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Massenentlassungen nach Corona: Wie die Tech-CEOs sich verzockt haben

Google , Microsoft , Amazon : Über die letzten Monate wurden Zehntausende Arbeitsplätze abgebaut. Die Wette auf Wachstum hat sich nicht ausgezahlt.
/ Daniel Ziegener
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Die Tech-Branche ist kein Casino. (Bild: Aidan Howe)
Die Tech-Branche ist kein Casino. Bild: Aidan Howe / Unsplash

200 Stellen hier, zehn Prozent der Belegschaft da – Entlassungen waren im Jahr 2022 eines der bestimmenden Themen der Tech-Branche. Und allem Anschein nach setzt sich der Trend 2023 fort. Die Meldungen kommen auch auf Golem.de so häufig, dass man sie schon als gegeben hinnimmt: Allein in den letzten Wochen haben Amazon, Meta, Alphabet, Microsoft und SAP massenhaften Stellenabbau angekündigt.

Dabei schien die Tech-Branche inmitten der Coronapandemie lange krisenfester denn je. Plötzlich lief sogar die Weihnachtsfeier über Videokonferenztools , Essensbestellungen per App boomten angesichts geschlossener Restaurants genauso wie sowieso noch mehr als bisher im Internet geordert wurde.

Dieser Boom der Tech-Konzerne von Hardware bis E-Commerce hat nun zusammen mit den Pandemiemaßnahmen ein Ende gefunden. Die Folgen werfen viele Fragen auf: Wie konnte eine ganze Branche dieses Wachstum dermaßen falsch einschätzen? Wieso bekommen diese Fehler vor allem die Angestellten zu spüren? Und wer muss als nächstes mit einem unpersönlichen Entlassungsschreiben per E-Mail rechnen?

67.268 verlorene Arbeitsplätze – allein im Januar

Die Zahlen sind überwältigend: Microsoft streicht 10.000 Stellen , Alphabet entlässt 12.000 Mitarbeiter , Amazon weitet seine Massenentlassungen auf 18.000 aus . Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Netflix entlässt angesichts schwachen Wachstums 300 Mitarbeiter , der Musikstreamingdienst Spotify kündigte 600 Beschäftigten , auch Salesforce entlässt Tausende Angestellte , darunter auch bei den erst in den letzten Jahren zugekauften Unternehmen Slack und Tableau.

Allein im Januar haben damit Zehntausende ihren Job verloren – zusätzlich zu denen, denen bereits im letzten Jahr bei Twitter , Oracle , Meta , Shopify , Groupon oder Coinbase gekündigt wurde. Laut Daten von layoffs.io, einer öffentlichen Sammlung der Entlassungsmeldungen (g+), haben allein in diesem Jahr mindestens 210 Firmen mindestens 67.268 Angestellte entlassen.

Auch wenn der größte Teil der Entlassungen in US-Unternehmen stattgefunden hat, sind auch im deutschsprachigen Raum schon jetzt mehr als 8.000 Arbeitnehmer seit Beginn der Coronapandemie betroffen. Eine Zahl, die zuletzt auch durch SAP nach oben getrieben wurde: Der Softwarekonzern aus Walldorf hat im Januar mit 3.000 Arbeitsplätzen drei Prozent seiner gesamten Belegschaft gestrichen .

Nicht nur der größte deutsche Softwarekonzern, auch Start-ups waren betroffen. Gorillas entließ in Berlin ein halbes Jahr vor der Übernahme durch einen Konkurrenten 300 Angestellte , der in Berlin ansässige Streamingdienst Soundcloud 20 Prozent seiner Belegschaft , in Wien mussten bei Bitpanda 200 Menschen gehen . Von den größten Tech-Konzernen bis zum kleinen Start-up, von der Entwicklung von Unternehmenssoftware über den Handel mit Kryptowährungen bis zu Essenslieferungen per Fahrradkurier – kein Geschäftsmodell scheint verschont geblieben zu sein.

Doch auch wenn es in Europa Entlassungen gab, ein Großteil des Stellenabbaus fand, wie gesagt, bei Unternehmen in den USA statt – bei den Entlassungen seit November 2022 sogar fast 90 Prozent, so eine Auswertung von 365 Data Science(öffnet im neuen Fenster) .

