Matrix 5: Die Zeit ist reif für eine neue Matrix

Von Star Wars und Ghostbusters mal abgesehen gibt es wenige Franchises, bei denen sich Fans des Originals so sehr vor einer Fortsetzung fürchten wie bei der Matrix-Reihe. "Oh Gott, warum?!" und "Bitte nicht!" flehten die Leser in den Kommentaren unter der Ankündigung einer Fortsetzung - und zwar nicht vergangene Woche, sondern schon 2019.
Damals wurde Matrix Resurrections angekündigt. Der vierte Teil hat - trotz positiver Kritik auf Golem.de und großer Begeisterung dieses Autors(öffnet im neuen Fenster) - wenig an der negativen Grundstimmung geändert, die sich seit dem zweiten Teil bemerkbar macht. "Nach dem 4. Matrix kann ich gerne darauf verzichten" , kommentierte ein Leser zur Ankündigung einer weiteren Fortsetzung . "Die Geschichte kann nicht gut werden."
Zugegebenermaßen ist Skepsis sogar dann angebracht, wenn man zum langsam wachsenden Lager derjenigen gehört, die vor allem den zweiten Teil Matrix Reloaded inzwischen positiver sehen(öffnet im neuen Fenster) . Denn von den beiden Autorinnen Lana und Lilly Wachowski wird nur noch erstere an Matrix 5 beteiligt sein - und das nur als Produzentin. Drehbuch und Regie stammen erstmals von jemand anderem.
Vier Fehler, die Drew Goddard vermeiden muss
Drew Goddard, Oscar-nominierter Drehbuchautor von Der Marsianer und Regisseur des Meta-Horrorfilms Cabin in the Woods, steht als neuer Auteur des Franchise vor der unmöglichen Herausforderung, sowohl den Ansprüchen unzufriedener Fans als auch dem Vermächtnis eines der einflussreichsten (und merkwürdigsten) Science-Fiction-Franchises aller Zeiten gerecht zu werden. Das kann gelingen - wenn er keine Angst bekommt.
War der erste Matrix-Film noch ein Potpourri aus verschiedenen externen Inspirationsquellen - ein bisschen Ghost in the Shell(öffnet im neuen Fenster) dort, ein wenig Descartes'sche Philosophie(öffnet im neuen Fenster) hier - kommentierte die Serie sich danach ständig selbst. Matrix Reloaded stellte ebenso wie Die letzten Jedi so ziemlich alles infrage, was im ersten Teil etabliert wurde, und ist gerade deshalb unter Fans ebenso umstritten wie die achte Star-Wars-Episode.
Wenn Drew Goddard einen Film machen will, der anders als Ghostbusters Afterlife oder Der Aufstieg Skywalkers auf eigenen Beinen stehen können soll (und nicht als ein vergessenswertes Nostalgiefeuerwerk abbrennt), sollte er von den Fortsetzungen der Wachowskis lernen - und folgende vier Fehler auf keinen Fall begehen.
Bitte nicht zu viel Respekt vor der Fanbase
Das erste, was Goddard lernen kann: Matrix-Filme enden nicht an der Kinoleinwand. Der 2021 erschienene vierte Teil Matrix Resurrections thematisierte mit der Nostalgie des Fandoms und den wirtschaftlichen Zwängen, die Lana Wachowski überhaupt erst auf den Regiestuhl zurückholten(öffnet im neuen Fenster) , auch die Realität außerhalb des Films. Und das nicht subtil, sondern ganz offen: Die reale Produktionsfirma Warner Bros wird im Film von einer verjüngten Version des Bösewichts der Original-Trilogie vertreten.
Dass Goddard clever und selbstreferenziell sein kann, hat er mit seinem Debüt Cabin in the Woods bereits bewiesen. Der anfangs klischeehaft wirkende Horrorfilm entpuppt sich als gigantische Farce, die mythologische Albtraummonster am Ende als Labortiere enttarnt. Als Außenstehender hat er vielleicht auch die Fähigkeit, diese Ablehnung der Fans etwas bissiger aufzugreifen, als Lana Wachowski es im doch sehr versöhnlichen Resurrections getan hat. Ein bisschen Publikumsbeleidigung tut uns Fans ganz gut, wenn wir unser Spielzeug mal wieder etwas zu ernst nehmen.
Vielleicht leugnen die Menschen in der Matrix in seinem Drehbuch deren Existenz einfach, so wie manche Fans nach 20 Jahren noch immer die Existenz sämtlicher Sequels leugnen - obwohl Reloaded und Revolutions zusammen mehr als eine Milliarde US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) an den Kinokassen eingespielt haben. Allzu viel Respekt (oder gar Angst) vor der Fanbasis sollte Goddard jedenfalls nicht mitbringen, wenn er sich wie Neo bis tief in die Nacht an die Tastatur setzt.
