Männer und Frauen in der IT: Gibt es wirklich Chancengleichheit in Deutschland?
Wenn wir über Frauen in der IT schreiben, tauchen in unserem Forum einige Argumente immer wieder auf. Wir haben uns die häufigsten vorgenommen und hinterfragt : Stimmen sie?
Diesmal: Frauen haben exakt die gleichen Chancen, einen IT-Beruf zu ergreifen wie Männer. Es muss also an irgendwas anderem liegen, dass es nach wie vor so wenige tun.
TLDR: Auf dem Papier sind die Chancen tatsächlich gleich. Allerdings sind die Rollenbilder immer noch so stark, dass Frauen sehr viel häufiger soziale Berufe ergreifen als technische. Hinzu kommt, dass sie nach wie vor meist einen Großteil der Kindererziehung übernehmen.
Wenn es um den extremen Unterschied der Zahl von Frauen und von Männern in der IT-Branche geht, stellt sich die Frage, warum sie so unterschiedliche Berufe ergreifen, obwohl beide Geschlechter dieselben verbrieften Rechte wie Berufsfreiheit besitzen. In welchen Bereichen gibt es zwischen der theoretischen Chancengleichheit und der tatsächlichen Umsetzung noch deutliche Geschlechterunterschiede?
Zur Beantwortung der Frage hat Golem.de ausgewählte Statistiken zusammengefasst, um den aktuellen Stand der Gleichberechtigung zu verdeutlichen. Es zeigt sich, dass die unterschiedliche Berufswahl noch stark an den traditionellen geschlechtsspezifischen Mustern von Kindererziehung und Geldverdienen hängt.
Männer weniger in Pflegeberufen als Frauen
So entscheiden sich zum Beispiel Männer weniger für soziale Berufe als Frauen: In der schulischen Ausbildung zum Krankenpfleger lag der Männeranteil im Ausbildungsjahr 2017/2018 laut Statistischem Bundesamt(öffnet im neuen Fenster) bei 19 Prozent. Ein Grund für den geringen Männeranteil könnte die niedrige Bezahlung der Pflegeberufe darstellen.
Das Gehalt ist nämlich für Männer bei der Berufswahl wichtiger als für Frauen: Laut der Most-Wanted-Studie(öffnet im neuen Fenster) der Beratungsfirma McKinsey und des Karrierenetzwerks e-fellows.net zählen sich 24 Prozent der befragten Männer zur Gruppe der "Gehaltsorientierten" bei der Wahl des Berufes und des Arbeitgebers – aber nur 8 Prozent der Frauen.
Das ist auch eine Erklärung dafür, dass Frauen im Schnitt weniger verdienen als Männer. Sie entscheiden sich häufiger für geringer bezahlte Berufe. Etwa drei Viertel des bestehenden Gender Pay Gaps lassen sich auf strukturelle Ursachen wie die Berufswahl zurückführen, heißt es in einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung(öffnet im neuen Fenster) . 2018 verdiente eine Frau durchschnittlich 17,09 Euro brutto pro Stunde, während ein Mann 21,60 Euro mit nach Hause nahm.
Marcel Helbig, Professor für soziale Ungleichheit an der Humboldt-Universität zu Berlin sieht diesen Zustand als nicht wünschenswert an. "Wenn der Staat die Gleichheit fördern möchte, dann sollte er anfangen, die sozialen Berufe besser zu bezahlen – dann würden vermutlich mehr Männer ihn ergreifen und Frauen würden durch ihre Berufswahl nicht mit einem niedrigen Einkommen 'bestraft'," sagte Helbig Golem.de. Noch weniger als unter Krankenpflegern sind Männer im Erziehungsberuf vertreten – Kindergärtner sucht man fast vergebens, wie die Grafik unten zeigt.
(öffnet im neuen Fenster) Statista(öffnet im neuen Fenster)Eine Anfrage von Golem.de an das Familienministerium, warum es keine Förderprojekte für Männer in Erzieherberufen gibt, aber eine Quote für Frauen in DAX-Konzernen, beantwortete ein Sprecher wie folgt: "Der Sachverhalt ist in den beiden beschriebenen Fällen sehr unterschiedlich und kann nicht verglichen werden. Beim Thema Führungspositionen geht es darum, Frauen den Zugang zu den Positionen zu ermöglichen."