Totale Fehleinschätzungen während der Pandemie

Dass die echte Krise für Tech-Konzerne mit dem Ende einer anderen Krise erst beginnt, zeigt sich auch in den Geschäftszahlen. Intel musste durch den Abschwung des PC-Marktes zuletzt einen Verlust von mehr als 660 Millionen US-Dollar wegstecken , der Werbe-Umsatz von Google sackte im letzten Quartal ab(öffnet im neuen Fenster) – auf weiterhin hohem Milliarden-Niveau, aber schlechter als zuvor. Auch Mark Zuckerbergs mittlerweile in Meta umbenanntes Facebook musste erstmals einen Nutzerrückgang vermelden .

Auch einer der größten Gewinner des Lockdown-induzierten Anstiegs von Heimarbeitern hat das Ende seines Wachstums erreicht: Zoom teilte im Februar 1.300 "hart arbeitenden, talentierten Kollegen" mit, dass sie gehen müssen(öffnet im neuen Fenster) . Seine Mitarbeiter, die CEO Eric Yuan als "Zoomies" anspricht, informierte er nicht per Videoanruf, sondern mit einer E-Mail.

Mit der plötzlichen Notwendigkeit einer Alternative zu Hands-on-Meetings waren ab 2020 auch die Umsätze von Zoom(öffnet im neuen Fenster) sprunghaft angestiegen. Verdiente das Unternehmen 2019 noch 330 Millionen US-Dollar, waren es 2022 bereits rund 4,1 Milliarden – ein Anstieg um mehr als das Zehnfache. Damit wuchs auch die Belegschaft. Von 2019 bis 2022 hat sich die Zahl der Angestellten(öffnet im neuen Fenster) von 1.700 auf über 6.300 mehr als verdreifacht.

Dass die Unternehmen jetzt so stark schrumpfen, hat auch damit zu tun, dass sie ihr eigenes Wachstum während der Pandemie überschätzt haben. "Es ist nun klar, dass sich diese Wette nicht ausgezahlt hat" , sagte Shopify-CEO Tobias Lütke erstaunlich direkt, als das Unternehmen bereits im Juli 2022 ankündigte, zehn Prozent seiner Belegschaft zu entlassen .

Entschuldigungen, aber keine Konsequenzen

Damit meint er, dass das Wachstum des Kundenverhaltens während der Pandemie doch eine Ausnahme und nicht die neue Normalität gewesen sei – und gesteht mit der Wortwahl ein, dass ihm diese Möglichkeit durchaus bewusst war. "Letztendlich war es meine Entscheidung, diese Wette einzugehen, und ich habe mich geirrt. Jetzt müssen wir uns darauf einstellen" , sagte Lütke damals und viele geschäftsführende Kollegen taten es ihm gleich.

Verantwortung für die Entscheidung hinter dem Unwort Overhiring übernahmen viele CEOs: Mark Zuckerberg gestand ʺFehltritteʺ ein , ebenso Salesforce-CEO Marc Benioff, der zugab, während der Pandemie zu viele neue Mitarbeiter eingestellt zu haben . Coinbase-CEO Brian Armstrong gestand ein, die vielen Neuanstellungen hätten das Unternehmen gelähmt, statt es effizienter zu machen ( und baute ein halbes Jahr später noch weitere Arbeitsplätze ab ).

Auch Yuan übernahm die Verantwortung. Anders als viele seiner Kollegen wollte er "diese Verantwortung nicht nur mit Worten, sondern auch mit meinem eigenen Handeln zeigen." Sein Gehalt für das kommende Geschäftsjahr soll um 98 Prozent gekürzt werden, auf Bonuszahlungen will er für das Jahr 2023 verzichten.

Yuan bleibt damit eine Ausnahme. Wirkliche Konsequenzen etwa in Form eines Rücktritts von der Führungsposition waren bislang selten – und das, obwohl die eingestandenen Fehleinschätzungen des Marktes dermaßen große Auswirkungen auf die Unternehmen und vor allem ihre Angestellten hatten und damit eigentlich das Urteilsvermögen der Geschäftsführer infrage stellen müssten.

Softwareentwickler werden noch immer gebraucht

Nun richten sich viele Unternehmen neu aus – und dazu braucht man als Tech-Unternehmen auch das nötige technische Know-how, wie der extrem auf Sparen konzentrierte Twitter-CEO Elon Musk etwas zu spät bemerkte . Und zumindest im Moment noch werden Programmierer fürs Training der KI benötigt , die sie irgendwann einmal ersetzen soll.

