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MacOS 10.12 im Test: Sierra - Schreck mit System

Apple auf der Suche nach Neuerungen: MacOS Sierra soll davon viele bieten. Doch im Test waren wir überrascht, wie weit die deutsche Siri noch von den praktischen Einsatzszenarien entfernt ist und geschockt, was neue Dateifunktionen auf dem Rechner anrichten.
/ Andreas Sebayang
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Sierra bietet vor allem den Sprachassistenten Siri als Neuerung. (Bild: Screenshot Golem.de)
Sierra bietet vor allem den Sprachassistenten Siri als Neuerung. Bild: Screenshot Golem.de

Auch 2016 bringt Apple ein kostenloses Update für das Mac-Betriebssystem. MacOS 10.12 alias Sierra ist der Nachfolger von El Capitan, das noch als OS X 10.11 vermarktet wurde. Und dieses System bringt vor allem eines auf den Mac: den Sprachassistenten Siri. Wer sich die Ankündigung angesehen hat(öffnet im neuen Fenster) , der wird sich vielleicht schon gewundert haben, denn außer Siri gibt es fast nichts Neues. Siri soll dafür dem Mac laut Apple zu großartigen Möglichkeiten verhelfen. Um schon einmal vorzugreifen: Ob das gelingt, hängt stark von der Landeseinstellung ab.

Die anderen Neuerungen sind eher Spezialitäten, die kaum einen Anwender betreffen werden. Dazu gehört etwa das Entsperren des Macs mit der Apple Watch – einem ziemlich teuren Zubehör für den Mac. Diese Funktion konnten wir trotz deutscher Apple ID nicht testen. Dafür ist eine Zwei-Faktor-Authentifizierung nötig, die nicht aktivierbar war. Andere Neuerungen klingen erst einmal gut. Dazu gehören neue Möglichkeiten mit Tabs, Speichermanagement und Erweiterungen der iCloud.

MacOS bringt zudem einige Neuerungen, die wir in diesem Test noch nicht beurteilen können. Sie sind vor allem für Entwickler interessant. Zu diesen Funktionen gehören auch die Apple-Pay-Unterstützung, die Verwendung von neuen Smart-Card-Erweiterungen und das neue Apple File System, das mit Sierra als Vorschau bereitsteht. Außerdem liegt das Game Center jetzt in der Verantwortung der Entwickler, die App wurde entfernt. Apple unterstützt mit Sierra nicht mehr das Dateisystem HFS(öffnet im neuen Fenster) und auch einige Verschlüsselungsverfahren sind verschwunden .

Neues Namensschema

Mit Sierra wechselt Apple das Namensschema des neu entwickelten MacOS X. Zur Anfangszeit hieß es zunächst Mac OS X. Mit der Version 10.8 wurde es in OS X umbenannt und 2016 folgt die nächste Namensänderung in MacOS. Rein formal müsste damit für Drittherstellersoftware gelten, dass diese Mac OS X, OS X und MacOS unterstützt. Der Vereinfachung wegen nennen wir jedoch nur den aktuellen Namen des Betriebssystems.

Apple MacOS (WWDC 2016)
Apple MacOS (WWDC 2016) (14:46)

Getestet haben wir das Build 16A322, das sogenannte Gold Master, auf einem Macbook 12 aus dem Jahr 2015. Das ist vergleichsweise schwache Hardware, da im Inneren nur ein passiv gekühlter Core M steckt. Auffallende Leistungsprobleme haben wir auf diesem System nicht erkannt. Wer sich Sorgen um zusätzlichen Speicherplatz macht, den können wir auch beruhigen: Nachdem sich die Installationsroutine selbst entfernt hat, war keine Veränderung festzustellen.

