Mass Effect (2007): Epische Schlachten und Sex mit Aliens

In den frühen 2000er Jahren war die Heldenreise in Computerspielen oft ein lineares Erlebnis. Ob wir nun als Gordon Freeman gegen die Combine oder als Master-Chief gegen die Allianz kämpften: Viel Entscheidungsfreiheit gab es nicht.
Spiele des kanadischen Entwicklerstudios Bioware waren in dieser Hinsicht eine angenehme Ausnahme. So konnten wir schon im beliebten Star Wars: Knights of the Old Republic von 2003 über das Schicksal unserer Spielfigur entscheiden.
Drei Jahre später ging das Studio noch einen Schritt weiter: Statt sich der existierenden Star-Wars-Lizenz zu bedienen, schuf Bioware 2007 ein völlig neues Science-Fiction-Szenario – eine Welt, in der Menschen und Alien-Spezies zusammenleben, sich anfreunden und sogar intim miteinander werden. Willkommen in der Welt von Mass Effect.
Eine epische Sci-Fi-Geschichte
Biowares Action-Rollenspiel versetzt uns in das 22. Jahrhundert, in dem die Menschheit unter dem Banner der Erdallianz die Sterne bereist und kolonialisiert. Wir selbst sind mittendrin und schlüpfen in die Rolle des männlichen oder weiblichen Commander Shepard – einem hochdekorierten Offizier und XO der SSV Normandy, dem ersten in Kooperation mit Aliens erbauten Raumschiff der Allianzflotte.
Dabei hat die Menschheit erst vor wenigen Jahrzehnten andere Sonnensysteme besucht. Der Auslöser für die rasante Entwicklung waren zwei bahnbrechende Entdeckungen. Auf dem Mars hat die längst ausgestorbene Alienrasse der Protheaner Archive mit ihrem Wissen hinterlassen. Die Menschheit erfuhr von einem bis dahin unerkannten physikalischen Phänomen: dem Mass Effect, der die Masse von Objekten beliebig ändern kann. Dessen Quelle: Element Zero.

Auf Basis neuer Mass-Effect-Technologie bereiste die Menschheit auch die entferntesten Orte des Sonnensystems. Schnell entdeckte sie ein weiteres Geheimnis. Plutos Mond Charon ist nämlich kein Mond, sondern ein in Eis gehülltes interstellares Portal zu weit entfernten Sonnensystemen. Diese Masseneffektportale verbinden viele Tausend Welten miteinander. Ein erster feindlicher Kontakt mit anderen Spezies war unvermeidlich.
Diabolische Maschinen
Unsere erste Mission an Bord der Normandy SR-1 verläuft ebenfalls alles andere als geplant. Nicht nur werden wir vom mysteriösen Spectre-Agenten Nihlus, einem Turianer, beobachtet. Die Menschenkolonie Eden Prime wird zudem von den Geth angegriffen, einer Spezies künstlicher Intelligenzen. Angeführt werden sie vom abtrünnigen Spectre-Agenten Saren, dessen primäres Ziel zunächst simpel erscheint.
Doch steckt hinter all dem eine viel größere Macht: Die riesigen Reaper, Maschinen mit Bewusstsein, drohen, alles Leben der Galaxis auszulöschen, und es liegt an uns und unserem diversen Team verschiedenster Spezies, dem ein Ende zu setzen. Die Jagd nach Saren wird zu einer Schnitzeljagd, auf der wir neue Freunde und neue Feinde kennenlernen und ein enorm detailliertes und durchdachtes Science-Fiction-Universum erkunden.
Mass Effect spielt sich als Squad-basiertes Action-RPG anders als spirituelle Vorgänger wie Knights of the Old Republic. Mittels mächtiger futuristischer Waffen, biotischen und technischen Fähigkeiten steuern wir uns selbst und unsere zwei Squadmitglieder gegen Geth, Banditen, Kroganer und andere Schergen.
Die Kombination aus Third-Person-Shooter und Fähigkeitenkombos erinnert an Gears of War und spielt sich auch heute noch sehr gut. Das Gameplay bleibt über die bereits vierteilige Serie grundlegend gleich, wird aber in Teil 2 und 3 wesentlich verfeinert und verbessert. Das Kampfsystem ist eine der großen Stärken der Serie – auch wenn gerade im ersten Teil Kämpfe teils wirklich lange dauern und Waffen wenig unterschiedlich erschienen.
Das Talent von Bioware
Dass Mass Effect viele Fans schon nach den ersten Spielstunden fesselte, hat Bioware auch den eigenen Drehbuchautoren unter der Leitung von Drew Karpyshin zu verdanken. Er und sein Team zeichneten sich bereits für die Geschichten in Spieleklassikern wie Baldurs Gate 2, Neverwinter Nights und Star Wars: Knights of the Old Republic aus.
