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Facebook hat das Handbuch für die Trendthemen-Mitarbeiter veröffentlicht.
Facebook hat das Handbuch für die Trendthemen-Mitarbeiter veröffentlicht. (Bild: Dan Kitwood/Getty Images)

Manipulationsvorwürfe: Wie Facebooks Algorithmus-Redakteure arbeiten

Facebook hat das Handbuch für die Trendthemen-Mitarbeiter veröffentlicht.
Facebook hat das Handbuch für die Trendthemen-Mitarbeiter veröffentlicht. (Bild: Dan Kitwood/Getty Images)

Nach Manipulationsvorwürfen veröffentlicht Facebook das Handbuch für die Trendthemen-Mitarbeiter. Die Rolle von Journalisten ist größer als erwartet, allerdings handelt es sich vor allem um Sortier- und Umschreibe-Tätigkeiten.

Seit einigen Tagen steht eine Frage im digitalen Raum: Manipulieren Facebook-Mitarbeiter die Rubrik Trending Stories nach (linkslastigen) politischen Vorlieben? Nun hat der Konzern etwas Klarheit geschaffen.

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Besonders um Aufklärung bemüht erscheint Facebook dabei allerdings nicht. Denn zunächst war es nicht die kalifornische Firma selbst, sondern der Guardian, der Einblicke lieferte: Die Onlineseite veröffentlichte die Anleitung, nach denen Facebook-Redakteure die Nachrichten für die Trendthemen auswählen. Erst danach erschien ein Eintrag auf dem Firmenblog, in dem Vorstandsmitglied Justin Osofsky einige "Informationen zu Trending Topics" gab und die ausführliche Version jenes Dokuments veröffentlichen ließ, das bereits der Guardian publiziert hatte.

Aus Dokumenten, Guardian-Artikel und Blogeintrag lässt sich ein Bild der Datenarbeit zusammensetzen, die Journalisten als Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Algorithmen verrichten.

Im übertragenen Sinne sitzen die Trendredakteure an einem Eingangs- und Ausgangskorb. Im Eingangskorb erhalten sie eine Softwareauswertung von Themen, über die Facebook-Nutzer sprechen. Ein zweiter Algorithmus durchkämmt etwa tausend Nachrichtenquellen nach häufig auftauchenden Themen. Zu diesen Quellen gehören rechte, linke, seriöse und weniger seriöse Seiten.

Mit diesen beiden Datensätzen arbeiten die Facebook-Redakteure: Sie ordnen einem großen Facebook-Diskussionsthema einen oder mehrere Nachrichtenartikel zu, kategorisieren das Thema, verfassen Schlagwort-Überschrift und Kurzbeschreibung, bauen Fotos und Videos ein. Dann geben sie es für den Ausgangskorb frei: Das Thema kann danach je nach Interesse eines Nutzers personalisiert in der Trending-Topics-Leiste auf der rechten Seite erscheinen (die in Deutschland allerdings noch nicht existiert).

Allerdings haben die Redakteure bei dieser Auswahl auch Spielraum: Sie können Themen ausschließen, wenn sie kein Nachrichtenereignis sind (Beispiel: Wenn um 11:45 Uhr Tausende Amerikaner über "Mittagessen" diskutieren, ist das keine Nachricht) oder die Quellenlage unsicher ist. Sie können aber auch Themen einspeisen, wenn der Algorithmus sie auf Nachrichtenseiten als relevant identifiziert hat, die Facebook-Nutzer aber noch nicht darüber diskutieren (die Plattform ist kein traditionelles Echtzeitmedium).

Zehn Quellen dominieren die Gewichtung

Zudem können sie bestimmte Themen noch einmal besonders gewichten, damit Nutzer einen Blick auf das Weltgeschehen, also über das eigene Interessengebiet hinaus erhalten. Nur zehn Quellen bestimmen die Relevanz eines Themas: BBC News, CNN, Fox News, Guardian, NBC News, New York Times, USA Today, The Wall Street Journal, Washington Post, Yahoo News/Yahoo. Ein "nationales Thema" muss bei fünf der Seiten prominent erscheinen; eine "große Geschichte" bei allen zehn. Dazu gibt es noch "nukleare Themen", zum Beispiel große Terroranschläge.

Dass zu diesen zehn Quellen mit Fox News nur ein einziges dezidiert konservatives Medium gehört, dürfte einige Kritiker der Firma bestärken. "Wir haben keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass dieser Bericht wahr ist", meldete sich Firmenchef Mark Zuckerberg am Donnerstagabend zu Wort und lud US-Politiker aller Richtungen zum Gespräch ein.

Allerdings zeigt sich, dass die Rolle menschlicher Kuratoren doch größer ist, als die Firma bislang einräumte - dass die Facebook-Redakteure rund um die Uhr arbeiten, verdeutlicht dies.

Die Rolle der Journalisten ist jedoch sehr schematisiert und der Spielraum vergleichsweise gering - die Anleitung wirkt beinahe wie ein in natürlicher Sprache verfasster Softwarealgorithmus. Tatsächlich war die Erweiterung von Maschinenkuratierung (Newsfeed) auf Auswahl durch Mensch & Maschine (Trendthemen) laut Guardian eine Reaktion auf eine Softwareschwäche: 2014 kritisierten Nutzer und Aktivisten Facebook dafür, dass Berichte über die Anti-Polizeirassismus-Proteste in Ferguson, Missouri, in ihrem Newsfeed kaum auftauchten. Die Journalisten sortieren und betexten die Themen nur, weil - oder solange - der Software hier für die Einschätzung von Relevanz (noch) bestimmte Kontext-Marker fehlen.

Warum nicht einfach abschalten?

Nun hat ausgerechnet dieser menschliche Faktor dem Zuckerberg-Unternehmen nicht nur eine PR-Krise beschert, sondern auch Fragen über dessen Verantwortung als größte Nachrichtenverteilungsmaschine der Welt aufgeworfen. Die Schärfe der Debatte um die relativ irrelevanten Trendthemen ist nicht nur dem brutalen politischen Kulturkampf in den USA geschuldet: Sie deutet auf noch brisantere Themen im Kern des Produkts hin.

Die verbergen sich in den vagen Löschprinzipien und den Kriterien für die Auswahl im Newsfeed. Wie schon vor vielen Jahren Google sieht sich Facebook im Zentrum der Diskussion darüber, wie neutral ein Medium sein kann/darf/muss, das längst wie eine schwer verzichtbare Infrastruktur genutzt wird.

Für die Trendthemen liegt die Lösung auf der Hand: Facebook kann schlicht auf den menschlichen Faktor - also die Journalisten - verzichten oder die Rubrik einfach abschalten. Das würde zwei Trends entsprechen: der abnehmenden Relevanz journalistischer Urteils- und Arbeitskraft im Zuge der Digitalisierung und dem wachsenden Desinteresse an einem kanonisierten Überblick über das Weltgeschehen (und sei er, wie bei den Facebook-Trends, voller Nachrichten über den Kardashian-Clan).

Die Diskussion über Rolle, Werte und Transparenz des kalifornischen Unternehmens würde eine Abschaltung allerdings nicht beenden.


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