Über männliche Naturwissenschaften und weibliche Sprachwissenschaften

Doch trotz durchschnittlich besserer Mathematiknoten ist die Anzahl der Mädchen in Technikfächern gering - in Ingenieurwesen, Informatik und Maschinenbau kommen auf vier Männer eine Frau. In den vergangenen 20 Jahren wurde viel über die Benachteiligung von Jungen in der Schule debattiert. Es hieß, Mädchen würden eher dem braven und fleißigen Typ gerecht, während Jungen mit Lautstärke und Bewegungsdrang eher den Unterricht störten. Weil in die Schulnote auch das Verhalten einfließt, galten sie, entsprechend sanktioniert, lange als Verlierer des Schulsystems. Ob diese Bildungsverlierer-Theorie Bestand hat, darüber sind sich Experten uneinig.

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Die Juniorprofessorin Carolin Schuster von der Leuphana Universität Lüneburg ist in ihrem jüngsten veröffentlichten Artikel der Frage nachgegangen, inwiefern sich das Geschlecht noch immer auf die Notengebung auswirkt. Sie hat dazu den aktuellen Stand der Forschung zusammengefasst. Beide Geschlechter werden von den stereotypen Rollenerwartungen in der Schule behindert, ist ihr Fazit: "In stereotyp weiblichen Fächern wie Sprachen bekommen Jungen schlechtere Noten als Mädchen, auch bei gleicher Leistung." Jungen wie Mädchen werden also gleichermaßen benachteiligt, wenn Lehrkräfte das Stereotyp von "männlichen" Naturwissenschaften und der "weiblichen" Sprachwissenschaften unbewusst in ihrem Notenverhalten berücksichtigen. "Insgesamt deuten die Ergebnisse aber darauf hin, dass Mädchen nach wie vor als weniger kompetent in Mathematik eingeschätzt werden", resümiert Schuster.

Da das oft stillere Verhalten von Mädchen mit den Schulregeln konform gehe, bekämen sie aber trotz schlechterer Leistung oft bessere Mathematiknoten als Jungen, schreibt Schuster. Um eine gerechte Notenvergabe zu garantieren, schlägt die Professorin unter anderem vor, Tests anonymisiert schreiben zu lassen, damit weibliche oder männliche Schülernamen keine unbewussten Vorurteile in Lehrkräften auslösen.

Dem weit verbreiteten Vorwurf, dass Jungen im Kindergarten und der Grundschule vom vorwiegend weiblichen Lehrpersonal diskriminiert würden und deswegen schlechtere Noten bekämen, kann Marcel Helbig, Sonderprofessor für Bildung und soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt, nichts abgewinnen. Er hat 2015 in einer Meta-Studie untersucht, ob das Geschlecht des Lehrpersonals mit besseren Noten von Schülern mit dem gleichen Geschlecht korreliert - und keinen Zusammenhang gefunden.

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Für die Meta-Studie wurden 42 Studien mit Daten zu 2,4 Millionen Schülerinnen und Schülern aus 41 Ländern aus acht Jahrzehnten herangezogen. "Gleichgeschlechtliche Lehrkräfte haben keinen förderlicheren Einfluss auf die Kompetenzen von Jungen und Mädchen, vergeben keine besseren Noten an gleichgeschlechtliche SchülerInnen und empfehlen diese nicht häufiger auf höhere Schulformen", lautet das Ergebnis der Studie.

Für den schlechteren Notenspiegel von Jungen sieht Helbig eine andere Ursache. "Jungen sind schlicht und ergreifend fauler in der Schule, weil sie durch die vielen männlichen Vorbilder in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft glauben, sie müssten sich nicht mehr anstrengen und es falle ihnen alles in den Schoß. Mädchen hingegen wissen, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, deswegen bemühen sie sich mehr in der Schule und haben deswegen bessere Noten", sagte Helbig Golem.de.

Technikjournalistin Emily Chang hat für ihr Buch Brotopia eine große Anzahl Entwicklerinnen aus dem Silicon Valley gefragt, was aus deren Sicht der Grund für die wenigen weiblichen Angestellten in Tech-Unternehmen ist. Viele Entwicklerinnen erzählten ihr, dass sie sich als einzige Frau inmitten lauter männlicher Programmierer unwohl fühlten. Je mehr weibliche Entwicklerinnen ein Unternehmen hätte, desto mehr weitere Frauen würden sich auf Positionen bewerben, glauben sie.

Das Phänomen hat auch Informatiklehrer Urs Lautebach erkannt. Er beobachtet, dass sich die Mädchen, wenn sie den Leistungskurs Informatik wählen, oftmals absprechen. "Eine Frau alleine möchte nicht im Kurs voller Jungen sitzen. Sie kommen dann entweder gar nicht oder in einer Mädchengruppe." Deswegen plädiert der Sprecher des Verbands für Informatiklehrer für ein Pflichtfach Informatik, das nicht abgewählt werden kann, und hofft dabei auf einen "Mathe-Effekt". Denn für das Studium in Mathematik mit dem vorangegangen Schulpflichtfach Mathe entscheiden sich fast genauso viele Frauen wie Männer.

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