Aufgeben mit Siri oder: die mangelnde Reife eines jungen Sprachassistenten

Wer MacOS frisch installiert hat, dem fallen vor allem zwei Dinge auf: Das Hintergrundbild wurde geändert und im Dock findet sich ein Symbol für den Sprachassistenten Siri. Ein Klick darauf aktiviert das Mikrofon und der Anwender kann lossprechen. Auch in der Menubar oben rechts findet sich das Symbol. Praktischer ist allerdings unserer Erfahrung nach der Tastaturbefehl Command+Leertaste. Der ist damit derselbe wie für die Spotlightsuche, man muss aber etwas länger gedrückt halten. Auf "Hey Siri"-Rufe, wie unter iOS, reagiert der Assistent nicht. Es gibt aber einen Workaround über die Benutzbarkeitseinstellungen(öffnet im neuen Fenster) .


Wer Siri nutzt, der hat verschiedene Stimmen zur Auswahl. Im Deutschen gibt es beispielsweise eine Frauen- und eine Männerstimme. Im Englischen ist die Auswahl etwas größer. So gibt es die Möglichkeit, Siri auch mit einer australischen, irischen oder südafrikanischen Stimme zu nutzen. Interessanterweise sind die Spracheinstellungen in Siri unabhängig von der Betriebssystemsprache. Wir können in den Systemeinstellungen einfach zwischen Englisch, Deutsch oder Französisch hin- und herschalten – und das ohne die unter MacOS sonst übliche notwendige Zeit für den Wechsel der Systemsprache. Daran zeigt sich, dass Siri recht unabhängig vom Betriebssystem ist.

Das wird auch bei den allgemeinen Einstellungen für die Sprachausgabe deutlich. Uns wunderte zunächst, warum keine der von uns bekannten MacOS-Stimmen von Siri verwendet wird. Tatsächlich haben die teilweise sehr angenehmen Systemstimmen nichts mit Siri zu tun. Wer sich die Zeit ansagen lässt, hört eine andere Stimme als derjenige, der sich von Siri eine Geschichte vorlesen lässt. Denn alle Betriebssystemansagen werden weiterhin von der Systemstimme gesprochen, die sich getrennt auswählen lässt.

Allgemein lässt sich sagen, dass die Art und Weise, wie Siri unter MacOS Texte vorliest, besser ist als die Vorlesefunktion der Systemstimme. Diese herunterladbaren Stimmen klingen hier zu künstlich, vor allem beim Vorlesen.

Die deutsche Siri versteht kaum Englisch

Was wir schon auf dem iPhone 4S vor fünf Jahren kritisierten , gilt leider auch für Siri auf dem Mac: Sobald der Anwender englische Begriffe nutzt, wird es schwer. Unser Lieblingsbeispiel bleibt die Künstlerin Alanis Morissette. Diesen Namen der deutschen Siri verständlich zu machen, bleibt schwierig. Der Nutzer muss ihn praktisch so aussprechen, wie er auf Deutsch gelesen würde: aːlaːnis moRisəttə. Manchmal wird dennoch Musik von Blake Shelton gestartet. Bei anderen wird es noch schwerer. Die neuseeländische Künstlerin Gin Wigmore findet Siri gar nicht, obwohl sie in unserer Bibliothek ist.

Es gibt allerdings ein paar Ausnahmen. Red Hot Chili Peppers versteht der Sprachassistent beispielsweise genauso wie Taylor Swift und Fleetwood Mac. Dass mitunter interpoliert wird, erkennen wir bei dem Versuch, Stücke von Kendrick Lamar abzuspielen. Dass das funktioniert, liegt daran, dass Siri den Vornamen versteht und sonst nichts Passendes in der Datenbank vorhanden ist.

Wird die Datenbank jedoch größer, werden auch die Ergebnisse schlechter. Nahezu unbrauchbar wird Siri bei Musik, wenn der Nutzer ein Apple-Music-Abo hat. Was da teilweise an Liedern abgespielt wird, ist erstaunlich. Hier empfiehlt es sich, den Song möglichst präzise zu nennen, also sowohl den Titel als auch den Künstler. Schon die Suche nach Songs von Rihanna kann dazu führen, dass der Nutzer Songs über Rihanna abgespielt bekommt. Wir haben für diesen Fall auf die englische Sprache umgestellt, denn die Ergebnisse sind auf Deutsch zu frustrierend. In der englischen Version braucht der Nutzer dafür gar nicht erst zu versuchen, Lieder von Wir sind Helden abzuspielen. Das geht nämlich auch nicht.