Das Design für Asari, Turianer, Kroganer, Quarianer, Geth und andere Alienspezies stammte aus den Federn von Branchenveteranen wie Bioware Art Director Derek Watts, der futuristische und eingängige Soundtrack aus den Köpfen der Spielekomponisten Jack Wall und Sam Hulick. Die generelle Führung übernahm Casey Hudson als Game Director, der in Zukunft auch weitere Titel für Bioware produzieren sollte. Entsprechend viel Expertise floss in das Projekt.
Und trotzdem wurde Mass Effect 2007 in der Spielepresse nicht nur positiv aufgenommen. Ja, viele lobten das frische Setting – Bioware hatte aus dem Nichts eine komplett neue und packende Story erschaffen. Andererseits erreichte das Gameplay teilweise nicht das gleiche hohe Level. Zwar konnten wir etwa Dutzende Planeten mit dem Mako erkunden, allerdings gab es dort nicht immer viel zu entdecken. Assets wurden wiederverwendet und die prozedural generierten Welten wurden so schnell eintönig.
Der Mako als Erkundungsvehikel wurde mit seiner hakeligen Steuerung und der Möglichkeit, steile Wände hochzufahren und wie ein Flummi vom Boden abzuprallen, schon zu einem Meme unter Mass-Effect-Fans. Das Erkunden der immer gleichen Bunker und Container machte einen signifikanten Teil der knapp zwanzig- bis dreißigstündigen Story aus und schreckte sicher einige ab.
Die Charaktere zählen
Mass Effect wurde aber nicht durch langweilige Mako-Touren, sondern durch seine starken Charaktere und die packende Story zum Favoriten vieler Fans. Da wäre der lässige und teilweise skrupellose C-Sec-Offizier Garrus Vakarian, der sich als Shepards bester Kumpel entpuppt. Der fast tausend Jahre alte Urdnot Wrex hat immer eine weitere Söldnergeschichte auf Lager, während die junge und neugierige Tali'Zorah nar Rayya uns von ihrer Pilgerreise, der Erschaffung der Geth und ihrer Faszination für die Menschheit erzählt.
Viele Charaktere lernen wir im Laufe der Handlung zu mögen. Wir fühlen mit ihnen und wollen umso mehr über sie erfahren. Doppelt schwer werden dann Entscheidungen, wenn sich Charaktere gegen unsere Entscheidungen stellen und uns sogar mit dem Tod drohen. Sind wir geschickt in unserer Wortwahl, lassen sich die meisten Aktionen aber auch friedfertig lösen.
Denn Mass Effect gibt uns mit seinem Paragon- und Renegade-System in den meisten Situationen die Wahl: Wollen wir eine von einem Pilzwesen indoktrinierte Menschenkolonie vollständig auslöschen oder möglichst viele Menschen retten? Wollen wir die Überlebende einer vom Aussterben bedrohten Alienspezies frei lassen oder töten? Und verdient der galaktische Rat es, von der Allianz-Flotte und durch Menschenopfer gerettet zu werden?
All diese teils schweren Entscheidungen tragen zu unserer emotionalen Bindung mit Commander Shepard und seinen Gefährten bei. Wir spielen nicht nur Shepard, wir denken uns in ihn oder sie hinein. Entsprechend fühlen wir mit, wenn unsere Entscheidungen schwere Konsequenzen haben können.
Das gilt auch für die Gefährten, für die Shepard mehr als nur freundliche Gefühle hegen kann. Mass Effect war 2007 nicht das erste Bioware-Spiel, in dem wir romantische Beziehungen mit anderen Charakteren eingehen konnten. Es ist aber bis zu diesem Zeitpunkt sicher das offenste. So können wir uns als weiblicher oder männlicher Shepard für jeweils zwei romantische Partner entscheiden.
Die Kontroverse um Sex mit Aliens
Besonders ist Liara T'Soni hervorzuheben, die als blauhäutige und nach außen hin weiblich dargestellte Asari Spezies beliebigen Geschlechts anziehend finden kann. Nicht nur können wir als weibliche Commander Shepard mit ihr eine homosexuelle Beziehung eingehen – sas war 2007 in der Computerspielbranche noch seltener als heutzutage. Mass Effect zeigt auch teilweise Nacktheit und Sex zwischen Shepard und dem Liebespartner der Wahl.
Letzteres sorgte in konservativen US-Medien für Furore. So wurde das Game für seine Sex- und Nacktheitdarstellungen Anfang 2008 von Fox News aufgegriffen und kritisiert. Es stellte sich schnell heraus, dass Menschen über ein Spiel diskutierten, welches sie nicht einmal selbst angespielt, geschweige denn sich kurz angeschaut hatten.
Aus heutiger Sicht könnte eher kritisiert werden, dass Mass Effect keine homosexuellen Beziehungen zwischen zwei Männern ermöglicht. Das sollte erst im Laufe der Zeit, wie viele andere Spielelemente, in den Nachfolgespielen implementiert werden.
