Marktanalyse Brasilien: Netzbetreiber kämpfen mit Datengeschenken um Kunden
Deutsche Netzbetreiber belohnen ihre Kunden gelegentlich mit kleinen Datengeschenken. So verschenkt zum Beispiel die Telekom 500 MB an alle Nutzer der MeinMagenta-App. In anderen Ländern zeigen sich die Netzbetreiber großzügiger. Der brasilianische Anbieter Vivo (Telefónica Brasil) schenkt allen Kunden, die auf eine postalische Rechnung verzichten, jeden Monat 3 GByte an Inklusivvolumen. Wer den Netzbetreiber eine Einzugsermächtigung erteilt, erhält noch einmal dauerhaft 3 GByte obendrauf.
Viele Kunden nehmen dieses Angebot an. Wer einen Vertrag mit 6 GByte abgeschlossen hat, surft dank Datenbonus ohne Aufpreis mit 12 GByte monatlich. Die Konkurrenz geht ähnliche Wege, der Netzbetreiber TIM schenkt Kunden dauerhaft 4 GByte, wenn sie die Rechnung monatlich über die App einer bestimmten Bank bezahlen.
Vivo befreit sich auf diese Weise von Papierrechnungen. Zudem wird gewährleistet, dass Kunden ihre Rechnung dank Mail rechtzeitig erhalten. Verspätet zugestellte Rechnungen per Post sind in Brasilien keine Seltenheit.
Der Datenbonus hat natürlich vor allem die Funktion, auf dem größten Mobilfunkmarkt Südamerikas um Kunden zu werben. Ende 2021 gab es 219,66 Millionen Mobilfunkanschlüsse(öffnet im neuen Fenster) in Brasilien. Für viele Brasilianer sind das Smartphone und vor allem Whatsapp nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken.
Brasilianischer Mobilfunkmarkt hat großen Wandel hinter sich
Der brasilianische Mobilfunkmarkt hat dabei einen Wandel hinter sich, seit 2022 existieren nur noch drei statt vier Netzbetreiber. Der Anbieter Oi (Brasil Telecom), die ehemalige Nummer vier des Marktes, steckte bereits seit Jahren in der Krise. Hohe Kosten für den Netzausbau und Übernahmen führten im Juni 2016 zur Insolvenz des Unternehmens.
Der Konzern beantragte Gläubigerschutz und versuchte, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Alle Versuche einer Rettung des Unternehmens scheiterten in den kommenden Jahren.
Im Dezember 2020 übernahm ein Konsortium von Vivo (Telefónica Brasil), Claro (América Móvil) und TIM (eine Tochter von Telecom Italia) für eine Zahlung von 16,5 Milliarden Brasilianische Real (circa 3,125 Milliarden US-Dollar) Kunden, Mobilfunkstandorte und Frequenzspektrum von Oi. Bis die Migration der Kunden komplett vollzogen war, dauerte es bis April 2022.
Die ehemaligen Oi-Kunden profitierten bei den neuen Anbietern von einer besseren Netzabdeckung und höheren Übertragungsraten, wie eine Analyse von Opensignal direkt im Anschluss an die Übernahme zeigte(öffnet im neuen Fenster).
Mehr als ein Jahr ist seit der Übernahme vergangen, drei Netzbetreiber teilen sich nun also den brasilianischen Markt(öffnet im neuen Fenster). Mit 39 Prozent hat Vivo den größten Marktanteil, es folgen Claro mit 33,1 Prozent und TIM mit 24,4 Prozent. Kleinere Anbieter und MVNOs spielen in Brasilien kaum eine Rolle, ihr Marktanteil liegt zusammen unter 5 Prozent. Mobile Virtual Network Operators verfügen über kein eigenes Netz, sie vermarkten eigenständige Tarife über das Mobilfunknetz eines Netzbetreibers.
Gute LTE-Netzabdeckung landesweit, 5G in den Städten
Brasilien verfügt Mitte 2023 über eine gute LTE-Netzabdeckung. In vielen Regionen zeigen sich 4G oder 4G+ im Display des Smartphones. Die Netzbetreiber haben zuletzt auch ländliche Regionen mit schnellem Internet ausgebaut.
Nach aktuellen Daten der brasilianischen Regulierungsbehörde (Anatel)(öffnet im neuen Fenster) bieten alle Netzbetreiber zusammen eine LTE-Netzabdeckung von 91 Prozent (nach Bevölkerung). Vivo, Claro und Tim haben bei der 4G-Versorgung etwa das gleiche Niveau.
Dabei gibt es regionale Unterschiede und Vorlieben der Kunden. In südlichen Bundesstaaten wie Rio Grande do Sul ist Vivo stark, in São Paulo oder Nordostbrasilien entscheiden sich viele Kunden für TIM.
Beim 5G-Ausbau hinkt Brasilien hinterher, die Mobilfunktechnologie ist vor allem in den Großstädten verfügbar. Hier hat es die frühere Regierung unter Kommunikationsminister Fábio Faria versäumt, frühzeitig die Weichen für 5G zu stellen.
Es dauerte bis Oktober 2022, bis alle Hauptstädte der einzelnen Bundesstaaten über eine 5G-Versorgung verfügten, wie sich in einer Mitteilung des Ministeriums für Kommunikation(öffnet im neuen Fenster) entnehmen lässt. Im Oktober 2022 gab es 5.275 Antennen mit 5G SA, hiervon profitieren 50 Millionen Menschen.
Brasilianische Anbieter vermarkten auch Festnetzanschlüsse
Die drei Netzbetreiber vermarkten nicht nur Mobilfunk, sondern auch Festnetzinternet und TV-Programme. Über Vivo lassen sich in mehreren brasilianischen Großstädten Glasfaseranschlüsse mit einer Übertragungsrate von bis zu 1.000 Mbit/s im Download und 500 Mbit/s im Upload abschließen. Beim Netzbetreiber Claro wiederum können Kunden auf Wunsch Festnetz, Mobilfunk und TV-Programm mit mehr als 100 Kanälen gemeinsam buchen.
Der Markt mit Festnetzinternet ist in Brasilien aktuell umkämpft. Anders als im Mobilfunk sind regionale Anbieter eine ernsthafte Konkurrenz für die Netzbetreiber. Die Unternehmen überbieten sich mit Übertragungsraten und Preisen für Glasfasertarife.
Entsprechende Tarife sind nicht teuer, da die Leitungen oberirdisch verlaufen. Die Anbieter nutzen Anlässe wie Valentinstag, Karneval, Muttertag oder Black Friday für besondere Aktionsangebote. Regionale Anbieter sind vor allem in kleineren Städten stark, üblich sind hier Glasfaseranschlüsse von bis 600 Mbit/s.
Trotz Konkurrenz durch regionale Anbieter sind die Netzbetreiber mit einer breiten Palette an Mobilfunk- und Festnetzprodukten gut aufgestellt. Brasilianer gelten dazu als konsumfreudig, sie verzichten ungern auf mobile Endgeräte und Streaming-Angebote. Das lateinamerikanische Land befindet sich auf dem Weg aus der Wirtschaftskrise(öffnet im neuen Fenster), was die Konsumfreude der Verbraucher zusätzlich befördern könnte.
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