Die deutsche Siri kann nur wenig

Doch mit Siri lässt sich nicht nur Musik steuern. Sie soll auch Spotlight-Ergebnisse ermöglichen. Suchen wir mit Spotlight etwa einen Text, reicht es in unserem Fall, "WatchOS Test" einzutippen, um eine entsprechend benannte Pages-Datei zu finden. Mit Siri wird das im Deutschen erstaunlich kompliziert: Siri versteht uns nicht. "Finde WatchOS Test" zeigt nur Ergebnisse einer Websuche, die Spotlight gar nicht anzeigen würde. Man erkennt also unterschiedliche Suchstrategien.

Bei "Finde das Dokument WatchOS Test" bemängelt Siri, dass es keine Ordner zu "Dokument" findet. "Finde die Datei WatchOS Test" geht auch nicht, da es den Ordner "Datei" nicht gibt. Dabei versteht uns Siri übrigens sehr gut. Nur was ein Dokument oder eine Datei ist, das weiß Siri einfach nicht. Erst "Finde die Pages-Datei WatchOS Test" sorgt für das gewünschte Resultat.

File und Document kennt Siri

Nach dem erneut frustrierenden Erlebnis wollen wir wissen, ob es sich um ein allgemeines Problem des Sprachassistenten handelt. Tatsächlich gilt das für das Auffinden von "WatchOS Test" auch in der englischen Sprache. Alle anderen drei Szenarien funktionieren hingegen anstandslos, egal ob wir ein File suchen, ein Dokument oder ein Pages File. Es ist also kein grundsätzliches Problem des Assistenten, sondern eines der Lokalisierung. Nicht nur bei der Musik empfiehlt sich Siri in der englischen Einstellung, sondern auch beim Suchen.


Bei den Währungen muss der Anwender ebenfalls aufpassen. Im Englischen darf er etwa fragen, was 10.000 Koreanische Won sind. Im Deutschen ist es zwingend notwendig, diese als Südkoreanische Won zu bezeichnen. Mit solchen Diskrepanzen muss der Anwender rechnen. Und das geht so weiter. Laut der deutschen Siri ist Südkorea beispielsweise 100.284 Quadratkilometer groß. Der englische Assistent behauptet hingegen, 98.480 sei der richtige Wert. Letzteres basiert auf Wolfram Alpha, der deutsche Wert ist der deutschen Wikipedia entnommen.

Für uns ist das völlig unverständlich, dass in solchen Bereichen landesabhängig unterschiedliche Quellen verwendet werden. Es ist aber nichts Neues. Apple Maps arbeitet ähnlich. Außerhalb Chinas sind beispielsweise von Apple chinesische U-Bahn-Systeme gesperrt und in China war das Kartenmaterial von Berlin nur noch sehr grob.

Siri und ein Flughafen

Dazu kommen praktische Probleme, die uns bei der Routenplanung in Seoul auffielen. Es gelang uns nicht, eine Route zum Flughafen Seoul Incheon zu finden. Sowohl im Deutschen als auch im Englischen wird der Flughafen Gimpo vorgeschlagen. Egal, ob wir Incheon sagen, den IATA-Code ICN oder den ICAO-Code RKSI: Offenbar kennt Siri nur den kleinen Flughafen Gimpo. Der Assistent folgert kontextbasiert, dass man zu einem Flughafen möchte und Gimpo liegt in der Innenstadt. Einer der größten Flughäfen auf unserem Planeten wird hingegen ignoriert, weil er zu weit weg ist.

Solche Schnitzer bei der Verwendung von Daten fallen in der praktischen Nutzung immer wieder auf. Nur am Rande wollen wir erwähnen, dass die Navigation mit Siri im Ausland nahezu unbrauchbar ist. Damit unterscheidet sich der Sprachassistent von der Schriftfassung. Für die meisten Länder gilt: Eine Textsuche führt meist zu einem brauchbaren Ergebnis.