Zwei Nachfolger für die perfekte Trilogie
Mass Effect 2 von 2010 machte bereits enorme Schritte nach vorn und tauschte das doch teils redundante Skillsystem, langgezogene Kämpfe und die Mako-Spritztouren durch ein actionreicheres Gameplay und noch mehr Charaktere und Story aus.
2012 kam dann Mass Effect 3 – das vorerst letzte Abenteuer mit Commander Shepard. Der dritte Teil baute auf dem Erfolg der ersten beiden Spiele auf, konnte aber Shepards Story aus Sicht vieler Fans nicht zufriedenstellend beenden. Bioware reagierte auf die Kritik und brachte eine Extended Edition als kostenlosen DLC heraus. Die konnte einige Kritiker, wenn auch nicht alle, besänftigen.
Auf zu neuen Abenteuern
Die Mass-Effect-Trilogie bleibt eine der größten Meilensteine in der Geschichte von Bioware. Nicht umsonst versuchte es das Unternehmen 2017 mit dem Spinoff Mass Effect: Andromeda erneut. Technische Probleme und die generell weniger interessante Story ließen das Spiel aber hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Doch ist Commander Shepards Reise wirklich zu Ende? Ein erster Teaser-Trailer gab zumindest Hinweise darauf, dass der bisher noch wenig bekannte vierte Serienteil möglicherweise den von so vielen geliebten Helden wieder zurückbringt.
Übersicht der vergangenen Staffeln von Golem retro_
In unserer Serie Golem retro_ nehmen wir Spieleklassiker ernst: Wir beleuchten im Video einflussreiche, wichtige oder immer noch sehr gute Spiele und die dafür nötige Hardware.
Die Nähe zu gigantischen Pixeln und quiekigen Midi-Klängen ist uns dabei genauso wichtig wie eine Auseinandersetzung mit den Spielmechaniken.
Wie immer wollen wir auf Wünsche aus der Community eingehen und die Spielepixel zeigen, die unsere Leser am liebsten sehen würden. Dafür bitten wir um reichlich Feedback in den Kommentaren, in denen auch ausdrücklich Spielevorschläge erwünscht sind.
Natürlich lesen wir auch gerne Erlebnisse, die unseren Lesern mit dem jeweils besprochenen Titel in Erinnerung geblieben sind.
Übersicht von Golem retro_ Staffel 9 (2022)
Folge 1: Star Trek Voyager Elite Force (2000): Widerstand ist Zwecklos
Übersicht von Golem retro_ Staffel 8 (2021)
Folge 1: Resident Evil (1996): Grauenhaft gut
Folge 2: Half Life (1998): Lange Halbwertszeit
Folge 3: Battlefield 1942 (2002): Flugzeuge, Chaos, Battlefield-Momente
Folge 4: Nintendo Gamecube (2001): Der gefloppte Würfel
Übersicht von Golem retro_ Staffel 7 (2020)
Folge 1: Turrican II (1991): Die letzte Schlacht
Folge 2: Knights of the Old Republic (2003): Auf zu neuen Horizonten
Folge 3: Mafia (2002): Don Salieri lässt grüßen
Folge 4: Sega Mega Drive (1990): Der 16-Bit-Krieg ist eröffnet
Übersicht von Golem retro_ Staffel 6 (2019)
Folge 1: Party like it's 1999: Die 510 letzten Tage von Sega
Folge 2 Spezial: Minikonsolen im Vergleichstest: Die sieben sinnlosen Zwerge
Folge 3: Silent Hill (1999): Horror in den stillen Hügeln
Folge 4: Halo (2001): Der Master Chief mit der Frau im Kopf
Folge 5: TES 3 Morrowind (2002): Im Auftrag des Kaisers nach Vvardenfell
Übersicht von Golem retro_ Staffel 5 (2018)
Folge 1 Spezial: Analogue Super Nt im Test
Folge 2: Need for Speed 3: Hot Pursuit (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3 Spezial: Playstation Classic im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Command & Conquer (1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5 Spezial: Commodore CDTV (1991)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 4 (2017)
Folge 1: The Legend of Zelda (1986 und 1995)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2 Spezial: SNES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Blade Runner (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: King's Field 1 (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Age of Empires (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6 Spezial: xRGB Mini alias Framemeister(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 3 (2016)
Folge 1 Spezial: NES Classic Mini im Vergleichstest(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Quake (1996)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Super Mario Bros. (1985)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Syndicate (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: (Jack) Alone in the Dark (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 2 (2015)
Folge 1: Super Metroid (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Anno 1602 (1998)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Star Wars Jedi Knight (1997)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: The Secret of Monkey Island (1990)(öffnet im neuen Fenster)
Übersicht von Golem retro_ Staffel 1 (2014)
Folge 1: Star Wars: X-Wing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 2: Sid Meier's Colonization (1994)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 3: Ultima Underworld (1992)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 4: Rock n' Roll Racing (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 5: Day of the Tentacle (1993)(öffnet im neuen Fenster)
Folge 6: Speedball 2 Brutal Deluxe (1990)(öffnet im neuen Fenster)