Mental Health und Digitalisierung: Sick heißt auf Deutsch gesund

Dass Sick in unserer Umfrage zum besten IT-Arbeitgeber auf Platz 3 landen würde, hat selbst uns in der Golem.de-Redaktion überrascht. Sick? Was machen die nochmal? Dass der Sensorhersteller nur innerhalb seiner Branche bekannt ist, war für die Umfrage kein Nachteil. Gepunktet hat Sick vor allem in den Kategorien Image und Wachstum sowie Belastung und Balance – hier landete das Familienunternehmen aus Waldkirch im Breisgau sogar auf Platz eins.
"Ich weiß gar nicht, ob wir bekannter sein sollten" , sagt Fabian Schmidt, als wir ihn im Gespräch auf die geringe Bekanntheit seines Arbeitgebers ansprechen. Schmidt ist Head of Digital Production bei Sick. "Wir sind ein Hidden Champion!" , sagt er über das Familienunternehmen. Und das hat weniger mit dem Bekanntheitsgrad, sondern mit dem Schwerpunkt auf eine moderne Produktion und die mentale Gesundheit der Angestellten zu tun.
Dabei sorgte der Drittplatzierte unserer gemeinsam mit Statista durchgeführten Umfrage selbst in der Golem.de-Redaktion für ähnliche Überraschung wie der Triumph von Maschinenbauer Trumpf im letzten Jahr . "Um Fachkräfte zu kriegen, wäre es schön" , bekannter zu sein, sagt Schmidt, denn auch er spürt den Fachkräftemangel bei Neuanstellungen. "Alles was IT ist, ist Mangelware." Aber man sei eben in der Industrie tätig und dadurch automatisch eher innerhalb seiner Branche sichtbar. "Bosch, Siemens, die kennen alle Sick, weil wir in den meisten Bereichen, in denen wir Produkte haben, auch Marktführer sind."
Trotz Fachkräftemangel kein Interesse an Headhuntern
Schmidt kennt Sick schon, solange er arbeitet. Nach dem Ende seines Studiums in Karlsruhe im Jahr 2007 fängt er zunächst als Softwareentwickler an, wechselt dann immer wieder den Posten. Seit 2022 leitet er die Produktionsdigitalisierung. Die spiele gerade in den letzten Jahren eine wichtige Rolle, sagt Schmidt.
"Die Produktion hängt beim Stand der IT eigentlich immer hinter der Office-Welt hinterher" , sagt er. Statt am papierlosen Büro arbeiten er und sein 40 Personen starkes Team an der papierlosen Produktion, bei der die Werker nicht mehr alles händisch in Mappen notieren müssen.
Eigentlich sei er nicht der Typ, der lange bei einer Firma bleibt, sagt Schmidt. Dennoch ist er Sick seit mehr als 15 Jahren treu geblieben. Die regelmäßigen Stellenangebote von Headhuntern schaue er sich mittlerweile gar nicht mehr an. Dass er trotz zahlreicher Abwerbungsversuche bei Sick bleibe, liege auch daran, dass er sich innerhalb des Unternehmens selbst weiterentwickeln konnte. "Es gab für mich immer eine neue, spannende Herausforderung" , sagt er.
Ein Blick auf seinen Lebenslauf zeigt, dass er doch alle paar Jahre die Position wechselte – innerhalb des Unternehmens. Erst war er Softwareentwickler, "dann war ich mal im Vertrieb, dann habe ich mal als Data Mining Experte gearbeitet" . Dass er nun an der Digitalisierung der Produktionsprozesse arbeitet, und nicht bei einem anderen Unternehmen, liege daran, dass sich auch bei Sick immer neue Aufgaben ergeben hätten.
Mental-Health-Vorsorge als Benefit für ITler
Sick sei ein Arbeitgeber, "der sehr, sehr viel für die Mitarbeiter tut" , sagt Schmidt. Neben den nicht unüblichen Sport- und Gesundheitsangeboten setze das Unternehmen dabei auch auf den Bereich Mental Health. So stellt das Unternehmen Ansprechpersonen, die vor Ort für die Belegschaft erreichbar sind, die aber auch mögliche Bedarfe der Standorte für das firmenweite Gesundheitsmanagement erfassen sollen.
"Wenn man eine Anlaufstelle hat, wo es Informationen und Ansprechpartner gibt, dann hilft es, glaube ich, sehr viel" , sagt Schmidt. Häufig würden etwa von Überlastung oder Burnout Betroffene gar nicht wissen, was sie tun sollten. Diese Ansprechpersonen sind nicht Teil des zehnköpfigen Gesundheitsmanagement-Teams, sondern üben diese Tätigkeit bei Sick nebenbei aus. Sie organisieren auch Angebote wie Schulungen und Workshops, viele davon in Kooperation mit externen Experten und Krankenkassen.
