Makabres Geschäftsmodell: Berliner Youtuber schürt gezielt Panik mit erfundenem Terror

Im November erreichten die Berliner Polizei innerhalb kurzer Zeit mehr als 900 Notrufe besorgter Eltern. Der Grund war eine angebliche Anschlagsdrohung gegen mehrere Schulen in der Hauptstadt. Auf einem russischsprachigen Telegram-Kanal waren Waffenfotos und eine Liste Berliner Schulen aufgetaucht.
Die Polizei stellte rasch klar: Es handelte sich um Falschinformationen, wie der Tagesspiegel berichtet(öffnet im neuen Fenster) .
Die Behörden reagierten umgehend und informierten dem Bericht nach die Öffentlichkeit über die gezielte Desinformation. Doch der Berliner Influencer Rudolph K., der unter dem Namen JSix auf Youtube und Tiktok agiert, machte weiter. Mit Hunderttausenden Followern nutzt er solche Falschmeldungen für sein Geschäftsmodell.
Reißerische Titel sorgen für Unruhe
Acht Stunden, nachdem die Polizei Entwarnung gegeben hatte, veröffentlichte JSix ein Video mit dem Titel "Terrorwarnung an Berliner Schulen! Polizei und Medien schweigen!" Der Zeitpunkt war bewusst gewählt: Montagmorgen, wenn Familien gemeinsam am Frühstückstisch sitzen.
Der 39-Jährige bezeichnet sich selbst als "rasenden Reporter" oder "freien Journalisten" . Sein Kanal zeigt vorwiegend soziale Brennpunkte, Demonstrationen und Blaulicht-Einsätze in Berlin. Die Videoüberschriften sind dabei durchweg irreführend.
Videos auf seinem Kanal tragen Titel wie "Terrorgefahr – Alle Weihnachtsmärkte in Berlin abgesagt" oder "Krieg in Deutschland" . Die Inhalte zeigen jedoch lediglich Sicherheitspoller, leere Plätze zur Mittagszeit oder Bundeswehrübungen. Keiner der alarmistischen Titel entspricht den tatsächlichen Gegebenheiten.
Bewusste Strategie der Angstmache
In einem Interview mit dem umstrittenen Journalisten Martin Lejeune äußerte sich Rudolph K. zu seiner Vorgehensweise. Auf die Konfrontation mit den Fake-Terrorwarnungen antwortete er, es sei seine Pflicht, "die Leute zu warnen" . Er habe selbst Kinder und könne sich "keinen Fehler erlauben" .
Auf den Hinweis, dass Polizei und Medien längst über die Falschmeldung aufgeklärt hätten, reagierte der Influencer mit einer Verschwörungstheorie. Die Polizei habe die Drohung "unter den Teppich gekehrt und als Fake abgestempelt" , behauptete er. Wenige Minuten später räumte er ein: "Wie Internet funktioniert, muss ich niemandem erklären, das ist ja auch Clickbait."
Youtube-Inhaber Google teilte auf Anfrage mit, dass irreführende Inhalte mit erheblichem Schadensrisiko nicht gestattet seien. Das Video zur Fake-Terrorwarnung an Berliner Schulen wurde mittlerweile von der Plattform entfernt. Dutzende weitere Videos mit erfundenen Terrordrohungen sind jedoch weiterhin abrufbar.
Unkritische Medienberichterstattung
Das Sat.1-Frühstücksfernsehen widmete JSix im November einen mehrminütigen Beitrag. Der Influencer wurde als mutiger Reporter präsentiert, der auf "Missstände" aufmerksam mache. Seine problematische Panikmache wurde nicht thematisiert.
Rudolph K. verbreitete den Beitrag anschließend mit der Behauptung, er bekomme eine eigene Show bei Sat.1. Der Sender dementierte dies später. Auf die Frage nach den journalistischen Standards des Beitrags reagierte Sat.1 gegenüber dem Tagesspiegel zunächst nicht.
Nach mehrfacher Nachfrage antwortete ein Sprecher mit einem lateinischen Sprichwort, das darauf abzielte, JSix zu kritisieren. Der Sender übersah dabei, dass der Influencer bereits vor dem Fernsehbeitrag monatelang falsche Terrorwarnungen verbreitet hatte.
Die Berliner Polizei und Medienschaffende stehen vor der Herausforderung, solche gezielten Desinformationskampagnen einzudämmen. Das Geschäftsmodell von JSix zeigt, wie leicht sich mit Angst und Panik Reichweite generieren lässt.