Siri lieber auf Englisch nutzen

Allgemein sind die Ergebnisse der englischen Siri praxisgerechter als die der deutschen Variante. Bei einem Erstprodukt eines US-Konzerns würde uns das nicht wundern. Doch über die Jahre sind offenbar zu wenige Verbesserungen integriert worden, um Siri zu einer Desktop-App zu machen. Insbesondere in der deutschen Einstellung macht der Assistent keinen Spaß, und dabei haben wir das System nur ein paar Stunden auf Auffälligkeiten getestet.

Es gelten größtenteils noch immer die Kritikpunkte, die wir in unserem iPhone-4S-Test bemängelten . Den notwendigen Reifegrad hat Siri noch lange nicht erreicht, um von einem iPhone-Gimmick zu einer echten Desktop-Hilfe zu werden. Damit deckt sich unsere Siri-Erfahrung auf dem Mac mit der des iPhones. Der Anwender muss die Schwächen von Siri genau kennen, um damit halbwegs arbeiten zu können. Da sind wir mit einer Spotlight-Suche sehr viel schneller.

Die Nicht-Neuerungen mit iCloud

Mit Sierra legt Apple nochmals den Fokus auf Apples iCloud und verkauft einiges als Neuerungen, was unserer Meinung nach kaum so genannt werden darf. Es sind allenfalls Erweiterungen bestehender Funktionen. So speichert Sierra auf Wunsch sämtliche Dokumente im Ordner Dokumente und Desktop in der iCloud. Es ist aber nur eine simple Synchronisationsfunktion, die auch vorher schon nutzbar war, wenn der Anwender einfach bestimmte iCloud-Ordner in der Praxis verwendete. Die neue Funktion nimmt ihm nur etwas Konfiguration und Disziplin ab, die richtigen Ordner zu nutzen – durchaus praktisch, wenn der Nutzer verschiedene Geräte verwendet, aber keineswegs neu. Apples iWork arbeitet so bereits im Prinzip mit dem standardmäßigen Speichern in der iCloud.


Die Synchronisation von Dokumenten und dem Desktop ist glücklicherweise nur eine Option. Wer das nicht möchte, der kann seine Dokumente weiterhin lokal vorhalten. Wer die Funktion aktiviert hat und sich umentscheiden will, sollte beim Deaktivieren allerdings aufpassen. Danach verschwinden sämtliche Dokumente vom lokalen Desktop und aus dem lokalen Dokumentenordner. Zwar bleiben die Dateien auch irgendwo lokal gespeichert und damit für Anwendungen erst einmal verfügbar, der Anwender weiß aber nicht genau, wo und wie lange.

Das wird von Apple so auch angekündigt. Dem Unternehmen ist also bewusst, was es da anrichtet. Wir halten das für völlig unnötig. Warum bleibt die Kopie nicht einfach erhalten? Dass sie gelöscht wird, widerspricht dem Wunsch des Anwenders, seine Dateien an dem Ort zu haben, wo er sie zuvor hatte. Um das zu erreichen, muss der Anwender die Datei umständlich aus dem iCloud Drive kopieren.

Speicherplatz in der iCloud statt auf der SSD

Mit der iCloud will Apple optional noch etwas anderes ermöglichen: Speicherplatz sparen. Bestimmte Dokumente sollen bei seltener Benutzung nur online verfügbar sein. Das kann separat aktiviert werden. Die Dokumentation seitens Apple ist jedoch lückenhaft. Was passiert mit Dateien, die wir online verändern, aber lange nicht verwenden? Gelten sie wieder als aktuell, werden auf den Mac zurückgespielt und sind dann Teil des Time-Machine-Backups? Ab wann wird Speicher gespart, nach Wochen oder Monaten? In unseren ersten Tests sahen wir keine Auswirkungen, insbesondere da das iCloud Drive vollständig zwischengespeichert wird. Wir vermuten, dass es Wochen bis Monate dauert, bis sich das abschließend beurteilen lässt.

