MacOS 26 Tahoe im ersten Check: Passt, wobbelt und hat Luft

Wenn Tim Cook, Craig Federighi und andere Apple-Manager auf der alljährlichen WWDC-Keynote loslegen, sind drei Dinge sicher: Es wird reihenweise Superlative geben. Kleine Änderungen werden als Neuerfindung des Rades gefeiert – und im Herbst bekommt eine Reihe von Altgeräten kein neues MacOS mehr.
Auch in diesem Jahr hat Apple die Fans in dieser Hinsicht bisher nicht enttäuscht: Das Intel-Zeitalter neigt sich dem Ende zu. Doch im Hinblick auf das Design des Mac-Betriebssystems gibt es tatsächlich eine große und mutige Neuerung: das Liquid-Glass-Design.
Die Präsentation auf der Keynote zeigte Transparenz allerorten und quietschbunte Icons, so dass noch während der Veranstaltung auf Social Media über die Wiedergeburt von Windows Vista geunkt wurde. Tatsächlich ruft das radikale Redesign aller Apple-Softwareprodukte auf den ersten Blick Assoziationen mit Microsofts unrühmlichen Betriebssystemen Vista, Windows 7 und Microsofts Aero-Glass-Versuchen hervor.
Das war es dann aber auch zum Glück schon mit den Gemeinsamkeiten zu einem fast 20 Jahre alten Windows: Es sieht nämlich deutlich besser aus. Nach der Installation der Developer-Beta auf dem Mac wird deutlich, dass Apple mit dem Redesign keineswegs zu tief ins Liquid Glass geschaut hat, zumindest nicht auf dem Mac.
Das mag am größeren Bildschirm liegen, Liquid Glass hat auf dem Mac Platz. Unter iOS und iPadOS ist die neue Optik (noch) bei Weitem nicht so hübsch anzusehen. Auf den Mobilsystemen ist Kritik also durchaus berechtigt.
Ist man bei Apple nicht aus dem Alter raus?
Doch was ist Liquid Glass überhaupt? Apple schreibt in einer umfangreichen Pressemitteilung(öffnet im neuen Fenster) : "Es basiert auf (...) einem neuen Material mit Transparenzeigenschaften und Umgebungsreflexion. Es verändert sich dynamisch, um Inhalte stärker zur Geltung zu bringen, und macht Steuerelemente, Navigation, App Symbole, Widgets und mehr viel lebendiger."






Kurz gefasst: MacOS 26 liefert Eye Candy. Dabei war man in Cupertino doch längst aus dem Alter dafür heraus, oder?
Wie Gelatine oder Götterspeise
Tatsächlich fühlt sich das flüssige Glas eher wie Gelatine oder Götterspeise an: Überall wobbelt es ein bisschen. Es gibt zahllose durchscheinende Elemente und Transparenzen wie farblose Gummibärchen.
Wird zum Beispiel das Kontrollzentrum geöffnet, erscheinen dahinterliegende Elemente nun durch wie ein gekochtes Ei in Aspik. Schlimm? Keinesfalls: Die Icons sind wieder schön bunt, Bedienelemente wurden abgerundet und teils deutlich vergrößert, befinden sich aber auch unter MacOS 26 Tahoe dort, wo man sie am Mac gewohnt ist.
Designwechseloption: In den meisten Fällen zum Fürchten
Nicht gewohnt, weil nagelneu ist die Option, das MacOS-Design zu wechseln. Bislang war Apple diesbezüglich sehr strikt, selbst Drittanbieter-Apps wie Flavours(öffnet im neuen Fenster) wurde schon vor Jahren der Hahn abgedreht. Nun bringt Apple auf dem Umweg der Liquid-Glass-Oberfläche eigene Möglichkeiten, das System an den persönlichen Geschmack anzupassen.
Mittels der neuen Option Symbol- und Widget-Stil in den Erscheinungsbildeinstellungen können User jetzt alle Icons im Dock und auf dem Desktop auf einen Schlag entfärben (Löschen) oder farbig durchsichtig machen, und das mit einer beliebigen Farbe. Das kann sehr gut aussehen, setzt aber voraus, dass Nutzer einen Hauch Designgefühl haben und das Hintergrundbild passt.