Die Berufsgruppe der Softwareentwickler war branchenweit von den Entlassungen zwar stark, aber nicht am stärksten betroffen. Meta hat 30 Prozent seiner Personalabteilung entlassen, Amazon 37 Prozent und Microsoft sogar 40 Prozent – zumindest nach einer stichprobenartigen Auswertung einiger Hundert Linkedin-Profile von 365 Data Science.

Interessanter Datenpunkt ihrer Analyse: Durchschnittlich waren die entlassenen Angestellten noch keine drei Jahre im Job. Es scheint also so, als hätten die Unternehmen ihre Personalpolitik aus der Coronapandemie korrigiert. Und als hätten sie mit der Verkleinerung ihrer Recruiting-Abteilungen auch nicht vor, in naher Zukunft zu einem neuen Wachstumssprung anzusetzen.

Der teure Traum vom Metaverse

Dabei werden nun auch Entwicklungen korrigiert, die nicht den erhofften Erfolg gebracht haben – wie etwa das Metaverse. Der Entlassungswelle bei Microsoft fallen die Teams von Altspace, Mixed-Reality-Toolkits und Hololens zum Opfer. Meta ist noch nicht so weit, den namensgebenden Traum vom Metaverse ganz aufzugeben und will weiter investieren . Dennoch blieb auch ihre VR-Sparte Reality Labs nicht von Entlassungen verschont.

"Ich glaube, diese Faszination wuchs während Covid, weil alle drinnen gefangen und von Zoom gelangweilt waren" , diagnostizierte Niantic-CEO John Hanke im Interview den Hype um das Metaverse als weiteren Fehlschluss aus der Pandemie. ( Auch Niantic hat 2022 übrigens Angestellte entlassen .)

Meta investierte dennoch nicht nur Milliarden in diesen Traum vom nächsten Internet , sondern gleich noch in die Mühe einer Umbenennung der ganzen Firma. Denn wer das erste, erfolgreiche kommerzielle Metaverse-Produkt anbieten kann, sichert sich ein Quasi-Monopol.

Nun merken die Unternehmen ( und vor allem ihre ungeduldigeren Investoren ), dass hier kein zukunftsorientierter Plan aufgestellt, sondern nur in die nächste Wette mit ungewissem Ausgang investiert wird .

Ist Apple als nächstes dran?

Während sich die Meldungen über Massenentlassungen weiter durch die gesamte Technologiebranche ziehen, wird das Fehlen eines Namens immer auffälliger: Apple. Und wenn man den Analysten vertraut, soll das auch so bleiben . Aktuell beschäftigt der Konzern aus Cupertino rund 154.000 Menschen. Im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern ist der iPhone-Hersteller in den Coronajahren 2020 und 2021 personell aber nur um moderate zwölf Prozent gewachsen.

Zwar hat auch Tim Cook einen Einstellungsstopp erlassen . Trotzdem will der Apple-CEO Entlassungen vermeiden. Zwar könne man niemals nie sagen, erklärte er bei der Bekanntgabe der enttäuschenden Geschäftszahlen für das vergangene Quartal . "Wir möchten die Kosten auf andere Weise so weit wie möglich kontrollieren" , sagte Cook. "Ich sehe Entlassungen als letzte Möglichkeit."

Von großen Wetten hat sich Apple in den vergangenen Jahren ferngehalten. Und auch wenn man darüber lästern könnte, dass sich Apples neues Macbook äußerlich kaum vom alten unterscheidet, bringt das Unternehmen einige der, wenn nicht sogar die besten Notebooks auf den Markt .

Der Preis für Wachstum um jeden Preis

Nach der offenkundig gescheiterten Wette auf ein nachhaltiges Wachstum aus der Pandemie heraus setzen viele Konzerne nun bereits auf das nächste Zukunftsversprechen.

Denn der Chatbot ChatGPT stellte einen Rekord für die schnellwachsende Nutzerzahlen auf . Das nächste Wettrennen ist damit bereits eröffnet: Google investiert Millionen , Microsoft sogar Milliarden in die Forschung mit künstlicher Intelligenz, aus der vielleicht einmal echte Produkte entstehen könnten, die auch einen Umsatz generieren.

Während manche Unternehmen tatsächlich auf Sparkurs gehen müssen, tragen andere die Kosten der eigenen Selbstüberschätzung. Vielleicht muss das nächste große Ding nicht immer eine Wette sein. Den Preis für das Wachstum zahlen dann nämlich die Zehntausenden Arbeitnehmer – wenn die dann nicht schon mit einer KI ersetzt worden sind .


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