walze als haptische Tasten zurückkehren.

Zudem schlägt sich die Luxusstrategie entsprechend in den Preisen nieder. Doch mit Rabattaktionen will der Mercedes-Chef die Verkäufe nicht steigern. Man wolle "den Preis nicht so weit senken, dass dies die Nachfrage künstlich treibt und langfristig die Restwerte für Kunden beschädigt" , sagte er dem Handelsblatt.

Luxus soll aus Strategie verschwinden

Insidern zufolge will der Konzern dennoch vom selbst kreierten Image der Luxusmarke wegkommen. Das Reizwort "Luxus" solle weitgehend aus der Strategie getilgt werden, berichtete das Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) (Paywall). Källenius sagte in dem Interview dazu: "Wir haben unsere Strategie eigentlich nie so bezeichnet. Richtig ist: Mercedes-Benz steht seit jeher für das Besondere."

Doch das trifft nicht ganz zu. Bei der Vorstellung des EQC vor sieben Jahren in Stockholm schrieb das Unternehmen: "So wie Mercedes-Benz für einen Modernen Luxus, Mercedes-Maybach für einen Ultimativen Luxus und Mercedes-AMG für Performance Luxus stehen, weist EQ mit einem Progressiven Luxus den Weg in die Zukunft."

Elektrische E-Klasse kommt 2027

Diese Zukunft sieht im Jahr 2025 nicht mehr so rosig aus. Das ist schon daran zu erkennen, dass Mercedes die Submarke EQ auslaufen lässt. Schon der ursprünglich als EQG vorgestellte elektrische Geländewagen ist bereits als G 580 auf den Markt gekommen und unterscheidet sich optisch kaum von den traditionellen Verbrennern. Das gilt auch für den neuen CLA und den vollelektrischen GLC , der auf der IAA 2025 in München vorgestellt werden soll.

Schon im Mai 2024 wurde berichtet, dass Mercedes die Entwicklung der Luxus-Plattform MB.EA-Large gestoppt habe . Diese war für größere Limousinen und SUVs wie die bisherigen EQS, EQE, GLS und GLE vorgesehen. Daher stellte sich die Frage, auf welcher Plattform die neue elektrische E-Klasse und der GLE produziert werden sollen.

Unter Berufung auf Insider berichtet das Handelsblatt(öffnet im neuen Fenster) (Paywall), dass Mercedes den Start der vollelektrischen E-Klasse durch einen Plattformwechsel auf die Mittelklasse-Architektur MB.EA-Medium auf das Jahr 2027 vorzieht. Ein Insider, der es wissen müsste, ist Golem namentlich bekannt.

Mercedes dementiert Facelift des EQE

Er heißt Ola Källenius und sagte auf der Hauptversammlung 2025 laut Redemanuskript(öffnet im neuen Fenster) : "2027 bringen wir die elektrische E-Klasse. Antrieb, Assistenzsysteme, Raumgefühl, Komfort – die elektrische E-Klasse wird die Grenzen des Segments verschieben."

Da die Luxus-Plattform MB.EA-Large wie erwähnt so schnell nicht zur Verfügung steht, ist der Wechsel auf die Mittelklasse-Architektur erforderlich, um 2027 die E-Klasse zu elektrifizieren. Auf dieser Plattform soll auch der GLC EQ produziert werden.

Einem Bericht des Blogs JESMB(öffnet im neuen Fenster) zufolge kündigte Källenius parallel dazu ein Facelift des EQE an. Damit werde das Modell möglicherweise vom Frühjahr 2026 an auf der 800-Volt-Plattform EVA2M produziert. Doch für eine solche Aussage gibt es keinen Beleg. Mercedes-Sprecher Jan Weber sagte auf Anfrage von Golem: "Ein EQE-Facelift wurde nicht bestätigt."

Komplette Produktion in China

Entscheidend für die Zukunft von Mercedes dürfte der Erfolg auf dem chinesischen Markt werden. Dort sollen die Verkaufszahlen in diesem Jahr laut der Datenanalysefirma Marklines um 66 Prozent gesunken sein. Der EQS habe pro Monat im Schnitt zuletzt nur 47 Käufer gefunden, schreibt das Handelsblatt.

Das Unternehmen wolle daher in China die Herstellungskosten seiner Neuwagen in den kommenden zwei bis drei Jahren laut einem Insider um 3.000 bis 4.000 Euro senken. Eingeweihten zufolge wolle der Konzern in China perspektivisch nahezu alle Teile und Services lokal beziehen, entwickeln und produzieren. Das betreffe insbesondere teure Komponenten wie Antriebsstrang, Batterie oder Zentralrechner. Bis zu 100 Prozent der sogenannten Faktorkosten bei lokal gefertigten Modellen sollen demnach mittel- bis langfristig direkt in der Volksrepublik anfallen.

Guter Auftragseingang bei CLA

Hoffnung macht dem Konzern offenbar die Nachfrage nach dem neuen CLA. Der Auftragseingang sei "der Hammer" , zitiert das Blatt einen Vertriebler. Die erste Produktionscharge des Coupés, das seit Juni 2025 als E-Auto und Verbrenner produziert wird , soll bereits ausverkauft sein.

Mercedes überwand das Elchtest-Debakel damals übrigens dadurch, dass die ESP-Funktion von der S-Klasse in die A-Klasse übernommen wurde. Nun dürfte es umgekehrt darum gehen, die fortschrittliche Technik des CLA auch in die Mittel- und Oberklasse zu bringen.


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