Andernfalls sehen die durchsichtigen und gefärbten Icons nämlich eher zum Fürchten aus. Zum Glück stehen die Einstellungen ab Werk auf Standard: MacOS sieht also zunächst aus wie gehabt.
Flott und flüssig
Geht so viel optische Spielerei auf die Systemlast? Hat Apple etwa Liquid Glass als Maßnahme zur Verlangsamung des gar zu flotten M-Prozessor-Bestandes eingeführt? Tatsächlich dürfte es eher umgekehrt sein: Die hocheffiziente Apple-Silicon-Prozessorarchitektur erlaubt derartige Spielereien, ohne die Performance allzu negativ zu beeinflussen.
Die Tahoe-Entwickler-Beta – die an vielen Stellen noch nicht optimal läuft – ist selbst auf einem mickrigen M1-Basis-Mac ausreichend flott und solide. Sind die üblichen Scan-Prozesse nach dem Update erst einmal durchgelaufen, arbeiten selbst ältere M1-Macs mit einem entspannten Prozent Grundlast vor sich hin: Viel Performance kostet MacOS 26 Tahoe also nicht.
Deutliche Verbesserung der Systemsuche
Neben der umstrittenen neuen Designphilosophie hat MacOS 26 aber auch unter der Haube einiges zu bieten – zuvorderst wohl die überarbeitete Spotlight-Suchfunktion: Die Systemsuche Spotlight wurde schon seit 2004 mit Mac OS X 10.4 eingeführt, aber seither kaum verbessert.
Nun greift Apple Ideen von Produktivitäts-Apps wie Alfred(öffnet im neuen Fenster) oder Raycast(öffnet im neuen Fenster) auf und macht die Suche deutlich praktischer: Einfache Filter helfen, Dateien von Fotos, PDFs, Apps oder Websites zu trennen, zudem durchsucht es jetzt auch Cloudspeicher jenseits der iCloud.
Ebenfalls an die Produktivitäts-Apps angelehnt ist die Möglichkeit, direkt aus Spotlight Aktionen zu starten, etwa einen Kalendereintrag anzulegen, eine Nachricht zu senden, eine Notiz zu bearbeiten und vieles mehr. Mittels sogenannter Quick-Keys können häufig verwendete Aktionen innerhalb von Spotlight mit einer Tastenkombi aufgerufen werden.






Schnell eine Nachricht senden? Kein Problem: (cmd)+(Space) für Spotlight, (n)+(s) drücken, Empfänger eingeben, Nachricht schreiben. Das klappt sogar innerhalb von Drittanbieter-Apps, sofern die Entwickler Apples API nutzen. Gerade häufige Workflows werden auf diese Weise deutlich beschleunigt.
Spotlight wird mit Tahoe auch um einen sehr rudimentären Clipboard-Manager ergänzt: Inhalte der Zwischenablage werden (nach Opt-in) gesichert und können bei Bedarf abgerufen werden. Das ist im Alltag sehr praktisch, um verlorenen Zwischenablageinhalten vorzubeugen. Für Power-User ist die Funktion aber zu umständlich. Für vollumfängliche Clipboard-Manager-Apps wie Maccy(öffnet im neuen Fenster) oder Pastebar(öffnet im neuen Fenster) besteht also derzeit noch keine Gefahr.
Neue System-Apps: Telefon, Games und Journal
Wirkliche Neuerungen gibt es sonst nur wenige: Das neue MacOS 26 Tahoe besitzt zwei neue Apps: Telefon und Games. Während die Telefon-App ein Klon der entsprechenden App auf dem iPhone ist und es endlich ermöglicht, nahtlos vom Mac aus Telefonate über das iPhone zu führen, ist die Games-App eine deutliche Verbesserung des althergebrachten Game-Centers, dessen Funktion mangels passender Spiele auf dem Mac eher rudimentär war: Sie speicherte zentral Spielfortschritte und erlaubte Multiplayer-Games.
Dass Apple die App jetzt überarbeitet, hat einen erfreulichen Hintergrund: Immer mehr Triple-A-Titel erscheinen für die Mac-Plattform. Apples Game-Porting-Toolkit dürfte hier einen großen Beitrag geleistet haben. Zudem ist dank Apple Silicon und der in Tahoe integrierten Metal-4-Grafikschnittstelle die Leistungsfähigkeit selbst von Basis-Macs inzwischen für moderne Spiele ausreichend. Weil die Mac-Plattform immer beliebter wird, wird Gaming am Mac auch für die Studios wieder interessanter.
Die Games-App schafft hier eine zentrale Anlaufstelle für Spielstände, Multiplayer-Spiele und nicht zuletzt Apples Spiele-Abo-Service Apple Arcade. Schön gelöst ist dabei eine neue Funktion namens Game Overlay: Sie integriert Systemfunktionen innerhalb von Spielen, Anwender können dadurch im Spiel Systemeinstellungen anpassen oder Chats aufrufen, wobei die Funktion immer gleich ist.
Das ist praktisch und belegt, dass Apple offensichtlich verstanden hat, dass hochwertige Spiele ein Plattformvorteil sein können. Leider zeigt die Games-App in der Developer-Beta noch einige Fehler.