Parallel dazu gibt es noch eine Funktion zur Verwaltung des Speicherplatzes. Sie soll unnötige Dateien schnell auffindbar machen. In diesem Tool werden beispielsweise besonders große Dateien aufgelistet. Aber Obacht! Wer in diesem Aufräumwerkzeug Dateien löscht, umgeht den Papierkorb aus einem für uns nicht nachvollziehbaren Grund. Ein dort gelöschtes Programm ist sofort und unwiederbringlich weg.

Interessanterweise ist auch das eine Designentscheidung seitens Apple, der Anwender wird gewarnt. Das sofortige Löschen gilt auch für Dokumente, Videos, Fotos oder die separat aufgeführten Backups von iOS-Geräten. Wir raten dringend davon ab, sich an die Funktion zu gewöhnen, da eine Fehlbedienung viel zu drastische Auswirkungen hat. Wer ein wenig Überblick über seine Dateien hat, kann fast genauso schnell mit dem Dateimanager aufräumen.

Eine weitere Neuerung zum Speicherplatzsparen ist das automatische Löschen des Papierkorbs nach 30 Tagen. Wir finden die Option unnötig. Zudem zeigt der Mülleimer auch separat gelöschte Dokumente in der iCloud an. Wer diese nur selten nutzt und eine Weile offline war, merkt nicht so schnell, dass er dort Dokumente gelöscht hat, insbesondere, wenn er eine Weile keinen Zugang zu seinen Daten hatte. Das gilt zwar auch lokal, wenn der Rechner lange nicht eingeschaltet wurde, doch weit weg gespeicherte Dateien sind für den Anwender noch einmal etwas anderes. Die automatische Löschung des Papierkorbs ist glücklicherweise nicht als Standard gesetzt und wir würden sie auch nicht aktivieren. Wer die Funktion nutzen möchte, wartet lieber ab, bis es erste Erfahrungsberichte in einigen Wochen gibt. Aus unserer Erfahrung spricht aber einiges dafür, vor dem Löschen des Papierkorbs lieber doch noch einmal hineinzuschauen.

Sämtliche iCloud- und Aufräumfunktionen hinterlassen bei uns damit ein sehr ungutes Gefühl. Dateien verschwinden, wenn sich der Anwender nachträglich gegen die Cloud-Integration entscheidet, und das als Designentscheidung. Das schockiert uns regelrecht. Dazu ein Aufräumwerkzeug, das keine Fehlbedienung zulässt. Ein Klick, und eine Datei ist für immer verloren, außer man hat ans Backup gedacht. Dazu kommt die nicht vorhandene Transparenz zu den Funktionen. Ab wann gilt eine Datei als zu alt, um sie noch lokal vorzuhalten? Wir wissen es nicht und über das Betriebssystem erfährt der typische Anwender es auch nicht.

Vermutlich sind die Informationen über die Entwicklerdokumentation ersichtlich, doch von einem Anwender kann dies wohl nicht erwartet werden.

Copy & Paste über Gerätegrenzen und die Tabs

Eigentlich sollte Sierra Anwendern auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Zwischenablage ihrer Geräte bieten. Bedingung dafür ist, dass alle Geräte dieselbe Apple ID nutzen. Das ist bei uns der Fall und Handoff funktioniert beispielsweise. Doch Copy & Paste klappt nicht zwischen einem iPhone 6 und dem Mac. Hier gibt es anscheinend noch einige Bugs. Während das iPhone gar nichts vom Mac übernimmt, fällt bei der Benutzung des Macs auf, dass beim Aufrufen des Kontextmenüs Pages 15 Sekunden lang unbenutzbar wurde, wenn auf einem iPhone gerade ein Textteil kopiert wurde. Mit anderen Worten: Der Mac merkt sofort, dass der Anwender auf dem iPhone etwas kopiert hat, wartet, und im Anschluss wird doch nur aus der Mac-Zwischenablage kopiert. Wie gehabt sind die Möglichkeiten der Fehlersuche in der Apple-Welt in Verbindung mit Problemen mit Apple-IDs mangelhaft. Wir wüssten gar nicht, wo wir anfangen sollten.