Mythologie ist mehr als Waffen, viele Waffen
Den weißen Bildschirm des Textdokuments zu füllen, sollte ohnehin kein Problem sein. Die Welt der Matrix bietet mehr als genug Spielraum für die wildesten Ideen. Von der Vorstellung, Matrix könnte noch einmal zu einem kompakten, in sich geschlossenen Action-Thriller wie 1999 zurückschrumpfen, sollten sich alle Beteiligten jedenfalls verabschieden, denn das wäre tatsächlich nur nostalgischer Fanservice.
Die Wachowski-Schwestern haben mit ihrer umstrittenen Experimentierfreudigkeit die Türen nicht nur aufgestoßen, sondern gleich die vierte Wand mit eingerissen. Goddard genießt als ihr Nachfolger alle Freiheit, die Regeln der Welt nach Belieben neu zu schreiben, wie die Figuren es mit dem Code der Matrix tun.
Die fantastische Animations-Anthologie Animatrix hat gezeigt, was für Geschichten sich alles in der Welt der Matrix erzählen lassen. Vom epischen Gesellschaftsstück über den Aufstand der Maschinen gegen die Arroganz der Menschheit bis hin zu niedlichen Alltagsabenteuern über die Wunderlichkeiten einer simulierten Welt ist in der Matrix mehr möglich als in einem Actionfilm mit Wire-Fu(öffnet im neuen Fenster) und Akimbo(öffnet im neuen Fenster) -Uzis. Warum sollte sich das Publikum also mit weniger zufriedengeben?
Matrix war niemals cool, sondern schon immer Camp
Denn das größte Missverständnis ist ja überhaupt, dass Matrix ein übercooler Actionfilm mit ein bisschen Science-Fiction-Philosophie auf Erstsemester-Niveau sei. Im Gegenteil: Matrix war schon immer Camp(öffnet im neuen Fenster) - auch wenn es im ersten Teil noch nicht so deutlich war wie in der erotischen Energie von Reloaded, der Jesus-Symbolik von Revolutions oder der Liebeserklärung an die ewige Liebe in Matrix Resurrections.
Die unberührbaren Gesichtsausdrücke und stoischen Heldenposen sind Rollen, die Neo, Trinity und Co. im Kampf gegen ihre Computergegenspieler einnehmen. In der echten Welt sind sie Menschen, die lieben, lachen, am Esstisch über Sex mit digitalen Blondinen fantasieren, einander vertrauen, verraten werden - kurzum das volle Programm an Seifenoperemotionen abspielen. Die Helden von Matrix sind eben keine emotionslosen Maschinen, sondern Menschen, die für ihre Menschlichkeit kämpfen.
Bei aller Cleverness wäre ein Matrix-Sequel ohne diesen emotionalen Kern unter der kühlen Oberfläche eine größere Zeitverschwendung, als sich den tausendsten verklemmten Witz über den Rave in Zion(öffnet im neuen Fenster) durchzulesen. Dass Matrix Reloaded allein für die Diversität dieser Szene heute wohl als woke verschrien würde, macht die wichtigste Aufgabe für Drew Goddard deutlich: Sein Film darf keine Angst davor haben, politisch zu sein.
Der perfekte Film für das KI-Zeitalter
Seine Haltung muss Matrix sogar überdeutlich machen, denn absurderweise wurde schon der erste Teil ausgerechnet von rechten Verschwörungsschwurblern im Internet vereinnahmt. Die rote Pille wurde über die Jahre zum Symbol frauenfeindlicher Incels und demokratiefeindlicher Deep-State-Fantasien.
Dabei ist Matrix als Film von zwei trans Frauen selbst schon als Allegorie auf ihr Coming-out zu verstehen. Das ist längst mehr als nur eine plausible Interpretation, sondern eine Aussage von Lilly Wachowski selbst(öffnet im neuen Fenster) . Der Film endete sogar mit einem Song der linken Rockband Rage Against the Machine, die mit dem Aufwachen(öffnet im neuen Fenster) ganz sicher nicht die Ablehnung diverserer Filmcasts gemeint hat.
Gegen eine Maschine gibt es aktuell mehr denn je zu wüten. Der letzte Matrix-Film erschien 2021, kurz bevor Megakonzerne wie Microsoft und Google das Zeitalter der künstlichen Intelligenz ausgerufen haben. Die Konzern-Maschine baut eine Computer-Maschine, während Tech-Bosse wie Sam Altman und Elon Musk sich immer wilderen ideologischen Abgründen hingeben.
Das alles ist die perfekte Ausgangssituation für einen neuen Matrix-Film, der im Geiste des heimlichen Wachowski-Meisterwerks Speed Racer die Allmachtsfantasien ins Visier nimmt und die Macht der Konzerne infrage stellt. Kommentiert ein kommender Matrix-Film diese neue Realität nicht, dann wäre der Ratschlag, sich den fünften Teil gleich ganz zu sparen, wirklich angebracht.