Nicht neu, aber neu für den Mac ist zudem die Journal-App, eine Tagebuchsoftware, die ab sofort zum Lieferumfang von MacOS, iPadOS und iOS gehört: Diese tief in die Mac-Systemapps wie Fotos, Kalender und Musik integrierte Journaling-App erlaubt das einfache und effiziente Erstellen von Tagebüchern. Das ist ein hübsches Extra, denn entsprechende Drittanbieter-Apps sind üblicherweise teuer oder werden schlecht gepflegt.
Evolution statt Revolution
Ansonsten hält sich MacOS 26 mit wirklichen Neuheiten zurück, stattdessen wurde der bestehende Bestand von Software überarbeitet: Der ungeliebte Safari-Browser soll laut Apple 50 Prozent schneller als Chrome sein und dabei die Batterielaufzeit optimieren.
Tatsächlich ist Safari schon länger deutlich ressourcenschonender als Drittanbieterbrowser, doch leider bleibt der Browser funktional nach wie vor hinter der Konkurrenz zurück: Safari hat seine Liebhaber, doch wer ihn nicht mag, wird aufgrund dieser Verbesserungen kaum wechseln.
Apple Intelligence: Derzeit nur eine Randnotiz
Viele der anderen Optimierungen betreffen eher irrelevante Features in den System-Apps. Nett ist das Passwort-Archiv in der Passwörter-App, deutlich wichtiger im Alltag ist aber die lange vermisste Markdown-Funktion in der beliebten Notizen-App: Vorhandene Notizen können in Tahoe (wie auch in iOS und iPadOS 26) ganz einfach als Markdown importiert oder exportiert werden.
Dadurch wird der Austausch von Notizen mit Drittanbieterschreibtools wie iA Writer oder vielen Blogsystemen wie Wordpress deutlich erleichtert. Ähnlich sinnvolle Detailverbesserungen sind auch in der Nachrichten-, Facetime- und Fotos-App zu finden – gut, aber nicht entscheidend.
Aber Moment, irgendetwas war da doch noch? Ach ja: die KI. Nachdem Apple die erste Welle des KI-Hypes verschlafen hatte, um dann 2024 Apple Intelligence samt neuem Siri anzukündigen, hielt sich der Konzern diesbezüglich 2025 bisher doch sehr zurück.
Apple Intelligence ist nach wie vor eher der Dorftrottel unter den LLMs und das neue Siri wurde erst kürzlich auf 2026 verschoben. Man steckt bei Apple diesbezüglich also in der Klemme, gibt das aber nicht wirklich zu.
In einem Interview bei der WWDC gab Apples Senior Vice President für Softwareentwicklung, Craig Federighi, sogar zu (öffnet im neuen Fenster) , dass die Ursache strategische Fehlentscheidungen waren. Doch keine Sorge: Apple Intelligence ist auch bei MacOS 26 Tahoe dabei, auf die gleiche bemitleidenswerte Weise wie in MacOS 15 Sequoia.
Fazit: Ein solides Upgrade
Das neue MacOS 26 Tahoe ist ein recht entspanntes MacOS-Upgrade und keinesfalls ein neues Windows Vista: Es läuft bereits in der Developer-Beta rund und verbessert das System und die mitgelieferten Apps an vielen Stellen deutlich.
Die Liquid-Glass-Oberfläche sieht auf dem Mac tatsächlich weitgehend gut aus und erinnert an eine modernisierte Fassung der klassischen Aqua-Oberfläche der Nullerjahre – solange man nur die Finger von den Designoptionen lässt. Die Spotlight-Überarbeitung gibt dem Mac-System an zentraler Stelle einen deutlichen Mehrwert und dürfte vielen Usern Drittanbieter-Apps sparen.