Tabs in den "meisten" Apps

Wer auf Sierra aktualisiert, dem verspricht Apple automatisch eine Tab-Unterstützung bei den meisten Apps. Zum Beispiel soll dies mit Pages sofort funktionieren. "Aktualisiere einfach auf macOS Sierra und schon sind deine Apps bereit. Wechsle schnell zwischen mehreren Pages Dokumenten im Vollbildmodus" , heißt es zu der Tab-Unterstützung. Gleichzeitig soll es genauso funktionieren wie in Safari. Für Pages-Nutzer empfiehlt es sich, zuerst die Tab-Leiste zu aktivieren. Der von Safari bekannte Command+T wird jedoch nicht zum Erstellen von neuen Tabs verwendet. Dieser Kurzbefehl bringt wie gehabt die Font-Unterstützung hervor. Stattdessen muss in Pages Command+N gedrückt werden, dann erscheint ein neues Fenster zur Vorlagenauswahl. Nachdem der Anwender sich entschieden hat, wird dieses eigene Fenster zu einem Nachbar-Tab des bestehenden Dokuments.

Die Bedienung ist allerdings inkonsistent: Wer mit der Maus die Plus-Schaltfläche in Pages für Tabs anklickt, der bekommt die Vorlagenauswahl als Tab und nicht als Fenster. Die Dateiauswahl gibt es übrigens immer nur als separates Fenster. Über das Plus-Symbol lässt sich zudem keine Datei öffnen. Der Anwender muss also zwei Bedienungssysteme verwenden, wo nur eines notwendig wäre. Wer bereits mehrere Fenster offen hat, der kann über ein Kommando in der Menubar unter Fenster sämtliche Fenster als Tabs zusammenfügen.

Ganz anders funktioniert Apple Maps. Es gleicht fast dem Safari-Browser. Tabs werden mit Command+T geöffnet. Es gibt aber einen Unterschied: Wer mehrere Tabs geöffnet hat, die Kartenanwendung schließt und wieder öffnet, hat alle seine Tabs und damit Navigationsziele verloren. Hier hält Apple das Versprechen nicht, sich ähnlich wie bei Safari zu verhalten. Dort kann der Anwender nämlich seine Browsersession wiederherstellen. In Apple Maps stört uns doch sehr, dass das fehlt.

Programme ohne Tabs

In Anwendungen wie dem Kalender oder den Kontakten gibt es wiederum keine Tabs. Erstaunlicherweise fehlen diese auch in der Vorschauanwendung. Gerade beim Betrachten mehrerer PDF-Dokumente würden sich Tabs anbieten. Mit verschiedenen Bildern funktioniert wie gehabt das Betrachten in einem Fenster, allerdings nicht über Tabs, sondern über die Seitenleiste. Hier hat sich nichts geändert. Wohl zeigt sich aber, dass es kein einheitliches Bedienungskonzept mehr gibt.

In Apple Mail verwirrt das aufgrund der Kombination aus Fenster- und Tab-Modus noch mehr. Das Hauptfenster mit der Anzeige der E-Mails wird beispielsweise nicht mit Tabs angereichert. Stattdessen gibt es ein Fenster mit allen Tabs von zu schreibenden E-Mails und ein weiteres Fenster mit Tabs von allen E-Mails in einer separaten Ansicht (Doppelklick auf eine E-Mail). Das Kommando "alle Fenster zusammenzufügen" ergibt in Apple Mail keinen Sinn, weil es nicht das Versprochene tut und wir in unserem Fall in jeder Situation noch drei Fenster haben. Zudem gibt es einen Unterschied zu der Bedienung in Pages. Wer eine neue E-Mail schreibt, öffnet eine neue Fenster-Instanz. Selbiges gilt für die aktivierte Einzelansicht von E-Mails. Ein automatisches Öffnen in Tabs wie in Pages gibt es nicht.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass Apple hier gewaltig übertreibt. Die Ähnlichkeit zu Safari ist nicht gegeben und von einer sauberen, einheitlichen Unterstützung in den meisten Programmen kann nicht die Rede sein. Uns stören die Bedienungsinkonsistenzen bei so einer großen Ankündigung. Es erscheint eilig hineinprogrammiert und nicht durchdacht. Command+T hat in MacOS weiterhin unterschiedliche Bedeutungen. Wobei viele Anwender, die häufig den Font-Dialog aufrufen, sicher froh darüber sind, dass sich trotz Tab-Unterstützung nichts geändert hat.

