Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Mafia 3 im Test: Sex, Drogen und Rassismus

Lust auf einen Abstecher in die Geschichte? Anstelle von Assassin's Creed bietet in diesem Jahr Mafia 3 eine glaubwürdige Zeitreise, und zwar in die 70er Jahre in den USA – und eine toll erzählte Handlung über nicht so ehrenwerte Familien in einer gespaltenen Gesellschaft.
/ Peter Steinlechner
79 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Mit dem Auto geht es in Mafia 3 durch New Bordeaux (Bild: 2K Games)
Mit dem Auto geht es in Mafia 3 durch New Bordeaux Bild: 2K Games

Für die rassistischen Sprüche in Mafia 3 würden wir heutzutage zu Recht mindestens gesellschaftlich geächtet werden. Um den historischen Hintergrund des Rassenhasses authentisch zu gestalten, haben sich die Entwickler bewusst entschieden, Sätze wie diesen beizubehalten: "Das ist ein merkwürdiger Neger, der führt nichts Gutes im Schilde!" In der Welt des Spiels muss sich die Hauptfigur Lincoln Clay dies von Passanten anhören, nur weil er auf der Straße herumsteht.

Mafia 3 – Fazit
Mafia 3 – Fazit (02:25)

Leider hat das einen realen Bezug: Lincoln und die Passanten sind zwar nur in der fiktiven US-Stadt New Bordeaux unterwegs. Aber die orientiert sich am New Orleans der 70er-Jahre – und damals war die Südstaatenmetropole von Rassenhass und einer Art von Apartheit geprägt, die wir uns heute in dieser Form zum Glück kaum noch vorstellen können und wollen.

Das Thema Rassismus steht zentral im Mittelpunkt von Mafia 3. Uns fällt kein anderes großes Spiel ein, das sich derart intensiv mit einem solchen Thema beschäftigt, wie es für gemütliches Gaming vermeintlich ungeeignet erscheint. Als Lincoln Clay müssen wir uns immer wieder abfällige Bemerkungen von hellhäutigen Gangstern, Polizisten, Wachleuten und eben Passanten anhören. In einer Zwischensequenz bringt eine Dame in einem feinen Club mit einer fast unmerklichen Bewegung ihre Handtasche in Sicherheit, als Lincoln an ihr vorbeiläuft. Und auf der Straße und im Autoradio werden die Ermordung von Malcom X und Martin Luther King diskutiert.

Das Tolle ist, dass die Handlung trotz des bitterernsten geschichtlichen Hintergrunds sehr unterhaltsam geworden ist. Als Vietnamveteran Lincoln Clay sind wir einer von wenigen dunkelhäutigen Gangstern in der von Italienern, Iren und anderen Weißen geprägten "ehrenwerten Familie". Die ersten paar Stunden der stellenweise fast wie ein Dokumentarfilm mit Ingame-Szenen und historischen Filmaufnahmen erzählten Story verlaufen weitgehend linear.

Dann kommt es zu einem einschneidenden Ereignis – und ab diesem Zeitpunkt sind Lincolns und unser Ziel klar: Wir wollen es zum obersten Mafiaboss in New Bordeaux bringen! Als ersten Schritt auf der kriminellen Karriereleiter müssen wir den Stadtbezirk Delray Hollow übernehmen. Zuerst fahren wir im Auto zu einem Informanten, verprügeln den Mann ein bisschen – was in Mafia 3 grundsätzlich aus der Schulterperspektive und mit ein paar Tastendrücken funktioniert – und bringen ihn dann dazu, uns mit Infos zu versorgen.

Ballerei im Bordell

Nach ein paar ähnlichen Zwischenschritten sausen wir ins Bordell von Delray Hollow, liefern uns ein Feuergefecht mit ein paar feindlichen Wachen, befreien ein halbes Dutzend Prostituierte und legen den lokalen Mafiaboss um. Fertig: Ab sofort gehört der Bezirk uns, und wir lassen im Stripclub im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen – aber immerhin wohl weniger ausbeuterisch.

Nach diesem Muster übernehmen wir nach und nach die Macht in neun anderen Bezirken, wobei es dabei um andere Verbrechen geht, etwa Waffenschmuggel oder Drogen. Die Verwaltung der Stadtviertel müssen wir drei Kompagnons überantworten: der mysteriösen Haitianerin Cassandra, dem trinkfesten Iren Burke und einem gewissen Vito Scaletta – der bereits aus Mafia 2 bekannt ist. Bei diesem Teil des Spiels geht es vor allem darum, keinen der drei zu sehr zu bevorzugen oder zu benachteiligen, was zu Streit und zu Konsequenzen in der Haupthandlung führen kann.

Gleichzeitig öffnet sich auch die Struktur des Spiels: Wir können uns mehrere Bezirke gleichzeitig vornehmen. Dazu bekommen wir Ausrüstung, um nach Extras zu suchen, und es gibt Nebenmissionen, in denen wir etwa andere Ganoven verfolgen oder Verbrecherautos entsorgen – was sich in den meisten Fällen recht generisch anfühlt.