Gesetze für eine Männerquote in sozialen Berufen lägen vor dieser Legislaturperiode noch nicht vor. Dabei wäre es ein geeignetes Instrument, denn aufgrund der historischen Rolle der Frau für die "Care-Arbeit" in der Familie, trauen sich auch heute noch nur wenige Männer den Bereich der Pflege und Kindererziehung zu, wie die aktuellen Zahlen zeigen.
Kindererziehung keine Selbstverständlichkeit für Männer
Denn dass Männer annährend so viel Zeit mit ihren kleinen Kindern verbringen wie die Mütter, ist für viele Deutsche noch immer nicht selbstverständlich. Im Jahr 2018 beantragten nur 430.000 Väter Elterngeld(öffnet im neuen Fenster) gegenüber 1,4 Millionen Frauen.
Hier sei insbesondere der Arbeitgeber für mehr Gleichberechtigung gefragt. "Mit welchem Stundenumfang Väter erwerbstätig sind, entscheidet sich nicht allein im Aushandlungsprozess mit der Partnerin," sagen die Wissenschaftlerinnen Janine Bernhardt und Mareike Bünning vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung(öffnet im neuen Fenster) . "Der Betrieb ist ein weiterer zentraler Ort für die Verhandlung von Arrangements zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf." Dort entscheide sich, ob und mit welchen beruflichen Folgen Beschäftigte ihre Arbeitszeitwünsche umsetzen, schreiben Bernhardt und Bünning in ihrer Studie zu Arbeitszeiten von Vätern.
Demnach haben Väter oft zu viel Angst, ihre Vorgesetzten zu fragen, ob sie Elternzeit machen dürfen. "Dabei arbeiten Väter weniger, wenn sie in ihrem Betrieb klare Regelungen zur Vereinbarkeit wahrnehmen, die für alle Mitarbeiter gleichermaßen gelten und regelmäßig kommuniziert werden," so Bünning und Bernhardt.
Dass Mütter aufgrund der Stillzeit eine besondere Beziehung zu ihren Kindern aufbauen und deswegen der Mann dazu prädestiniert sei, die klassische Ernährerrolle zu übernehmen, sieht Michael Bockhorni von der Sozialgenossenschaft Väter Aktiv als überholt an. "Fakt ist, dass Väter ebenso wie Mütter eine intuitive Veranlagung haben, eine Beziehung von der Schwangerschaft über die Geburt zu ihrem Kind aufzubauen," sagte Bockhorni Golem.de.
"Das Bonding gleich nach der Geburt in den ersten Lebensmonaten ist besonders wichtig." Kleinkinder zeigten ihren Müttern und Vätern gegenüber das gleiche Bindungsverhalten, wenn beide aktive Bezugspersonen sind. "Die Annahme, dass das Erziehungsverhalten der Mutter stärker prägt als das des Vaters, lässt sich wissenschaftlich nicht mehr halten," sagt Bockhorni.
Weniger Frauen in Chefpositionen
So wie Frauen mehrheitlich die interne Koordination in ihrer Familie übernehmen, so übertragen nur wenige diese Aufgabe auch auf größere Menschengruppen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young(öffnet im neuen Fenster) vom Januar 2019 sind die Vorstände der meisten Unternehmen nach wie vor reine Männergremien: 67 Prozent sind ausschließlich mit Männern besetzt, insgesamt liegt der Anteil von Frauen bei mageren 8,6 Prozent aller DAX-Unternehmen.
Der geringe Frauenanteil hänge mit der Verteilung von Familien- und Berufsarbeit zusammen, kommentiert Ökonom Michael Schwartz diese Zahlen. "Ein ganz wesentlicher Punkt sind nach wie vor die oft fehlenden Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Denn Kinderbetreuung liegt noch immer meistens in den Händen der Frauen," sagt Schwartz. "Auch das trägt dazu bei, dass weniger Frauen in Chefsesseln sitzen."
Fazit
Die größte Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Deutschland liegt in der Verteilung von Care-Arbeit auf beruflicher wie familiärer Ebene. Wenn Frauen mehr Chefposten übernehmen und sich in ihrer Berufswahl nach einem höheren Einkommen orientieren und wenn Männer sich in soziale Berufe wagen und sich als selbstbewusste Väter sehen, steht der Gleichberechtigung nichts mehr im Wege – auch in IT-Berufen.