Verfügbarkeit und Fazit von MacOS Sierra

Apples neues Betriebssystem soll im Laufe des Abends am 20. September 2016 erscheinen und über den Mac App Store verfügbar sein. Das Update auf Sierra ist kostenlos. Bei den Hardwarevoraussetzungen(öffnet im neuen Fenster) bleibt das System recht sparsam. Alle Rechner, die seit 2011 erschienen sind, werden unterstützt. In einigen Fällen reicht die Unterstützung bis in das Jahr 2009.

Fazit

Es ist das erste Mal, dass wir ein sehr ungutes Gefühl nach der Installation eines Betriebssystems haben. Auf der einen Seite betreibt Apple Effekthascherei. Siri findet laut Apple beispielsweise alle Dateien einfach und schnell. Doch das stimmt allenfalls dann, wenn der Anwender mit Siri auf Englisch redet. Das Mindeste wäre, dass Apple auf der deutschen Webseite auf dieses Problem aufmerksam macht. Aus Marketingsicht wäre es jedoch vermutlich ein Desaster zuzugeben, dass die wichtigste Neuerung von MacOS Sierra in der deutschen Sprache nicht vernünftig funktioniert. Und so bleibt es dabei, dass Apple eine Neuerung anpreist, die es kaum wert ist, Versuche mit ihr durchzuführen.

Siri enttäuscht uns sogar doppelt. In den vergangenen fünf Jahren seit der Einführung auf dem iPhone 4S hat sich viel zu wenig getan bei der Bedienung des Sprachassistenten, insbesondere beim Verständnis anderer Sprachen. Im Ausland navigieren? Kaum möglich. Anderssprachige Musik abspielen? Allenfalls, wenn es sich um Taylor Swift handelt. Das ist zu wenig für die lange Zeit der Entwicklung.

Aber auch andere Funktionen enttäuschen uns. Die neue Welt der Tabs ist bedienungstechnisch äußerst inkonsistent. Niemand möchte sich unterschiedliche Tastenbefehle für unterschiedliche Anwendungen merken müssen. Auch sind die Anwendungsszenarien teilweise absonderlich. Zum jetzigen Zeitpunkt hätte sich Apple die Funktion sparen können. Zudem plagen uns Bugs in Verbindung mit der Apple ID, was uns vor allem im Zusammenhang mit iCloud und den Speicherplatzsparmechanismen nervös werden lässt.

Hier hat sich Apple für ein Design entschieden, das uns schockiert. Beim Aufräumen wird der Papierkorb umgangen und Dateien werden unwiederbringlich gelöscht. Das weiß Apple sogar und warnt davor; warum es diesen klaren Nachteil verglichen mit normalem Aufräumen gibt, verstehen wir nicht. Intelligenz fehlt uns auch bei der Liste der Dateien, die zur Löschung vorgeschlagen werden: Hier werden anscheinend einfach die größten Dateien aufgelistet. Besonders schwer auffindbare Dateileichen haben wir so nicht aufgespürt.

Abgerundet wird das alles mit Apples Entscheidung, den Anwendern, die sich nachträglich gegen die iCloud-Synchronisation entscheiden, einen leeren Desktop und einen leeren Dokumentenordner zu hinterlassen. Auch das bewusst, denn einen Warndialog gibt es hier ebenfalls nicht.

Wir müssen deswegen erstmals von einem Mac-Betriebssystem-Update abraten. Zu viele Designentscheidungen sind fragwürdig und schaden im Zweifelsfall dem Anwender. Wir würden lieber noch einige Monate warten, bis es erste Erfahrungsberichte von Nutzern gibt, die das System über einen längeren Zeitraum installiert haben.


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