Maker Faire Hannover 2015: Kinder von heute fahren Kettcar mit Akkuschrauber-Antrieb
Zuweilen ist die Bastlermesse Maker Faire eher ein Ort für lernbegierige Kinder als für gestandene Bastler. Das gilt nicht nur für die wichtigste Maker Faire in den USA , sondern auch für den deutschen Ableger(öffnet im neuen Fenster). Doch die deutschen Bastler ticken in manchem anders als ihre amerikanischen Kollegen, wie die gezeigten Projekte von nützlich bis kunstsinnig auf der dritten Maker Faire in Hannover am vergangenen Wochenende zeigten: Sie verfolgen ganz eigene Ideen und Ansätze zur Umsetzung.

Ein Publikumsmagnet war auf der Bastlermesse das Oculus Rift; an mehreren Ständen gab es Projekte mit dem Head-mounted Display zu sehen. Die Harry-Potter-Fans unter den Besuchern konnten einen virtuellen Flug(öffnet im neuen Fenster) durch Hogwarts unternehmen – auf einem beweglichen Besen.
Praktisch denkende Messebesucher konnten dem Moved-Reality-Projekt(öffnet im neuen Fenster) wohl mehr abgewinnen. Es ermöglicht dem Anwender, die Welt aus der Sicht eines steuerbaren Roboters wahrzunehmen.
Die deutsche Liebe zum Auto
Deutlicher wurde der Kontrast zwischen deutschen und amerikanischen Fahrzeugbastlern bei den vielfältigen Fortbewegungsmitteln für den Individual-Festival-Verkehr. Denn des Deutschen Liebe zum Auto zeigte sich in Perfektionismus.
Mit dem Phantom Retroroadster(öffnet im neuen Fenster) beispielsweise hätte sich Grace Kelly sicherlich gern von Cary Grant abholen lassen, um damit entlang der französischen Riveria(öffnet im neuen Fenster) zu radeln. Etwas weniger Kraft erfordert die Fortbewegung per mit Akkuschraubern betriebenen Kettcars(öffnet im neuen Fenster). Alltagstauglicher, aber fürs tägliche Pendeln zum Arbeitsplatz fast zu schade sind die chromblitzenden E-Bikes(öffnet im neuen Fenster) von Power-Bikes.de.
Glänzender Stahl, polierte Oberflächen, saubere Schweißnähte – die Fahrzeuge in Hannover waren auffällig professionell gebaut – das Wort Basteln kommt hier nur schwer über die Lippen. Ganz anders auf der Maker Faire Bay Area, wo die Fahrzeuge häufig deutlich kreativer gestaltet waren, selbst ein oberflächlicher Blick schnell Rost offenbarte und zuweilen die Improvisation zu oft über die Sorgfalt siegte.
Etwas amerikanisches Feeling fernab ökologischer Bedenken kam bei einem Projekt des Berufskollegs Rheine auf: einem Trike aus einem alten Fiat 126 – inklusive Boombox und LED. Auch ohne aufgedrehte Musik beeindruckte das Gefährt allein mit seinem satten Motorsound. Fertig ist das Projekt noch nicht. Die Macher wollen die Bremsen noch einmal gründlich prüfen und säubern, vorher trauen sie sich noch keine größeren Runden mit ihrem Gefährt zu.
Kunst zwischen Selbstzweck und Nutzen
Laut war auch die MIDI-gesteuerte Drucksirene von Philipp Hachtmann, eines der Kunstprojekte auf der Messe. Die Konstruktion kombiniert ein einfaches Keyboard mit einem Luftdruckmechanismus. Die durchgeblasene Luft wird noch durch ein rotierendes Rad moduliert. Das Ergebnis klingt nach beschwingter Orgelmusik. Richtig laut wurde das Instrument, als ein anwesender Besucher die einfache Idee hatte, mit Hilfe eines Pappkartons einen zusätzlichen Resonanzraum zu schaffen.
Eher auf sinnliche Hautempfindungen zielte das Projekt Remember The Warm Times(öffnet im neuen Fenster) ab. Der Schal mit einem Heizelement hält nicht nur im Winter warm, sondern kann auch durch eine Smartphone-App gesteuert werden. Das Heizelement kann nicht nur vom Träger aktiviert werden, sondern auch von Freunden oder durch Betreten eines vorher definierten Ortes.
Dass sich Produktdesigner nicht nur mit der Optik von Erzeugnissen beschäftigen, sondern auch mit deren Eigenschaften zur Massenproduktion, zeigt das Projekt Piece of Cake(öffnet im neuen Fenster) von Stefan Aufrichter. Er stellte kleine Dosen aus Keramik aus, die einfach in Massen produziert, aber höchst individuell eingesetzt werden können.
3D-Drucker werden normal
Wenig Begeisterung lösten die 3D-Drucker aus. Während ihnen auf der Maker Faire in den USA eine ganze Halle gewidmet war, waren sie in Hannover zwar vielfach präsent, aber ihre Präsenz allein reicht nicht aus, um Besucher an den jeweiligen Stand zu locken. Aufmerksamkeit weckten nur zwei Projekte. Mario Lukas präsentierte seinen überarbeiteten Fabscan(öffnet im neuen Fenster) für dreidimensionale Scans von Objekten. Allein der Größe wegen eher an professionelle Nutzer richtet sich der Plastik-Extruder(öffnet im neuen Fenster) von DDDmaterial, der aus billigen Plastikpellets das für heutige 3D-Drucker notwendige Filament erzeugt.
Alle denken an die Kinder
Erklärtes Ziel der Maker-Faire-Messen in Deutschland wie den USA ist es, Kinder so früh wie möglich fürs "do it yourself" zu motivieren und ihnen handwerkliche Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln. In Hannover wurden an einigen Ständen mit Hilfe einfacher Experimente physikalische Effekte gezeigt und erklärt. Lötkurse, kleine Bastelprojekte und spontane Programmierexperimente wurden angeboten – sie gehören mittlerweile einfach zur Maker Faire. Die Beteiligten hatten sichtlich keine Scheu davor, Kinder mit Hilfe bunt blinkender Spiele zu begeistern und neugierig zu machen. Aber auch an vielen anderen Ständen von Fablabs und Projekten gab es kleine Angebote speziell für Kinder. Ein Workshop stach aus diesen Angeboten hervor: Kinder konnten unter Anleitung selbst schweißen. Damit hatte die Maker Faire Hannover der Maker Faire Bay Area doch etwas voraus.
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