Dass das Thema der mentalen Gesundheit auch in der IT mehr Aufmerksamkeit bekommt, ist aus Schmidts Sicht überfällig. Statistiken geben ihm Recht (g+): Demnach haben 9,5 Prozent aller IT-Fachleute eine Angststörung, neun Prozent Gefühlsschwankungen bis hin zu Depressionen. Im Gespräch mit dem Golem.de-Newsletter Chefs von Devs sprach Vinted-CTO Mindaugas Mozuras beispielsweise offen (g+) darüber, selbst eine Therapie besucht zu haben – mit dem Ziel, ein besserer Vorgesetzter zu werden.
Gesundheitsmanagement für mehr Mitarbeiterzufriedenheit?
"Tatsächlich waren wir überrascht, wie gut das Thema angenommen wurde" , sagt Lutz Goerendt. Er ist Head of Health Management und für die Mental-Health-Angebote bei Sick zuständig. Die positive Reaktion habe dazu geführt, dass Sick das initiale Pilotprojekt nun verlängern werde. Mehr als 1.000 verschiedene Mitarbeiter hätten bislang an Angeboten teilgenommen.
Seit einem Jahr legt das Unternehmen unter dem Namen Mental Health @ Sick einen Schwerpunkt auf das vermeintliche Tabuthema. Aber "mentale Gesundheit beschäftigt uns nicht erst, seit wir das Projekt machen und nicht nur im Rahmen des Projektes" , versichert Goerendt, sondern sei Teil eines Gesamtkonzepts zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Sicks Angestellten, das bereits seit 2015 erstellt wurde.
Wenn's nicht läuft, wird geschimpft, aber Lob ist selten
Körperliche und mentale Gesundheit lassen sich für Goerendt nicht trennen, was auch Schreibtischtägigkeiten betrifft. Das Thema der psychischen Gesundheit "betrifft ITler nicht stärker, es betrifft sie anders" , sagt er.
Früher habe man das Thema Mental Health eher belächelt, glaubt Schmidt: "Gerade in so einer Männerdomäne wie der IT hat man das nicht ernst genommen. Das muss man so sagen." Umso wichtiger sei das Umdenken, dass Burnout und Depression eben doch ernstzunehmen sind.
Als ITler sei man in der alltäglichen Arbeit mit viel Undankbarkeit konfrontiert, ist Schmidts Erfahrung. Eine funktionierende IT werde einfach vorausgesetzt. "Umso verärgerter reagieren Leute, wenn das Internet auf einmal weg ist oder das E-Mail-Programm sich nicht öffnen lässt und man nicht arbeiten kann, wenn man eh Druck hat" , sagt er.
Dieser Frust werde häufig ungefiltert an die Kollegen in der IT weitergereicht, während das Lob ausbleibt, wenn alles läuft. "Und zu 99,9 Prozent läuft's, aber es wird brutal geschimpft, wenn es nicht läuft, weil es die Leute in der Arbeit behindert" , sagt er. "Das ist aus meiner Sicht der Grund, warum man in der IT auch da besonders darauf achten sollte."
"Es liegt auch an den Führungskräften, sich in die Angestellten hineinzufühlen" , sagt Schmidt, der mittlerweile selbst eine ist. Allerdings sei das mit der Pandemie schwieriger geworden, weil man seine Kollegen nur noch über eine Webcam statt direkt in die Augen sehen kann. "Da sind wir als Führungskräfte stark gefordert" , sagt er.
Die Pandemie hat die Distanz vergrößert
Dass die Coronapandemie den Fokus auf den Umgang mit Unsicherheit gelegt hat, betont auch Goerendt. "Mentale Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung für Themen wie New Work und modernes Arbeiten" , sagt er. "Auch das ist für uns ein Anstoß gewesen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen." Er betont, dass sich das Gesundheitsmanagement nicht auf psychische Erkrankungen und Belastung beschränkt, sondern sich der "mentalen Fitness" an sich annimmt.
Trotz Ansprechpersonen und Angeboten stehen dabei auch die Führungskräfte im Mittelpunkt, die für Goerendt "ein ganz, ganz wichtiger Multiplikator" sind und eine Vorbildrolle einnehmen. Deshalb gebe es auch Fortbildungen, die sich explizit an diese Teamleitungen richten und diese für die mentale Fitness ihrer Mitarbeiter sensibilisieren sollen.
"Einen Kicker haben wir auch in den Kantinen stehen" , sagt Schmidt und spielt auf das Start-up-Klischee an. Aber neben solchen für den Arbeitgeber günstigen Nettigkeiten gebe es eben auch handfeste Benefits wie eine Kita oder eben die Mental-Health-Angebote. "Der vielleicht wichtigste Punkt ist die Kultur" , sagt er.
"Wir kriegen es bei Sick sehr gut hin, dass Leute sich mit ihrer Arbeit identifizieren" , ist er überzeugt. "Und dann ist man aus meiner persönlichen Erfahrung auch belastbarer." Dass Sick ein Familienunternehmen ist, "merkt man" , ist Fabian Schmidt überzeugt.
Weitere Informationen zum Thema Top-IT-Arbeitgeber gibt es hier in unserem Karriere-Ratgeber