Matrix Resurrections: Kein müder Abklatsch, sondern ein starker Neuanfang

Als Matrix Revolutions in die Kinos kam, sprachen die Wachowskis immer wieder darüber, dass dies ihr letzter Film des Franchise wäre. Die Geschichte war erzählt, mehr wollten, mehr konnten sie nicht machen.
Das produzierende Studio Warner Bros. war natürlich an weiteren Matrix-Filmen interessiert, wartete aber ab und fragte jedes Jahr bei den Wachowskis an, ob Interesse an einem vierten Film bestehe. Die Wachowskis lehnten ab – bis eine von ihnen es nicht mehr tat.
Es war das Jahr 2019. In kurzen Abständen waren der Vater, ein guter Freund und die Mutter von Lana Wachowski gestorben. "Ich konnte meinen Dad und meine Mom nicht mehr bei mir haben, aber es gab noch Neo und Trinity, die vielleicht wichtigsten Charaktere in meinem Leben," erzählte Wachowski(öffnet im neuen Fenster) .
Es habe sich tröstlich angefühlt, dass diese beiden Figuren wieder leben konnten – und dass es so einfach war. "Das ist, was Kunst, was Geschichten für uns tun. Sie spenden uns Trost und sie sind wichtig." In einer schlaflosen Nacht ersann Lana Wachowski die Geschichte von Matrix Resurrections.
Ihre Schwester Lilly wollte nicht an dem Projekt beteiligt sein, Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss hatten jedoch Interesse. Im August 2019 wurde Matrix Resurrections offiziell angekündigt. Die Dreharbeiten im folgenden Jahr mussten wegen der Pandemie unterbrochen und der Kinostart mehrmals verschoben werden. Aber nun ist sie da: die Rückkehr in die Matrix.
Erinnerungen werden Fiktion
Thomas Anderson ist ein erfolgreicher Game-Entwickler. Er hat die Matrix-Trilogie entwickelt, die ein immenser Erfolg war. Sein Leben könnte gut sein, aber er verzehrt sich nach einer Frau, die er nur im Café immer mal wieder kurz trifft, er geht zu einem Therapeuten, weil er Schwierigkeiten hat, Realität von Fiktion zu unterscheiden, und er erhält auf seinem Handy eine Nachricht, die sein Leben auf den Kopf stellen wird.

Geschichten enden niemals, sagt Andersons Boss. Sie entstehen mit neuen Figuren und neuen Namen einfach neu. Das ist eine der Meta-Ebenen dieses Films. Immer wieder kommentiert er seine eigene Existenz.
Etwa, als Warner Bros. als Mutterkonzern des Game-Studios Deus Machina ein viertes Matrix-Spiel will – mit oder ohne die ursprünglichen Entwickler. In der echten Welt wartete Warner Bros. auf zumindest eine Wachowski, aber wie lange hätte das Studio noch gewartet?
Nostalgie ja – aber weit mehr als das
Matrix Resurrections (Kinostart: 23. Dezember 2021) spielt mit der Nostalgie des Publikums, aber auch der Figuren. Immer wieder gibt es Momente der alten Filme zu sehen – mal nur für den Zuschauer, wenn Figuren sich erinnern, mal als Stimulus für die Figuren selbst, um sie daran zu erinnern, wer sie sind und wer sie wieder sein könnten.
Diese Nostalgie-Fokussierung kann auch misslingen. Sie kann eine Geschichte begraben, umso mehr, wenn sie nur ein glorifiziertes Remake ist. Ein gutes Beispiel dafür ist Star Wars: Episode VII . Der Film ritt auf der Welle der Nostalgie.
Matrix Resurrections tut das auch, aber nicht nur. Es zitiert den Originalfilm mit Bildern und auf musikalische Weise, aber er ist auch ein gelungener Kommentar auf die Hollywood-Manie der Reboots und Remakes und Fortsetzungen.
Immer wieder nutzt der Film die ironische Brechung, während er in seiner Essenz so etwas wie ein mit Variationen spielendes Remake des Originals ist. Die Matrix macht das möglich, aber Lana Wachowski kehrt nicht einfach nur zur Quelle zurück und bietet mehr vom Gleichen.
Sie erfindet die Matrix neu und liefert damit einen Film ab, der das wohlige Gefühl der Nostalgie bietet, aber eben auch neue Wege beschreitet – inhaltlich, vor allem aber auch formal.
Die alten Filme waren im Super-35-Format gedreht, der neue Film digital. Die Regisseurin folgt dem alten Look, erfindet ihn aber auch neu. So bahnbrechend wie im Jahr 1999 ist das naturgemäß nicht, doch auch dieser Umstand wird ironisch aufgegriffen.
Die neue Matrix
Matrix Resurrections ist ein faszinierender Diskurs über die Themen, die schon das Original ausmachten. Was ist freier Wille? Was Schicksal? Gibt es das eine ohne das andere – und wenn man die Wahl hat, hat man die dann wirklich oder ist nicht längst alles entschieden?
Der vierte Film der Reihe ist ein Zitatenschatz. Das ist Fan-Service auf höchstem Niveau, aber er bietet mehr als nur ein Aufkochen alter Ideen. Er entwickelt sie weiter und sorgt sogar dafür, dass man retroaktiv die alte Trilogie mit neuen Augen sieht, weil der Frage nach dem Auserwählten ganz neue Bedeutung zukommt.
Matrix Resurrections ist nicht einfach nur ein Anhängsel zur alten Trilogie, er könnte der Auftakt zu einer neuen sein. Wie das bei Blockbustern heute gang und gäbe ist, bietet übrigens auch Matrix Resurrections noch eine Szene nach dem Abspann. Essenziell ist sie nicht, dafür aber amüsant.