Verfügbarkeit und Fazit

Für die aufwendige Hauptkampagne schätzen wir eine Spielzeit von rund 15 Stunden, für den Kleinkram nebenbei dürfte noch mal die gleiche Dauer anfallen. Damit kommt Mafia 3 weder an die Masse noch an die Klasse von GTA 5 heran – was das Entwicklerstudio Hanger 13(öffnet im neuen Fenster) aber wohl auch nie ernsthaft vorgehabt haben dürfte.

Mafia 3 – Trailer (Lincoln Clay)
Mafia 3 – Trailer (Lincoln Clay) (00:53)

Die natürlich auffälligste Parallele zu Grand Theft Auto ist, dass wir uns in New Bordeaux praktisch jedes Fahrzeug schnappen und damit nach Belieben in der riesigen Stadt umherkutschieren können. Kutschieren passt zumindest zum Teil, denn wer ein bisschen sucht, findet riesige 70er-Jahre-Karossen – deren Hubraum, aber leider auch Wendekreis ungefähr einem Güterzug entspricht. Alternativ können wir aber auch Kleinwagen oder manchmal Sportflitzer klauen.

Mit den Vehikeln fahren wir durch das riesige Stadtgebiet von New Bordeaux mit seinen heruntergekommenen Vierteln, den edlen Randbezirken, schönen Stadtparks entlang von Flüssen und ein paar Highways. Wir liefern uns Verfolgungsjagden mit der Polizei – was wir wesentlich einfacher als in GTA finden – und mit anderen Gangstern. Die Metropole ist meist schön in Szene gesetzt, kann aber nicht ganz mit Los Santos aus GTA 5 mithalten. Manchmal wirken die Proportionen in überbreiten Straßen nicht so stimmig, es gibt stellenweise seltsam detailarme Gebiete und längst kein so riesiges Umland. Trotzdem, sehenswert ist die Stadt schon!

Den Schwierigkeitsgrad können Spieler genauso wie die Zielaufschaltung in jeweils drei Stufen regeln, so dass wirklich jeder seine gewünschte Herausforderung finden sollte. Nervig finden wir das automatische Speichern, das stellenweise viel zu wenige Checkpoints kennt – mit etwas Pech müssen wir dadurch einen langen Abschnitt wiederholen.

Das kann auch deshalb durchaus mal passieren, weil die Steuerung in engen Stellen manchmal etwas hakt und das Programm uns ausgerechnet dann gern aus dem (gefühlten) Nichts heraus einen schwer bewaffneten Gangster in den Rücken stellt. Sonderlich clever stellen sich die Feinde übrigens sonst nicht an: Sie gehen zwar hinter Tischen oder Ähnlichem in Deckung – wie wir auch. Aber davon abgesehen scheinen sie meist nach der Devise "Frontangriff ist die beste Verteidigung" zu agieren, was natürlich kaum funktioniert.

Mafia 3 ist für Playstation 4, Xbox One und Windows-PC erhältlich, der Preis liegt je nach Plattform zwischen 40 und 60 Euro. Die deutsche Version enthält neben der sehr guten deutschen Sprachausgabe unter anderem auch die englische Tonspur; ein Wechsel der Sprache ist aber nur vor dem Start der Kampagne möglich. Online- oder Multiplayermodi gibt es nicht. Das Spiel hat von der USK eine Freigabe ab 18 Jahren bekommen. Besonders makaber wirken die sogenannten "Nahkampf-Überwältigungen" mit dem Kampfmesser – diese lassen sich in den Optionen auf eine etwas weniger brutale "Nicht tödlich"-Variante umstellen.

Fazit

Wer sich die weniger wilden Szenarios der beiden ersten Mafia-Spiele zurückwünscht, sollte dem dritten Teil eine Chance geben. Den Entwicklern ist es gelungen, trotz eines Umfelds von Vietnamkrieg und Rassenhass im rauen gesellschaftlichen und politischen Klima der späten 70er Jahre eine Welt zu schaffen, in der man sich gerne aufhält. Die schwarze Community und die verbündeten Gangsterkreise von New Bordeaux sind alles in allem sogar die vielleicht sympathischste "ehrenwerte Familie" der Serie.

Die Handlung mit ihren interessanten und facettenreichen Figuren – allen voran natürlich Lincoln Clay – ist die große Stärke von Mafia 3. Die Story bietet tolle Unterhaltung mit vielen Überraschungen und erzählt gleichzeitig auf glaubwürdige und auch für Europäer interessante Art von einer eher düsteren Epoche der US-Geschichte. Es wäre schön, wenn mehr Entwickler den Mut zu dieser Art von Serious Game hätten!

Abseits der Haupthandlung offenbart Mafia 3 aber auch einige Schwächen. Wer ein GTA im Mafia-Szenario erwartet, kommt wie bei den Vorgängern mangels spannender Nebenaufgaben nicht auf seine Kosten. Dezent genervt haben uns auch Fehlerchen wie die auf engem Raum manchmal hakelige Steuerung, die schlechte KI, das doofe Savegame-System und die stellenweise seltsam detailarme Grafik. Dennoch: Wer Spiele mit guter Handlung mag, sollte Mafia 3 ansteuern.


Relevante Themen